Pfundige Aussichten

Allen Diäten zum Trotz: Die Deutschen werden immer dicker. Wissenschaftler in Leipzig haben nun eine mögliche Erklärung gefunden, warum viele Übergewichtige Probleme damit haben, eine Diät durchzuziehen.

„Fit für die Bikinisaison“, „ Fünf Kilos in einer Woche“, „Abnehmen mit dem Mond“ – kaum kündigt sich der Frühling an, boomen Diäten. Keine Frauenzeitschrift, die nicht 100prozentig wirksame Abnehmtipps parat hat. Kein Lifestyle-Magazin ohne Diätplan für sie und ihn.

Ob die Wunderdiäten gegen den Speck an Bauch und Hüfte helfen, ist fraglich. Denn Fakt ist: Die Abnehmtipps haben uns insgesamt nicht schlanker gemacht. Im Gegenteil: Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. sind  67 Prozent der Männer zu dick. In der Altersgruppe zwischen 60 und 74 Jahren sind es sogar 80 Prozent, die zu viele Kilos mit sich schleppen. Von den Frauen ist jede Zweite zu dick. Auch sie legen nach dem 60sten Geburtstag noch mal zu.

So habe sich dem aktuellen Bericht der Gesellschaft für Ernährung zufolge die Zahl der Übergewichtigen auf hohem Niveau eingependelt. Die Adipösen – also die extrem Dicken – würden aber weiterhin schwerer werden. Das zeigt der Vergleich der aktuellen Daten mit den Zahlen aus dem Jahr 1998, die damals das Robert Koch-Institut erhoben hat.

Übergewicht als globales Problem

Nicht nur hierzulande, sondern weltweit steigt die Zahl der Übergewichtigen an. Die Gesundheitsorganisation WHO bezeichnet Adipositas gar als das am schnellsten wachsende Gesundheitsproblem und spricht von einer „globalen Adipositasepidemie“.

Wer schlank ist, signalisiert Vitalität, zu viele Pfunde stehen für Trägheit. Übergewicht allein als Folge von Willensschwäche und Faulheit anzusehen, sei wissenschaftlich widerlegt, hält Privatdozent Dr. Thomas Ellrott, Ernährungspsychologe an der Universität Göttingen, dagegen. Dass dicke Menschen ausschließlich selbst für ihr Übergewicht verantwortlich seien, bezweifelt auch Privatdozent Dr. med. Burkhard Pleger von der Universität Leipzig.

Der Neurowissenschaftler hat zusammen mit seinem Team eine mögliche Ursache im Gehirn ausfindig gemacht, die erklären könnte, warum bei manchen Menschen Diäten nicht erfolgreich sind. Demnach sind bei Übergewichtigen bestimmte Hirnregionen, die für Belohnungsgefühle verantwortlich sind und das Essverhalten beeinflussen, anders strukturiert als bei Normalgewichtigen. „In Verhaltensexperimenten neigen übergewichtige im Vergleich zu normalgewichtigen Frauen eher dazu, kurzfristige Belohnungen zu wählen, auch wenn negative Konsequenzen folgen“, sagt Dr. rer. nat. Annette Horstmann. „Sie gönnen sich schneller ein Stück Schokolade – auch wenn sie wissen, dass es für die Figur nachteilig ist“, so die Leipziger Neurobiologin.

Unabhängig davon, was sich im Gehirn Übergewichtiger abspielt: Überflüssige Pfunde sammelt nur derjenige an, der mehr konsumiert, als er verbraucht.

Autorin: Cornelia Weber
Patienten Journal Reise & Gesundheit 2/2013


Abnehm-Tipps vom Experten

Nachgefragt bei Prof. Dr. med. Hans Hauner, Direktor des Else Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin der Technischen Universität München

Zehn Kilo weniger in nur fünf Tagen – Herr Professor Hauner, was halten Sie von solchen Diätversprechungen?

So eine Gewichtsabnahme ist natürlich nicht möglich. Außerdem ist es falsch, davon auszugehen, kurzes Fasten reiche aus, um das Gewicht wieder ins Lot zu bringen. Das ist auf Dauer keine Lösung, weil die Leute nach so einer Radikalkur in der Regel schnell wieder zunehmen.

Wie stehen Sie zu Nulldiäten?

Das ist aus meiner Sicht sehr gefährlich. Denn dadurch wird der Körper extrem gestresst und muss massiv an seine Reserven gehen. Dabei geht zu viel Muskelmasse verloren. Das ist gefährlich für das Herz, aber auch für andere Organe. Wenn wir nach einem intensiveren Fasten gefragt werden, empfehlen wir eine Diät mit etwa 800 Kilokalorien am Tag. Das ist in Ordnung. Ich würde dann am ehesten zu Formula-Produkten auf Eiweiß-Basis raten, die mit wichtigen Mikronährstoffen angereichert sind. Man nimmt damit genauso gut ab wie mit einer kompletten Nulldiät, hat aber die Sicherheit, dass der Körper mit lebenswichtigen Mikronährstoffen und Proteinen versorgt ist.

Viele Diäten versprechen, den Körper zu entschlacken. Was bedeutet das eigentlich?

Das Konzept stammt aus dem 19. Jahrhundert und ist aus heutiger Sicht nicht haltbar. Was der Körper an überflüssigen Abbauprodukten produziert, scheidet er über die Nieren und den Stuhl aus.

Was empfehlen Sie neben Formuladiäten?

Wir suchen nach individuellen Lösungen. Man muss sehen, wo die Ernährungsprobleme liegen. Das können versteckte Fette sein oder zu große Portionen. Bei jüngeren Menschen sind zuckerhaltige Getränke häufig verborgene Kalorienbomben. Es geht nicht darum, viel weniger zu essen, sondern kalorienreiche Speisen durch energieärmere zu ersetzen und dabei satt zu werden. Das sind vor allem Obst, Gemüse und Vollkornprodukte und weniger Wurstwaren oder Käse. Durch eine individuelle Ernährungsumstellung und eine entsprechende Beratung kann man leicht fünf Kilo abnehmen. Dazu kommt möglichst viel Bewegung im Alltag – so einfache Dinge wie Treppensteigen, statt den Aufzug zu nehmen. Das ist zwar nicht ganz so effektiv wie Kalorien einsparen, aber es ist ein Beitrag zur Gesundheit und natürlich auch fürs Abnehmen.

Ab welchem BMI sehen Sie die Notwendigkeit abzunehmen?

Als Mediziner sehe ich die Notwendigkeit dann, wenn das Übergewicht die Gesundheit bedroht. Das ist nicht deckungsgleich mit dem, was sich der normale Bürger vorstellt, der aus kosmetischen Gründen abnehmen will. Der BMI ist dabei ein schlechter Indikator für  die Risiken des Übergewichts. Er sagt nur, wie schwer man ist. Wir wissen heute, dass bei einem BMI von 30 oder 35 nicht zwangsläufig gesundheitliche Störungen auftreten. Andererseits können auch Menschen mit einem BMI zwischen 25 und 30 durch Übergewicht mitverursachte gesundheitliche Probleme haben.

Lässt sich der Jojoeffekt umgehen?

Das ist der übliche Denkfehler bei Diäten: Die Leute essen vier Wochen lang weniger und nehmen dadurch zehn Kilo ab. Dabei verlieren sie etwa drei Kilo Muskelmasse. Diese ist aber entscheidend für den Energieumsatz. Wer zum ursprünglichen Ernährungsmuster zurückkehrt, hat plötzlich einen Energieüberschuss. Wer sein Gewicht halten will, muss auf Dauer mindestens 300 bis 500 Kilokalorien pro Tag einsparen. Ganz wichtig ist es, sich regel-mäßig dreimal in der Woche zu wiegen, um rechtzeitig  gegenzusteuern. Bewegung hilft dabei, das neue Gewicht zu halten.

Interview: Cornelia Weber
Patienten Journal Reise & Gesundheit 2/2013

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