Welche möglichen Ursachen hat das Reizdarmsyndrom?

Bis heute sind die Ursachen und Auslöser des Reizdarmsyndroms (RDS) nicht vollständig geklärt. Trotz intensiver Forschung liefert die Wissenschaft bislang nur vereinzelt Erklärungsansätze. Ein genauer Ablauf des Krankheitsprozesses beim RDS lässt sich bis zum heutigen Zeitpunkt noch nicht beschreiben.

Als mögliche Ursachen des Reizdarmsyndroms werden u.a. eine "viszerale Hypersensitivität", "Motilitätsstörungen" oder eine "Fehlsteuerung des autonomen Nervensystems" diskutiert. Eine schöne Aneinanderreihung von langen, unverständlichen Fachbegriffen, die definitiv einer näheren Erklärung bedarf. Lassen Sie sich mitnehmen auf einen kleinen Ausflug in die Welt der Wissenschaft.

Die Sache mit der Überempfindlichkeit

Untermauert durch verschiedene Studien geht man derzeit davon aus, dass die sogenannte viszerale Hypersensitivität eine nicht unerhebliche Rolle bei der Entstehung und Entwicklung des Reizdarmsyndroms spielt. Die viszerale Hypersensitivität bezeichnet eine allgemeine Überempfindlichkeit des Darms und anderer Bauchorgane (vom lateinischen "viscera" für Eingeweide) gegenüber Schmerzen.

Was bedeutet das nun für Sie? Über entsprechend aufwendige Untersuchungen ließ sich tatsächlich nachweisen, dass Menschen mit RDS im Bereich der Bauchorgane eine erniedrigte Schmerzschwelle haben. Ein steigender Druck oder bestimmte reizende Stoffe im Darm führen bei den Betroffenen deutlich schneller zu Bauchschmerzen und Völlegefühl.

Allerdings kann man sich bislang wiederum die Ursache für diese gesteigerte Empfindlichkeit nicht erklären. Wahrscheinlich ist die viszerale Hypersensitivität eine Kombination aus Ursachen im Bereich des Darms, des Rückenmarks und des Gehirns. Bekannt ist dagegen, dass Entzündungsbotenstoffe (z.B. TNF-α) hierbei eine erhebliche Rolle spielen.

Was den Darm noch so bewegt

Wie bereits erwähnt existieren momentan viele mögliche Theorien und Erklärungsversuche hinsichtlich der Ätiologie (Ursache) des Reizdarmsyndroms. Vor allem gibt es in diesem Bereich auch zahlreiche widersprüchliche bzw. nicht bestätigte Ergebnisse. Aus diesem Grund möchten wir die derzeitig vorliegenden pathogenetischen Konzepte nicht allzu sehr vertiefen, sondern Ihnen nachfolgend nur einen kleinen Überblick verschaffen.

Beispielsweise konnte man nachweisen, dass die Darmmotilität, d.h. die Bewegungsfähigkeit des Darms beim Durchfall-Typ (IBS-D) des Reizdarmsyndroms erhöht und beim Verstopfungs-Typ (IBS-O) erniedrigt ist. Ob nun als Folge oder Ursache ist weiterhin unklar. Es ist aber bekannt, dass das Hormon Serotonin hierbei eine wichtige Rolle spielt.

Des Weiteren gibt es Hinweise darauf, dass das Reizdarmsyndrom bei bestimmten Menschen durch eine Immunaktivierung hervorgerufen wird, die mit einer geringgradigen Entzündung einhergeht. Dieser Zustand lässt sich anhand erhöhter Entzündungsbotenstoffe und aktivierter Abwehrzellen (T-Zellen, Mastzellen) aufzeigen.

Hierbei spielen übrigens auch die in der Darmschleimhaut lokalisierten sogenannten enterochromaffinen Zellen eine Rolle. Sie produzieren Gewebshormone, die der Steuerung des Magen-Darm-Trakts dienen. Dazu zählt auch das Serotonin, das sowohl an der Entstehung der Bauchschmerzen beteiligt ist als auch für eine Steigerung der Darmbewegung und der Abgabe von Verdauungsenzymen sorgt.

Auch die Nerven spielen eine Rolle

In anderen wissenschaftlichen Projekten konnten Forscher nachweisen, dass Menschen mit einem Reizdarm-Syndrom u.a. eine erhöhte Nervenfaserdichte in der Darmschleimhaut haben. Außerdem waren bei den Betroffenen auch erhöhte Werte für Eiweiße messbar, die unmittelbar an der Magen-Darm-Tätigkeit beteiligt sind. Man geht bei diesem Ansatz folglich von einer Störung im "Bauchhirn" aus, dem enterischen Nervensystem.

Andere Studien sehen ganz klar die gestörte Kommunikation zwischen dem Verdauungstrakt und dem Zentralnervensystem als Verursacher der typischen Reizdarmbeschwerden. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einer Störung des vegetativen (autonomen) Nervensystems und der Darm-Hirn-Achse.

Es bleibt spannend

Der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle noch erwähnt, dass neben einer gestörten Magen-Darm-Barriere (also eine erhöhte Durchlässigkeit der Wände des Verdauungstraktes) sowohl die genetische Veranlagung als auch die weiblichen Geschlechtshormone (RDS überwiegt in der weiblichen Bevölkerung) als weitere mögliche Ursachen diskutiert werden.

Sie sehen, die Ursachenforschung wird intensiv und breitgefächert betrieben. Noch stehen sicherlich viele Theorien im Vordergrund, die es zu beweisen gilt. Zusammenfassend kann man jedoch sagen, dass beim RDS diverse Mechanismen auf kleinster Teilchen- und Zellebene für die gestörten Körperfunktionen relevant sind und für die Zukunft noch interessante Erkenntnisse zu erwarten sind.

Autorin: Dr. med. Sonia Trowe