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Aggressionsstörung bei Kindern: Ursachen und Hilfen

Warum verhält sich mein Kind aggressiv? Handelt es sich etwa um eine Verhaltensstörung? Wie gehe ich am besten mit meinem Kind um und gibt es eine Behandlung für agressive Kinder? Mehr dazu in diesem Kapitel.

Basiswissen

Warum verhalten sich Kinder aggressiv?

Aggressionen sind Gefühlsregungen und gehören als solche zum Leben von Kindern und Erwachsenen. Der Umgang mit ihnen muss erlernt werden und das gelingt beim einen Kind besser als beim anderen – was übrigens auch bei manch Erwachsenem noch feststellbar ist.

Oft steckt hinter aggressivem Verhalten ein Gefühlsmix aus Wut, Unsicherheit, Hilflosigkeit, Verzweiflung, Enttäuschung, Missachtung und Ungerechtigkeit. Auch Gewalterfahrungen und -vorbilder in der Familie können sich dahinter verbergen. Damit sind nicht nur krasse Fälle häuslicher Gewalt gemeint, sondern auch die kleinen, alltäglichen Aggressionen ganz „normaler“, wohlmeinender Eltern. Beobachten Sie sich selbst und denken Sie an Ihre Vorbildfunktion!

Symptome

Woran erkenne ich ein gestörtes Aggressionsverhalten bei meinem Kind?

Aggressionen gehören zu unserem natürlichen Verhaltensrepertoire und was noch „normal“ ist oder nicht unterliegt individuellen und gesellschaftlichen Maßstäben. Die können zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten der Welt durchaus unterschiedlich ausfallen.

Als wichtige Hinweise auf echte Aggressionsprobleme sollten Sie es verstehen, wenn Ihr Kind:

  • ständig in Raufereien verwickelt ist
  • keinerlei Einfühlungsvermögen in andere Kinder oder auch Tiere zeigt
  • nicht vor Verletzungen anderer Kinder und/oder sich selbst zurückschreckt
  • die Kontrolle über sich verliert und mit dem Prügeln auch dann nicht aufhört, wenn sein Gegenüber bereits aufgegeben hat.

Wenn Ihr Kind über einen längeren Zeitraum (mehr als sechs Monate) zu gewalttätigem Verhalten neigt, sollte die Abklärung einer echten Aggressionsstörung und ihrer tieferliegenden Ursachen beim Kinder- und Jugendpsychologen oder -psychiater in Angriff genommen werden.

Mein Kleinkind wird immer aggressiver – ist das normal?

Aggressionen gehören als Gefühlsregungen zum natürlichen menschlichen Verhaltensspektrum. In den ersten drei Lebensjahren nimmt das aggressive Verhalten bei Kindern laufend zu.

Später lernen sie dann, Kompromisse zu schließen und aggressive Energien in konstruktive Bahnen zu lenken. In der allen Eltern bekannten „Nein“- oder „Trotz-Phase“ probt das Kind zum ersten Mal die eigene Abgrenzung und Durchsetzungskraft, sei es beim täglichen „Kampf“ ums Essen oder Anziehen oder in vielen anderen Situationen. Eltern sollten diesem Verhalten mit so viel Humor und Verantwortungsgefühl wie möglich begegnen.

Davon zu unterscheiden sind echte Aggressionsprobleme als Anzeichen dafür, dass etwas (in der Erziehung und/oder im Umfeld des Kindes) grundsätzlich schiefläuft.

Ursachen

Welche Ursachen für Aggressionsstörungen gibt es?

Wie zu erwarten, gibt es bei einer so komplexen Angelegenheit wie dem menschlichen Aggressionsverhalten keine simplen Erklärungen, sondern eine Vielzahl möglicher Ursachen, Faktoren und Deutungsversuche, die in der Wissenschaft diskutiert werden und unterschiedlichste Aspekte beleuchten.

Als mögliche Ursachen von Aggressionsstörungen gelten:

  • erbliche Faktoren
  • schädliche, entwicklungshemmende Einflüsse während der Schwangerschaft (Rauchen, Alkohol, Drogen) und Geburt
  • angeborener Aggressionstrieb
  • erlerntes Aggressionsverhalten („Wer sein Kind schlägt, lehrt es zu schlagen.“)
  • Reaktion auf Frustrationsereignisse (Nichterfüllen von Wünschen und Erwartungen, z.B. nach Anerkennung, Zuwendung oder Liebe; soziale Perspektivlosigkeit)
  • Trotz und Zerstörungswut als Folge ständiger Ermahnungen und Tadelungen ohne stärkendes Lob

Die meisten Forscher halten gegenwärtig einzelne Erklärungsansätze wie Trieb- und Lerntheorie sowie das Frustrationskonzept für sich allein genommen als unzureichend. Eher ist von einem Gemisch aus sozialen und kulturellen Einflüssen, frühkindlichen Situationen, gegenwärtigen Frustrationen und biologisch vorgegebenen Reaktionsnormen auszugehen.

Unangemessenes aggressives Verhalten – ob bei Kindern oder Erwachsenen – scheint überwiegend die Reaktion auf Kränkungen der Selbstliebe eines Individuums oder einer Gruppe zu sein. Im Zentrum des überaus häufigen und alle sozialen Schichten betreffenden Problems steht die Beschädigung des Selbstwertgefühls, das es von frühester Kindheit an zu hegen und pflegen gilt.

Warum verletzt sich mein Kind selbst?

Wenn Kinder sich selbst verletzen, z.B. durch Haareausreißen, starkes Nägelkauen oder mit dem Kopf an die Wand Schlagen, ist dies ein typisches Anzeichen für aufgestaute Aggressionen.

Das sollten Sie zum Anlass nehmen, um sich in Ruhe und mit ausreichend Zeit Ihrem Kind zu widmen und gemeinsam die Ursachen und Lösungsmöglichkeiten für das Aggressionsproblem zu ergründen. Zögern Sie nicht, sich hierbei auch kinder- oder jugendpsychiatrische Hilfe zu holen. Ihr Kinderarzt wird wissen, zu wem Sie gehen können.

Behandlung

Wie kann meinem Kind bei einer Aggressionsstörung geholfen werden?

Ziehen Sie professionelle Hilfe hinzu, wenn Sie fürchten, mit den Aggressionsproblemen Ihres Kindes nicht mehr alleine zurecht zu kommen oder sich dabei überfordert fühlen.

Bei einer echten Aggressionsstörung reicht bloße Beratung meist nicht aus. Dafür können ein spezielles Training zur Konfliktbewältigung für die Eltern und eine Verhaltenstherapie für das Kind erforderlich werden und auch helfen.

Wenden Sie sich zur Vermittlung geeigneter kinder- und jugendpsychologischer bzw. -psychiatrischer Betreuungsangebote ggf. an Ihren Kinderarzt.

Umgang

Wie verhalte ich mich, wenn mein Kind sehr aggressiv ist?

Halte Sie inne, bevor Sie anfangen, sich über Ihr aggressives Kind zu ärgern und selbst aggressiv zu reagieren! Bedenken Sie, dass – neben zahlreichen anderen Einflüssen, die Sie weniger gut kontrollieren können – vor allem auch Ihr eigenes Verhalten sich in dem Ihres Kindes widerspiegelt.

Gehen Sie lieber folgendermaßen vor:

  • Wägen Sie ab, ob es sich um einen im Grunde harmlosen Wutanfall handelt. Kinder dürfen auch mal richtig „Dampf ablassen“, wenn sie dabei niemandem schaden. Ignorieren Sie derartige Wutanfälle möglichst, statt sie durch besondere Aufmerksamkeit zu „belohnen“.
  • Nehmen Sie Ihr Kind liebevoll und bestimmt in den Arm, das vermittelt Sicherheit und Ruhe.
  • Nehmen Sie sich ausreichend Zeit und guten Willen zur Klärung der Situation.
  • Vermeiden Sie jede weitere Eskalation und gegenseitiges Aufschaukeln, wenn nötig, durch räumliche Trennung und zeitliche Entzerrung. Erst wenn Ihr Kind von seiner Palme wieder heruntergekommen ist, hat ein vernünftiges und auf Einsicht setzendes Vorgehen Aussicht auf Erfolg.
  • Suchen Sie nach der auslösenden Ursache für die Aggression Ihres Kindes.
  • Prüfen Sie, ob Ihr Kind übermüdet ist und sorgen Sie, falls ja, für ausreichenden Schlaf.
  • Sorgen Sie für einen artgerechten Abbau von Aggressionen durch viel Bewegung und frische Luft sowie sportlichen Wettkampf (v.a. für Jungs).
  • Vermeiden Sie Reizüberflutung und maßlosen Medienkonsum Ihres Kindes. Das fördert nicht nur die Entwicklung und Fitness seines Gehirns, sondern mindert auch die Gefahren durch aggressionsfördernde Gewaltvorbilder im Fernsehen und Internet.
  • Prüfen Sie, ob Ihr Kind zur Zeit sehr belastet ist (z.B. Schulprobleme, Ängste, Überforderung).
  • Fragen Sie Ihr Kind nach den Gründen seiner Wut und machen Sie sich die Mühe, diese nachzuvollziehen.
  • Helfen Sie Ihrem Kind bei der Formulierung dessen, was es stört. Damit beginnt bereits die Deeskalation der Situation.
  • Bestrafen Sie Ihr Kind weder unangemessen noch ohne Vorankündigung.
  • Suchen Sie gemeinsam nach einer Lösung, die die Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigt.
  • Widmen Sie Ihrem Kind mehr Zeit und schenken Sie ihm viel Lob, Zuspruch und Zuneigung.
  • Denken Sie an Ihre eigene Vorbildfunktion!

Auch wenn eine ursächliche Lösung des Aggressionsproblems im Moment nicht möglich oder realistisch erscheint, sollten Sie Ihrem Kind unbedingt vermitteln, dass Sie zwar sein aggressives Fehlverhalten missbilligen, unabhängig davon aber mit Verständnis und Liebe zu ihm stehen. Voreilige elterliche Reflexe mit der Androhung von Strafe oder Liebesentzug sind hier – wenn auch verständlich und häufig – nicht nur fehl am Platz, sondern oft auch Teil des Problems. Genauso übrigens wie ein verharmlosendes oder bequemliches Nichtkümmern.

Wann muss ich bei aggressivem Verhalten meines Kindes einschreiten?

Nicht immer und überall ist elterliches Eingreifen angebracht, wenn sich Kinder aggressiv verhalten. Auf jeden Fall einschreiten sollten Sie allerdings, wenn:

  • die Verletzungsgefahr zu groß wird
  • ein Kind bereits verzweifelt weint oder wehrlos weiter drangsaliert wird
  • sich aggressives Verhalten gegen Schwächere richtet
  • die Kinder mit der Konfliktlösung überfordert sind
  • ein Kind sich selbst Verletzungen zufügt.

Auch wenn ein Kind ständig auf Kosten anderer (inklusive Ihnen) seine Grenzen austestet, sollten Sie ihm diese klar und unmissverständlich aufzeigen. Selbst dann, wenn es nicht Ihr eigenes ist ...

Wissenswertes

Welche Arten von Aggressionen gibt es?

Es werden offene, verdeckte und stellvertretende Aggressionen unterschieden. Kinder und Jugendliche leben ihre Aggressionen noch überwiegend offen aus. Mit der Folge, dass sie damit sofort auffallen und bestraft sowie ggf. öffentlich geächtet werden.

Die Aggressionen der Erwachsenen gegenüber Kindern (und anderen Erwachsenen) sind wohl kaum als weniger aggressiv zu betrachten, erfolgen aber verdeckter und sind damit weniger angreifbar. Während Drohung und Beschimpfung in die Kategorie der offenen Aggression fallen, gehören Sticheln, Kritisieren, ins Lächerliche Ziehen und Herabsetzungen zu den verdeckten Aggressionen.

Eine stellvertretende Aggression liegt beispielsweise vor, wenn ein Elternteil den „auf Arbeit“ erlittenen Ärger zuhause abreagiert.

Quellen:

  • S3-Leitlinie: Störungen des Sozialverhaltens – Empfehlungen zur Versorgung und Behandlung (2016). Herausgeber: Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP). www.awmf.org.

Haben Sie eigene Erfahrungen oder eine andere Meinung? Dann schreiben Sie doch einen Kommentar (bitte Regeln beachten).

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Kommentare: Archiv

Trotz Hilfe hängt alles an der Mutter
07. April 2017 um 18:43 Uhr, mummy
Wir haben Psychiater, Psychologen und Sozialarbeiter, eine recht verständnisvolle Schule mit Lehrern, die - mittlerweile - auch auf mich als Mutter und die Psychologen hören. Trotzdem geht mein Sohn (12) bei Situationen, die ihn überfordern, wie ein Hefeteig in die Luft und beschimpft die Lehrerinnen unflätig. Zwei Minuten später ist er in Tränen aufgelöst und entschuldigt sich. Er ist gutmütig und sanft, schlägt nie zurück, wenn er von Mitschülern gepiesakt wird, aber wehe, er gerät in Wut. Er hat mich noch nie attackiert, aber verbal geht es zur Sache. Wenn ich selbst nicht gut drauf bin, dann merke ich, dass es auch mir hochsteigt, man ist nur ein Mensch. Auch wenn ich weiß, dass es eine Störung ist, einfach ist das nicht. Vor allem als Alleinerzieherin mit einem anspruchsvollen Job. Ich tue alles, was ich kann - er bekommt jetzt wieder Anti-Aggressionstraining, gegen die Schwächen in der Schule auch Hilfe, damit er nicht so oft überfordert ist. Trotzdem habe ich große Ängste, ob er einer jener Männer wird, die irgendwann mal zuschlagen und danach vor Reue zerfließen, doch dann ist es zu spät... Ich hoffe, mit all der Hilfe wird er lernen, diese große Wut kontrollieren zu lernen.
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