Welche Bewegungsstörungen können unter Neuroleptika auftreten?

Bewegungsstörungen (Dyskinesien) können vor allem bei der Behandlung mit hochpotenten, älteren Neuroleptika vorkommen. Bei neueren Vertretern der Neuroleptika treten sie seltener auf, sind aber auch hier immer noch möglich.

Unter einer Behandlung mit Antipsychotika sind verschiedene Bewegungsstörungen möglich:

  • Frühdyskinesien
  • Spätdyskinesien
  • Parkinsonoid
  • Akathisie
  • malignes neuroleptisches Syndrom

Unwillkürliche Bewegungen im Gesichtsbereich

Frühdyskinesien treten bereits in der ersten Behandlungswoche auf. Dazu gehören z.B. krampfartige Zungenbewegungen, Blickkrämpfe und Zuckungen der mimischen Muskulatur.

Die Gefahr solcher akuter Bewegungsstörungen besteht vor allem bei den konventionellen Antipsychotika und raschen Dosiserhöhungen. Frühdyskinesien lassen sich medikamentös behandeln und damit oft gut in den Griff bekommen. Sie verursachen keine Langzeitschäden.

Spätdyskinesien oft erst nach Jahren

Im Gegensatz dazu sind Spätdyskinesien hartnäckiger und schwerwiegender. Wie der Name schon sagt zeigen sie sich erst im späteren Verlauf der Behandlung (drei Monate bis mehrere Jahre) und können sogar auch dann noch auftreten, wenn die Antipsychotika bereits abgesetzt sind. Auch hier bergen die herkömmlichen Substanzen ein deutlich höheres Risiko als die modernen atypischen Präparate. Frauen und ältere Menschen sind zusätzlich gefährdet.

Zu den späten Bewegungsstörungen zählen abnorme, unwillkürliche, oft stereotype Bewegungen von Zunge, Mund und Gesichtsmuskulatur. Aber auch Arme und Beine können betroffen sein und immer wieder unkontrolliert ausschlagen. Diese Symptome können dauerhaft bestehen bleiben. Daher ist es sehr wichtig, sie frühzeitig zu erkennen und entsprechend zu reagieren. Bei den ersten Anzeichen ist die Dosis rasch zu reduzieren. Ggf. muss die Therapie auf ein anderes, besser verträgliches Medikament umgestellt werden.

Zu wenig oder zuviel Bewegung

Das Parkinsonoid leitet sich von der Parkinsonerkrankung ab, da es ähnliche Symptome umfasst. Dazu gehören Bewegungsarmut und eine eingeschränkte Feinmotorik, eine Ausdruckslosigkeit im Gesicht und ein kleinschrittiges Gangbild. Diese Beschwerden können sich in den ersten Wochen der Behandlung entwickeln. Auch hier sollte die Dosis des Medikaments gesenkt oder die Therapie umgestellt werden. Bei Bedarf können auch Medikamente lindernd wirken.

Unter einer Akathisie versteht man eine Sitz- und Stehunruhe, die sehr unangenehm und quälend sein kann. Hinzu kommen Konzentrationsstörungen, Angst und vermehrte Reizbarkeit. Die Akathisie kann bereits nach kurzer Zeit auftreten und kommt auch unter den atypischen Antipsychotika oder auch unter manchen Antidepressiva vor, ist aber wiederum abhängig von der Höhe der Dosis. Daher sollte die Therapie auch hier reduziert oder umgestellt werden.

Malignes neuroleptisches Syndrom – ein Notfall

Das maligne neuroleptische Syndrom schließlich ist eine gefährliche, potentiell lebensbedrohliche Nebenwirkung von Antipsychotika, die mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,02-0,5% zum Glück nur sehr selten auftritt. Hier sind vor allem junge Männer gefährdet. Eine begleitende Therapie mit Lithium erhöht die Gefahr zusätzlich.

Das maligne neuroleptische Syndrom äußert sich in einer Steifigkeit der Muskulatur sowie einer Störung des Bewusstseins und des autonomen Nervensystems. Es kommt zu Herzrasen und einer verstärkten Atmung, Fieber und starkem Schwitzen. Die Symptome entwickeln sich rasch und müssen schnellstmöglich behandelt werden. Das Antipsychotikum wird sofort abgesetzt.

Frühzeitig erkennen und gegensteuern

Das klingt alles sehr beunruhigend und abschreckend. Tatsächlich sind Bewegungsstörungen für die Betroffenen oft äußerst unangenehm. Sie stören nicht nur sie selbst, sondern können auch in der Öffentlichkeit auffallen und als peinlich empfunden werden.

Aber: Auch wenn Bewegungsstörungen vor allem unter den herkömmlichen Antipsychotika nicht selten sind, treffen Sie dennoch insgesamt nur einen kleinen Teil der Betroffenen. Wenn Sie dazu gehören, sollten Sie sich möglichst nicht lange damit herumschlagen müssen. Vor allem wenn Sie über einen längeren Zeitraum Antipsychotika einnehmen müssen, sollten Sie die Behandlung soweit vertragen, dass Sie sich darauf einlassen können. Dafür ist es jedoch wichtig, dass Sie eng mit Ihrem Arzt kooperieren und ihm rückmelden, wie Sie ein Medikament vertragen. Nur so kann er entsprechende Gegenmaßnahmen einleiten bzw. die Behandlung umstellen.

Hier finden Sie einen umfassenden Überblick zum Thema:
Haben Neuroleptika Nebenwirkungen?

Autorin: Eva Bauer (Ärztin)

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Kommentare (3)
Einnahme von Benperidol
3 Montag, den 21. November 2016 um 19:25 Uhr
Kathi kullmann
Ich habe 2 Jahre lang Benperidol eingenommen 4 mal 2mg. Durch die starken Nebenwirkungen musste ich zusätzlich Akineton einnehmen. Das Medikament ist zwar gut wirksam bei psychotischen Symptomen, aber aufgrund der enormen Nebenwirkungen nicht zu empfehlen. Ich konnte nicht mehr still sitzen, habe immer auf der Stelle getrippelt, meine Hände waren immer verkrampft und ich habe gezittert.
Als ich das Medikament abgesetzt habe unter ärztlicher Kontrolle, hatte ich monatelang einen Tremor, wo mir gesagt wurde, dass es sein kann, dass er nicht mehr weg geht. Nun ist aber Zeit vergangen und ich bin ihn los. Ohne das Medikament bin ich lockerer am ganzen Körper und ich bin agiler. Auch meine Monatsblutung ist wieder da. Die hatte ich nämlich auch nicht mehr.
Parkinsonoid und Spätdyskinesien unabhängig voneinander
2 Montag, den 24. November 2014 um 17:12 Uhr
Redaktion Navigator-Medizin Schizophrenie
Nein, das stimmt so leider nicht. Spätere Bewegungsstörungen können auch auftreten, wenn es zu Beginn kein Parkinsonoid gab.

Viele Grüße
Ihr Redaktionsteam
Parkinsonoid
1 Montag, den 24. November 2014 um 16:19 Uhr
Thomas
Hallo. Ich habe erfahren, dass man keine tardiven Dyskinesien oder tardiven Dystonien bekommt, wenn man kein Parkinsonoid von den Medikamenten hatte. Also erst kommt Parkinsonoid und dann kommen tardive Dyskinesien. Ist das richtig?