Hormone erst, wenn Phytos nicht helfen

Nachgefragt bei Prof. Dr. med. Marion Kiechle, Direktorin der Frauenklinik des Klinikums rechts der Isar der Technischen Universität München

Frau Prof. Kiechle, wie behandeln Sie Frauen mit Wechseljahrsbeschwerden, die keine Hormone einnehmen wollen?

Kiechle: Zuerst gibt es eine Reihe von Dingen, was den Lebensstil betrifft, welche die Frauen selbst in der Hand haben. So ist es sinnvoll auf Kaffee und scharf gewürzte Speisen zu verzichten, weil sie Hitzewallungen fördern. Das zweite, was sehr gut gegen Hitzewallungen und auch Schlafstörungen hilft, ist Sport.

Schicken Sie Ihre Patientinnen ins Fitness-Studio?

Wer gerne ins Fitness-Studio geht, sollte das tun. Ideal wäre hier ein individuelles Training. Aber das ist eine Geldfrage. Es macht bereits viel aus, mehr Bewegung in den Alltag zu integrieren, zum Beispiel Treppe statt Fahrstuhl. Oder steigen Sie einfach mal eine Station früher aus der U-Bahn und laufen das restliche Stück. Egal, was Sie machen, Sie sollten sich einfach bewegen.

Wie steht es mit pflanzlichen Mitteln gegen die Beschwerden?

Hier hat die Natur einiges zu bieten. Nachgewiesen ist die Wirksamkeit für Traubensilberkerze gegen Hitzewallungen und Johanniskraut bei Schlafstörungen. Eine Umfrage in Deutschland mit fast 10.000 Patientinnen hat ergeben, dass diese Phytotherapeutika bei 33,7 Prozent effektiv die Beschwerden lindern. Aber auch in der homöopathischen Apotheke gibt es einige Mittel, die wir gerne  einsetzen, etwa Pulsatilla bei Schlafstörungen.

Verschreiben Sie auch Hormone?

Etwa ein Drittel der Frauen im Wechsel hat schwerwiegende Symptome. Erst wenn pflanzliche Mittel hier nicht helfen, verordne ich Hormone. Aber zuvor kläre ich ab, ob es wirklich an den Wechseljahren liegt. Zu Schlafstörungen kommt es auch, wenn das Schlafzimmer zu warm ist. Oder weil es nicht gemütlich ist, sondern eher als Abstellkammer fürs Bügelbrett dient. Oder weil man abends gern ein Schlückchen zuviel trinkt. Alkohol hilft zwar beim Einschlafen, stört aber das Durchschlafen.

Geben Sie Hormone zum Schutz vor Knochenschwund?

Das mag Sinn machen. Aber ich denke, hierfür gibt es geeignetere Präparate als die Hormonersatztherapie.

Wie lange sollte man Hormone einnehmen?

Nur so lange wie nötig. Dabei kann man zwischendurch immer wieder einen Auslassversuch probieren und in Absprache mit dem Arzt die Dosis  halbieren. Das ist aber nur in einer psychisch stabilen Situation sinnvoll, etwa im Urlaub. 

Interview: Cornelia Weber
Patienten Journal Reise & Gesundheit 4/2014
Frauen-Hormon Östrogen

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