Was ist ein Wahn oder eine Wahnvorstellung?

Ein Wahn ist eine Fehlbeurteilung. Bestimmte Realitäten werden anders gesehen als sie sind. Diese falsche Beurteilung ist nicht korrigierbar (gutes Zureden bringt also überhaupt nichts).

Formal gehört der Wahn zu den inhaltlichen Denkstörungen. Es geht also um die Denkinhalte (was gedacht wird), die bei einem psychisch Erkrankten verändert sein können. Daneben kann das Denken auch formal aus den Fugen geraten und z.B. verlangsamt, sprunghaft oder zerfahren sein (formale Denkstörung: wie gedacht wird).

Falsch, aber unerschütterlich

Es ist gar nicht so leicht, Wahn zu definieren. Er gilt als Fehlbeurteilung der Realität, die von den Erfahrungen, Erlebnissen und Überzeugungen der Mitmenschen abweicht und nicht auf eigenen Erfahrungen beruht, sondern allein dem krankhaften Denken entspringt. Gleichzeitig sind die Betroffenen von ihren Gedanken und Vorstellungen überzeugt und nicht davon abzubringen (Wahngewissheit). Sie sind also subjektiv real, objektiv jedoch falsch und von außen nicht nachvollziehbar.

Das grenzt sie von sogenannten überwertigen Ideen ab. Das sind zum Teil emotional sehr aufgeladene Themen, die das Denken vereinnahmen, von denen sich Betroffene aber doch abbringen lassen. Bei Wahnvorstellungen gelingt das nicht.

Von der Wahnstimmung bis zum ausgeklügelten Wahngebäude

Es gibt verschiedene Wahnformen und -inhalte. Am Anfang steht manchmal lediglich eine vage Vorstellung, dass irgendetwas (oft Unheimliches und Bedrohliches) vor sich geht, ohne dass der Betroffene es genauer benennen könnte (Wahnstimmung). Aus dieser Vorstufe können sich konkrete Wahnwahrnehmungen und -vorstellungen entwickeln bis hin zu einem gefestigten Wahnsystem.

Thematisch können Wahnvorstellungen ganz unterschiedlich belegt sein. Oft fühlen sich die Betroffenen von der Umwelt und ihren Mitmenschen benachteiligt, geschädigt oder verfolgt (Beeinträchtigungs-/Verfolgungswahn), oder sie beziehen Vorkommnisse und Äußerungen von anderen fälschlicherweise auf sich selbst (Beziehungswahn). So tuschelt etwa das Paar am Nachbartisch, das eigentlich nur über den nächsten Urlaub spricht, insgeheim über ihn.

Typisch, aber nicht spezifisch für die Schizophrenie

Der Wahn gehört zu den Diagnosekriterien der Schizophrenie, kann aber auch im Rahmen anderer psychischer Erkrankungen oder einer organischen Hirnschädigung auftreten. Für den Arzt ist es oft nicht leicht, bei einem Betroffenen zu beurteilen, ob er wirklich wahnhaft ist oder nicht einfach nur etwas bizarre Ideen und Vorstellungen oder eine blühende Phantasie hat. Im Gespräch muss der Untersucher sehr genau hinhören und die richtigen Fragen stellen, um die Symptomatik richtig zu erfassen.

Erschwert wird das oftmals durch das wenig kooperative Verhalten der Betroffenen bzw. deren völlig andere Sicht der Dinge. Denn es liegt in der Natur des Wahns, dass der Erkrankte von dem, was er denkt, überzeugt ist und sich nicht davon abbringen lässt. Für ihn sind seine Gedanken in dem Moment Realität.

Das macht den Umgang mit den Betroffenen oft nicht leicht und erschwert die dringend notwendige Behandlung. Es erfordert viel Erfahrung, Geduld, Einfühlungsvermögen, aber auch Standhaftigkeit, mit wahnhaften Menschen richtig umzugehen.

Autorin: Eva Bauer (Ärztin)

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Kommentare (5)
Definition von Wahn
5 Dienstag, den 31. Mai 2016 um 13:21 Uhr
Roman
Dies ist die gängige Definition von einem Wahn und sie ist wahrscheinlich auch in den meisten Fällen korrekt. Dennoch gibt es einige Ausnahmen: So gibt es z.B. Wahnvorstellungen, die sich derzeit nicht widerlegen lassen (v.a. mit religiösem Inhalt) oder andere, die sich manchmal als real erweisen (Eifersuchtswahn). Zudem zeigen Studien, dass die Intensität von Wahnvorstellungen sich - über einen längeren Zeitraum betrachtet - durchaus ändern kann und sie deshalb nicht zwingend "unkorrigierbar" sind.
Wahn eine Fehlwahrnehmung??
4 Dienstag, den 22. März 2016 um 16:09 Uhr
Matthes Reiser
FALSCH!! Die Stimmen, aber auch andere Wahrnehmungen aller anderen Sinne, sind KEINE Fehlwahrnehmung, sondern REAL und damit auch existent! Sie wird von Psychiatern, Psychologen und normalen Menschen NUR deshalb als Fehlwahrnehmung bezeichnet, weil DIESE eben davon NICHT betroffen sind: So können zum Beispiel "Stimmenhörer" Teil eines kollektiven Bewusstseins sein, das in erster Linie nur eben unter Stimmenhörern real existiert: Neben dem laut werden der eigenen Gedanken, hören Stimmenhörer AUCH fremde! Gedanken (im Kopf).
Das erklärt im übrigen unter anderem auch, warum die "Stimmen" bei den meisten so negativ behaftet sind: Sie stellen eine Reizüberflutung im Gehirn dar, die das Gehirn nicht mehr verarbeiten kann und als äußerst "lästig" empfunden wird: Somit "steinigen" sich Stimmenhörer oftmals gegenseitig. Auch hier gilt: Was nicht wahr sein darf, kann auch nicht wahr sein: Ja! es gibt "telepathische" Verbindungen unter Stimmenhörern. AMEN.
Meinung
3 Montag, den 14. März 2016 um 20:52 Uhr
Susa
Gegenfrage: Wie oft passiert es eigentlich, dass nach dreistündiger politischer Diskussion jemand der Beteiligten seine politische Ansicht geändert hat?
Beziehungswahn
2 Freitag, den 30. Januar 2015 um 17:57 Uhr
Randolph
Ein Familienmitglied leidet unter wahnhaften Störungen, das geht bis zum Mordverdacht gegenüber dem geschiedenen Ehepartner. Ist es richtig, dass keiner der Familienangehörigen der Erkrankten seit vielen Jahren kein Wort über das Vorliegen dieser Erkrankung sagt? Liegen Erfahrungen vor, dass der Wahn sich abschwächen kann und möglicherweise sogar verschwindet?
Wahn
1 Donnerstag, den 22. Januar 2015 um 22:48 Uhr
Peter
Ich leide selber unter einem Wahn, obwohl die Realität mir sagt, dass meine Gedanken Unsinn sind, kommen sie immer wieder hoch, man kann aber was dagegen tun. Durch diszipliniertes gedankliches Verhalten, Meditation, Sport kann man die Symptome lindern und auch zum Stillstand bringen. Es wird aber eine Lebensaufgabe, d.h. man muss immer aufpassen, nicht wieder abzurutschen.
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