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Acitretin (Neotigason): Wirkung und Nebenwirkungen

Acitretin (Neotigason®), ein Wirkstoff aus der Gruppe der Retinoide, wird zur Behandlung der Schuppenflechte und anderer schwerer Verhornungsstörungen der Haut eingesetzt. Mehr zu Wirkung und Nebenwirkungen von Acitretin erfahren Sie im folgenden Beitrag.

Wie wirkt Acitretin (Neotigason)?

Vitamin-A-Abkömmling

Der Wirkstoff Acitretin ist ein Vertreter der sogenannten Retinoide, einer synthetisch hergestellten Form des Vitamin A (Retinol). Retinoide entfalten ihre Wirkung über eine Regulation des Wachstums und der Reifung von Zellen. Gleichzeitig schalten sie aber auch Zellen gezielt ab, was wiederum zum programmierten Zelltod führt.

Weniger Schuppen bei der Psoriasis

Die gesunde Oberhaut des Menschen erneuert sich etwa alle 28 Tage. Hierbei entstehen neue Hautzellen, und ältere, verhornte Hautzellen werden abgestoßen. Bei der Psoriasis teilen sich die Keratinozyten (hornbildende Zellen) vermehrt, die Zeit bis zur Umwandlung in eine (unvollständige) Hornzelle ist auf 3-5 Tage verkürzt. Beide Mechanismen sind der Grund für die vermehrte silbrige Schuppenbildung.

Das Retinoid Acitretin fördert das langsame Ausreifen der neu gebildeten Zelle, indem es regulierend in die unkontrollierte Vermehrung der Hautzellen eingreift. Außerdem hat es eine direkte Hornhaut-lösende Wirkung, die sich bereits nach einigen Tagen bemerkbar machen kann und zu einer scheinbaren Verschlechterung des Hautzustandes führt. Dieser Zustand reguliert sich jedoch schnell wieder.

Welche Nebenwirkungen kann Acitretin (Neotigason) haben?

Nebenwirkungen allesamt nur vorübergehend

Die möglichen Nebenwirkungen von Acitretin sind vielfältig und entsprechen weitgehend denen einer Vitamin A-Überdosierung. Sie sind dosisabhängig und bilden sich nach Beendigung der Behandlung wieder vollständig zurück.

Zu den am häufigsten genannten unerwünschten Arzneiwirkungen gehören unter anderem trockene Haut und Schleimhäute, trockene Augen, Haarausfall, Kopfschmerzen, Ödeme sowie erhöhte Fett- und Leberwerte. Manche Betroffene klagen auch über Nagelveränderungen, Juckreiz, Gelenk- oder Muskelschmerzen.

Tipps zur Behandlung unter Acitretin

Neben einer regelmäßigen Rückfettung der Haut empfiehlt sich Panthenol für die Nasenschleimhaut und für die Lippen. Bei sehr trockenen Augen können künstliche Tränen eingesetzt werden. Kontaktlinsenträger sollten während der Behandlung mit einem Retinoid übergangsweise wieder eine Brille tragen.

Der Haarausfall (diffuse Alopezie) ist gerade für Frauen sehr einschränkend und führt nicht selten zum Therapieabbruch. Aber auch diese Nebenwirkung bildet sich wieder vollständig zurück und kann beispielsweise mit einer Perücke überbrückt werde.

Retinoide führen zu einer erhöhten Lichtempfindlichkeit. Daher sollte während der gesamten Behandlungsdauer Sonnenlicht gemieden bzw. auf ausreichenden Lichtschutz geachtet werden.

Bei erhöhten Blutfett- und Leberwerten sollten Sie auf eine fett- und kohlenhydratarme Diät achten bzw. auf Alkohol verzichten. Ggf. ist im Einzelfall auch der Einsatz von Lipidsenkern erforderlich. Unabhängig davon wird bei Frauen während der gesamten Therapiedauer mit Acitretin und bis zu zwei Monate danach zu einer absoluten Alkoholabstinenz geraten.

Was ist bei der Einnahme von Neotigason zu beachten?

Bei bestimmten Medikamenten ist es wichtig zu wissen, wie und wann man sie einzunehmen hat. Zwischen Arzneien und manchen Nahrungsmitteln können nämlich problematische Wechselwirkungen entstehen. Nicht selten spielen dabei auch Milchprodukte eine Rolle. Bei den Retinoiden verhält es sich anders.

Es gibt unzählige Lebensmittel, die in Kombination mit einigen Medikamenten zu einer Wirkungsverstärkung oder -abschwächung der Therapie führen können. Ganz vorne mit dabei sind auch die Milchprodukte.

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Besonders bei der Einnahme von einigen Antibiotika stellt das in der Milch vorhandene Kalzium ein Problem dar. Im Magen kann es mit ihnen schwerlösliche Verbindungen eingehen, die dann vom Körper schlechter aufgenommen werden und entsprechend schwächer wirken.

Im Zweifelsfall immer mit Wasser trinken?

Mit der Einstellung, besser alles mit Wasser einzunehmen, kann man bei den meisten Medikamenten nichts falsch machen. Bei den Retinoiden, den sogenannten Vitamin A-Abkömmlingen, verhält es sich etwas anders. Anstatt mit Wasser sollten die Neotigason®-Kapseln einmal täglich zu einer (fettreichen) Mahlzeit oder mit einem Glas Milch eingenommen werden. Aufgrund der lipophilen (fettlöslichen) Eigenschaft der Retinoide erreicht man so eine bessere Aufnahme und Verwertung des Medikaments im Körper.

Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln beachten!

Während Lebensmittel bei der Einnahme von Acitretin (Neotigason®) keine negativen Wechselwirkungen hervorrufen, muss man bei manchen Medikamenten umso vorsichtiger sein.

Acitretin darf nicht zusammen angewandt werden mit:

  • Methotrexat (Zytostatikum, das das Zellwachstum hemmt. Es wird in der Chemotherapie, bei rheumatischen Erkrankungen und bei Hauterkrankungen eingesetzt.): Bei der Kombination besteht ein erhöhtes Hepatitis-Risiko.
  • Tetracyclin (Antibiotikum): Bei gemeinsamer Verabreichung mit Acitretin kann das eine Hirndruckerhöhung zur Folge haben mit Bewusstseinsstörungen, Atembeschwerden und Pulsverlangsamung.
  • Vitamin A (z.B. in Multivitamin-Präparaten) und andere Retinoide (z.B. Isotretinoin): Es besteht erhöhte Gefahr einer Vitamin-A-Überdosierung.
  • Phenytoin (Antiepileptikum): Es kommt zu einer Wirkungsverstärkung des Antiepileptikums.

Zu beachten ist in diesem Zusammenhang auch, dass der gleichzeitige Alkoholkonsum mit Neotigason® eine verstärkte Umwandlung von Acitretin zu Etretinat bewirkt. Etretinat gehört ebenfalls in die Gruppe der Retinoide. Es lagert sich im Fettgewebe ab und wird von hier aus nur langsam freigesetzt. Dadurch wirkt der Stoff auch nach Beendigung der Neotigason®-Behandlung noch bis zu drei Jahre lang nach.

Kann ich mit Psoriasis trotz Neotigason in die Sonne?

Seit Jahrhunderten weiß man, dass das Sonnenlicht einen positiven Effekt auf bestimmte Hauterkrankungen hat. So auch bei der Schuppenflechte. Allerdings können Medikamente wie Acitretin (Neotigason®) die Lichtempfindlichkeit eines Menschen so stark erhöhen, dass eine Sonnenexposition unter Therapie nur mit Vorsicht zu genießen ist.

Konsequenter UV-Schutz unter Acitretin

Unter der Behandlung mit systemischen Retinoiden (z.B. Neotigason®), die eingenommen werden und somit innerlich wirken, sollten besonders Menschen mit einem hellen Hauttyp auf konsequenten Lichtschutz achten. Die Retinoide gehören zu den Vitamin-A-Derivaten und haben eine lichtsensibilisierende Wirkung. Das heißt, dass sonst unbedenkliche Aufenthalte in der Sonne unter einer Therapie mit Neotigason® plötzlich zu Sonnenbränden führen können.

Um dies zu vermeiden, sollte man während der gesamten Behandlungszeit auf ausgiebige Sonnenbäder im Freien und insbesondere auf Sonnenbänke verzichten. Neben einem entsprechenden luftigen Textilschutz empfiehlt sich ein Sonnenschutzmittel mit einem wirkungsvollen UVA-/UVB-Filter und hohen Lichtschutzfaktor.

Von der erhöhten Lichtempfindlichkeit können bei manchen Menschen auch die Augen betroffen sein. In diesen Fällen reicht das bedarfsgerechte Tragen einer Sonnenbrille in der Regel aus.

PUVA-Lichttherapie bei Psoriasis

Im Bereich des nicht sichtbaren Lichts gibt es die sogenannte Ultraviolettstrahlung (UV-Strahlung). Manche dieser Lichtwellen (UVA und UVB) wirken sich bei geringer Dosierung günstig auf Entzündungsprozesse und Autoimmunreaktionen in der Haut aus. Diesen Effekt, den man vom natürlichen Sonnenlicht kennt, hat man vor etwa 100 Jahren angefangen, künstlich herzustellen.

Seit einigen Jahrzehnten wird die Lichttherapie in verschiedenen Formen auch in Deutschland eingesetzt. Ein besonderes Verfahren ist die PUVA-Lichttherapie. Hierbei kommt die tiefer in die Haut eindringende UVA-Strahlung zum Einsatz. Vor der Bestrahlung bekommen die Behandelten sogenannte Psoralene verabreicht. Das sind pflanzliche Wirkstoffe, die die Haut empfindlicher für das UV-Licht machen und damit für eine intensivere Wirkung der Therapie sorgen. Das Psoralen gibt es in Form von Tabletten, Cremes oder Badezusätzen.

Doch dieses Verfahren birgt auch Risiken. Die Haut ist bei der topischen (äußerlichen) PUVA noch für etwa drei bis vier Stunden und bei der systemischen (innerlichen) PUVA für mindestens zwölf Stunden durch das Psoralen sehr sensibel. Es ist absolut notwendig, während dieses Zeitraumes konsequenten Hautschutz zu betreiben und (bei der systemischen Variante) eine Sonnenbrille zu tragen. Das gilt übrigens auch für geschlossene Räume, da UV-Licht durch Fensterglas dringen kann.

RePUVA: Jetzt doch Neotigason® und Licht?

Neben der Kombination von UVA mit dem Photosensibilisator Psoralen gibt es noch die Möglichkeit der RePUVA (Retinoid + PUVA). Bei diesem Verfahren führt man zu der internen Retinoid-Therapie (z.B. mit Neotigason®) zusätzlich eine PUVA-Behandlung durch. Durch das Verwenden zweier lichtsensibilisierender Wirkstoffe kann die Gesamtstrahlenbelastung der PUVA-Lichttherapie reduziert werden und trotzdem eine hoch wirksame Behandlung erzielt werden.

Vor allem bei der Behandlung der Psoriasis pustulosa palmoplantaris setzt man gerne die lokale RePUVA an Händen und Füßen ein. Danach empfiehlt sich das Tragen von Baumwollhandschuhen und Strümpfen für etwa drei Stunden.

Warum das Sonnenbaden dennoch nicht empfohlen wird

Jetzt könnten Sie sich fragen: "Warum kann ich stattdessen nicht gleich in die Sonne oder ins Solarium?" Die Frage ist tatsächlich berechtigt! Man könnte annehmen, dass es doch viel einfacher wäre, statt des künstlichen Lichts das natürliche Licht zur Wirkungsverstärkung einzusetzen.

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Das Problem ist jedoch die Unkontrollierbarkeit des natürlichen Sonnenlichts oder auch des Solariums. Während der Arzt im Rahmen der medizinischen Lichttherapie die jeweilige Strahlenart und -dosis abhängig vom Hauttyp und von der Erkrankung des Betroffenen auswählt, ist das beim Sonnenlicht nicht möglich. Sie wären einer unkontrollierten UVA- und UVB-Strahlung ausgesetzt und somit auch einer erhöhten Sonnenbrandgefahr.

Psoriasis: Darf ich unter Neotigason Blut spenden?

Das Retinoid Acitretin (Neotigason®) kann einem Embryo Schaden zufügen und darf weder während der Schwangerschaft noch an gebärfähige Frauen ohne Verhütung verabreicht werden. Um andere Frauen nicht zu gefährden, dürfen daher Menschen mit Psoriasis unter einer Therapie mit Retinoiden kein Blut spenden!

Blutspendeverbot für drei Jahre

Während der Behandlung mit Acitretin (Neotigason®) bis einschließlich drei Jahre nach Beendigung der Therapie dürfen weder Frauen noch Männer Blut spenden. Es besteht die Gefahr, dass das ungeborene Kind einer Empfängerin durch die Blutkonserve unwissend gefährdet wird und es zu Missbildungen kommt.

Hintergrund ist die teilweise Umwandlung von Acitretin zu Etretinat, die im Körper stattfindet. Dieser Stoff ist ebenfalls ein Retinoid mit teratogener (fruchtschädigender) Wirkung.

Während Acitretin im Körper schnell abgebaut wird, lagert sich das Stoffwechselprodukt Etretinat dagegen im Fettgewebe ab. Von hier wird es dann nur langsam freigesetzt, so dass seine Wirkung noch lange nach dem Ende der Behandlung mit Neotigason® anhalten kann. Es ist teilweise bis zu drei Jahre nach der Therapie im Körper nachweisbar.

Kein Alkohol für Frauen unter Neotigason®

Frauen im gebärfähigen Alter dürfen bzw. sollten während der Einnahme von Acitretin (Neotigason®) und zwei Monate danach außerdem keinen Alkohol trinken. Man hat festgestellt, dass Alkohol als sogenannter Co-Faktor eine zusätzlich fördernde Wirkung auf die Umwandlung von Acitretin zu Etretinat hat. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit der Bildung dieses fruchtschädigenden Stoffwechselprodukts.

Übrigens: Beim Vitamin A-Abkömmling Isotretinoin, welches vorwiegend bei schwerer Akne eingesetzt wird, ist die Einschränkung zur Blutspende nicht ganz so rigoros. Wegen der teratogenen Wirkung darf aber auch hier während der Einnahmezeit und bis vier Wochen nach Ende der innerlichen Therapie kein Blut gespendet werden.

Psoriasis: Rezept für Neotigason nur eine Woche gültig?

In Deutschland kann der niedergelassene Arzt unterschiedliche Rezepte ausstellen. Am häufigsten kommt das rote Kassenrezept vor, oft auch ein blaues Privatrezept. Wie lange eine Verschreibung gültig ist, hängt dabei vom verordneten Medikament ab. Neotigason® hat als Retinoid für manche Betroffene eine verkürzte Gültigkeit.

Sieben Tage Zeit zum Einlösen

Das rote Kassenrezept ist in den meisten Fällen einen Monat gültig. Bei bestimmten Wirkstoffen weicht die Gültigkeit des roten Kassenrezepts jedoch ab. Das gilt z.B. bei Medikamenten zur Behandlung von Akne, aber auch von Psoriasis. Bei beiden Erkrankungen geht es um die Verschreibung der sogenannten Vitamin A-Abkömmlinge.

Die Retinoide Acitretin (Neotigason®) und Isotretinoin (zur Therapie der Akne) können einem Embryo Schaden zufügen und dürfen daher weder während der Schwangerschaft noch an gebärfähige Frauen ohne Verhütung verabreicht werden. Es sind Wirkstoffe, deren Verordnung einer besonderen Überwachung durch den Arzt und der Apotheke unterliegt.

Somit gilt für Frauen im gebärfähigen Alter:

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  • Abgabe von Acitretin (bzw. Isotretinoin) nur innerhalb von sieben Tagen ab Rezept-Ausstellungsdatum
  • Nach dem Ausstellungsdatum gilt das Rezept als ungültig.
  • Die erneute Verordnung des Medikaments erfordert wiederum das Durchführen eines neuen Schwangerschaftstests.

Tabletten maximal für 30 Tage

Bei Frauen im gebärfähigen Alter gibt es noch weitere Einschränkungen bei der Therapie mit Acitretin (bzw. Isotretinoin). So ist die verschriebene Menge eines Retinoids pro Rezept auf einen Bedarf von 30 Tagen begrenzt.

Durch diese gesetzliche Vorgabe soll der regelmäßige Arztbesuch inklusive Schwangerschaftstest alle 28 Tage gewährleistet werden. Nur bei einem negativen Test, der nicht älter als drei Tage sein darf, kann ein neues Rezept ausgestellt werden.

Was ist nach der Therapie zu beachten?

Nach Beendigung einer Behandlung mit Acitretin (Neotigason®) sollten Frauen im gebärfähigen Alter weiterhin regelmäßig Schwangerschaftstest durchführen. Es wird empfohlen, diese in Abständen von ein bis drei Monaten über einen Zeitraum von drei Jahren nach Einnahme der letzten Dosis durchzuführen.

Für Männer und Frauen gilt: Bewahren Sie die Arzneimittel sicher auf, und geben Sie diese nicht an andere Personen weiter! Ihre übriggebliebenen Kapseln sollten Sie zur Entsorgung in die Apotheke zurückbringen.

Autorin: 

Quellen:

  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF): Leitlinie zur Therapie der Psoriasis vulgaris, Download: http://www.awmf.org, Zugriff Juli 2019.
  • Rote Liste Service GmbH, Fachinformation Neotigason®.

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