Haben Neuroleptika Nebenwirkungen?

Neuroleptika können Nebenwirkungen bzw. unerwünschte Wirkungen haben, müssen es aber nicht. Besonders zu Behandlungsbeginn kann es zu Nebenwirkungen etwa an den Muskeln mit Muskelsteifheit, Muskelzittern oder unwillkürlichen Zuckungen kommen.

Der schwere Stand der Antipsychotika

Neuroleptika bzw. Antipsychotika, wie die Medikamente heute eher genannt werden, haben keinen guten Ruf. In den Medien und der breiten Bevölkerung herrscht ein großes Unbehagen gegenüber den unberechenbaren "Psychomitteln". Viele Filmszenen tragen das ihre dazu bei, die wildesten Assoziationen zu den Substanzen zu schüren.

Die Ängste und Vorbehalte speisen sich zum großen Teil aus einer Unkenntnis nicht nur gegenüber den ominösen Wirkungen der Medikamente, sondern auch hinsichtlich der psychischen Erkrankungen, bei denen sie eingesetzt werden.

Aber nicht nur in der allgemeinen Öffentlichkeit kommen Antipsychotika schlecht weg. Auch Betroffene selbst sind oft nicht gut auf die Medikamente zu sprechen und berichten über gravierende Nebenwirkungen. Die Ablehnung ist daher sehr ernst zu nehmen und erfordert eine umfassende Aufklärung und aktive Einbindung der Betroffenen in ihre Behandlung. Denn ohne ihre Mitwirkung, die manchmal über viele Jahre hinweg erforderlich ist, kann eine antipsychotische Therapie nicht erfolgreich sein.

Filterfunktion antipsychotischer Medikamente

Wir wollen versuchen, im folgenden einen differenzierten Blick auf die Substanzen, ihre Nebenwirkungen und die Gefahren, die von ihnen ausgehen, zu werfen. Dazu müssen wir zunächst kurz auf den Wirkmechanismus eingehen, auf den auch sämtliche unerwünschte Wirkungen zurückgehen.

Antipsychotika greifen in den Hirnstoffwechsel ein. Man geht heute davon aus, dass bei einer psychotischen Erkrankung vor allem ein bestimmter Botenstoff im Gehirn überhand genommen hat: das Dopamin. Der Überschuss dieser Substanz wird für das oft bedrohliche Erleben und die veränderte Wahrnehmung der Betroffenen verantwortlich gemacht. Es ist, als ob ein Filter, der uns normalerweise von allzu starken Eindrücken abschirmt, durchlässig geworden ist und Reize ungebremst ins Bewusstsein strömen lässt.

Das Grundprinzip der medikamentösen Behandlung besteht darin, den Filter zu reparieren und das anströmende Dopamin abzufangen.

Verschlungene Wege im Gehirn

Dabei gibt es jedoch ein paar Haken. Denn so einfach funktioniert unser Gehirn nicht. Es ist nur so durchzogen von verschiedenen Nervenzellen, Strukturen und Bahnen, die miteinander vernetzt sind und sich gegenseitig beeinflussen. Eine einzelne Wirkung zu erzielen, ist daher so gut wie unmöglich.

Allein der Botenstoff Dopamin kursiert auf mehreren Bahnen und hat verschiedene Anlaufstellen, über die er je unterschiedliche Wirkungen hervorruft. Bei der Schizophrenie sind das sogenannte mesolimbische und das mesokortikale Dopaminsystem betroffen. Das sind Verbindungen vom Mittelhirn zur Großhirnrinde, in der viele Prozesse verarbeitet und überhaupt erst bewusst werden, wie auch zu den sogenannten limbischen Arealen, in denen Emotionen und Denkprozesse verortet sind. Der verantwortliche poröse Filter liegt dabei über ganz bestimmten Ankerpunkten der Zellen, den D2-Rezeptoren.

Häufig und unangenehm: Störungen der Bewegung

Nun gibt es aber neben den genannten noch andere Bahnen, auf denen Dopamin unterwegs ist. Und auch die Zählung der Dopaminrezeptoren hört bei "2" nicht auf. Dopaminhemmstoffe wie die Antipsychotika greifen daher unweigerlich auch in andere Systeme ein, obwohl das gar nicht beabsichtigt ist.

Eines davon betrifft die Motorik, das heißt die Bewegungsabläufe. Gefürchtet sind unter der Behandlung mit Antipsychotika sogenannte extrapyramidal-motorische Störungen (EPMS). Sie reichen von unwillkürlichen Muskelkrämpfen im Kopf-Hals-Bereich, die bereits zu Beginn der Therapie eintreten können, über eine eingeschränkte Beweglichkeit oder auch ausgeprägte Sitzunruhe bis hin zu unkontrollierten, oft stereotypen Bewegungen der Zunge oder der Extremitäten, die sich nach Monaten bis Jahren entwickeln können.

Gefährlich, wenn auch selten ist das "maligne neuroleptische Syndrom", eine lebensbedrohliche Komplikation, die vor allem bei hochpotenten Antipsychotika in den ersten beiden Wochen nach Therapiebeginn vorkommen kann. Dabei kommt es zu einer Versteifung der Muskulatur, hohem Fieber, Herzrasen und Bewusstseinsstörungen. In diesem Fall muss das Medikament sofort abgesetzt und der Betroffene intensivmedizinisch betreut werden.

Wenn es auch andere Botenstoffe trifft

Ein solcher Zwischenfall ist wirklich selten, soll an dieser Stelle jedoch nicht unerwähnt bleiben. Viel häufiger haben Betroffene neben den genannten Bewegungsstörungen mit weiteren Nebenwirkungen zu kämpfen, die auf bestimmten anderen Wirkungen der Medikamente beruhen. Denn sie beeinflussen nicht nur das in sich bereits komplexe Dopaminsystem, sondern machen auch vor ganz anderen Botenstoffen und deren Bahnen nicht Halt. Zum Teil sind diese Wirkungen (soweit man sie verstanden hat) erwünscht, zum Teil jedoch auch nicht.

Da ist zum Beispiel das sogenannte cholinerge System, vertreten durch den Botenstoff Acetylcholin. Die zusätzliche Blockade dieser Substanz durch die antipsychotischen Medikamente bewirkt u.a. eine unangenehme Mundtrockenheit, Sehstörungen, Verstopfung und Probleme beim Wasserlassen. Die Drosselung von Adrenalin wiederum führt zu Schwindel und Benommenheit. Wenn der Botenstoff Histamin unterdrückt wird, kann das Müdigkeit hervorrufen, den Appetit und damit längerfristig auch das Gewicht steigern.

Gedrückte Stimmung und Schlafprobleme

Auch auf die Stimmung können sich die Antipsychotika niederschlagen. Betroffene leiden zudem häufig unter kognitiven Störungen, können sich nicht mehr gut konzentrieren, sind unaufmerksam und vergesslich. Hinzu kommen Schlafprobleme, die die Stimmung weiter drücken.

Sehr unangenehm können gerade für Männer sexuelle Funktionsstörungen sein, die darauf zurückgehen, dass die Medikamente auch in das Hormonsystem eingreifen. Mit einer Gewichtszunahme wiederum haben vor allem Frauen zu kämpfen. Unter den Wirkstoffen sind sie auch anfälliger für Herz-Kreislauf-Beschwerden oder einen Diabetes.

Ohne Geduld und Einsicht geht es nicht

Das alles macht Antipsychotika verständlicherweise nicht gerade beliebt. Hinzu kommt, dass die eigentliche Wirkung oft Wochen auf sich warten lässt und den Betroffenen einen langen Atem abverlangt. Fehlt dann noch, wie leider nicht selten bei einer Schizophrenie, die Krankheitseinsicht, ist der Betroffene also von seiner Erkrankung und damit auch von der Notwendigkeit einer Behandlung nicht einmal überzeugt, wird er sich mit den Nebenwirkungen, die ihm die Substanzen bereiten, kaum abfinden.

Es ist nicht zu verhehlen, dass unter einer antipsychotischen Therapie Nebenwirkungen nicht nur auftreten können, sondern in irgendeiner Form zu erwarten sind. Etwa zwei Drittel aller Betroffenen fühlen sich in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt.

Wofür es sich trotzdem lohnt

Es fragt sich daher, was bei dieser Reihe an unerwünschten Wirkungen eine Einnahme der Medikamente dennoch rechtfertigen könnte. Jede Therapie ist ein Eingriff in die körperliche Integrität der betroffenen Person. Vor- und Nachteile müssen wie bei einer Operation genau gegeneinander abgewogen werden, um dem Erkrankten letztlich zu helfen und nicht noch mehr Schaden anzurichten.

Die Schizophrenie ist eine schwere Erkrankung, die neben den augenscheinlichen Symptomen wie Wahnvorstellungen und Halluzinationen vor allem längerfristig mit einem stetigen Verlust an Lebensfreude und sozialer Teilhabe einhergehen kann. Daneben birgt sie auch ganz konkrete gesundheitliche Risiken. Die Lebenserwartung von Menschen mit Schizophrenie ist unabhängig von der Behandlung deutlich reduziert. Das hängt vor allem mit der Gefahr von Suiziden zusammen, geht aber auch auf ein erhöhtes Risiko für Herz-Gefäß-Erkrankungen zurück.

Akut führt kein Weg daran vorbei

Natürlich ist jeder Krankheitsverlauf unterschiedlich und gibt es viele verschiedene Formen einer schizophrenen Erkrankung. Entsprechend unterscheidet man eine Akut- von einer längerfristigen Erhaltungstherapie und Redizivprophylaxe, eine medikamentöse Behandlung von einer weiterführenden psycho- und soziotherapeutischen Betreuung.

Bei akuten psychotischen Zustände haben in erster Linie Medikamente ihren unbestrittenen Stellenwert. Sie können Situationen, die nicht nur für den Betroffenen als schlimm und angstvoll erlebt, sondern auch für ihn und sein Umfeld gefährlich werden können, wirksam entschärfen. Auch die Betroffenen selbst erfahren die Wirkung der Medikamente im Akutfall oft als entlastend.

Langfristig genau abzuwägen

Schwieriger wird es bei einer längerfristigen Behandlung. Hier das für den Einzelnen passende Medikament oder auch eine Kombination verschiedener Wirkstoffe zu finden, ist nicht leicht. Hinzu kommen Nebenwirkungen, die erst nach einiger Zeit eintreten und daher bei der Dauertherapie zu berücksichtigen sind.

Je nach Verlauf stellt sich darüber hinaus die Frage, ob Medikamente überhaupt einen wirksamen Einfluss auf die jeweilige Erkrankung haben oder ob der Betroffene nicht vielmehr von psychotherapeutischen Angeboten und einer sozialpsychiatrischen Betreuung profitiert. Je weniger akut und je weiter der Verlauf fortschreitet, umso stärkeres Gewicht liegt auf diesen begleitenden Maßnahmen.

Grundsätzlich wird bei einer schizophrenen Episode eine möglichst kurze Medikationsdauer mit einer möglichst geringen, aber noch ausreichenden Dosis angestrebt. Jede weiterführende Behandlung mit Antipsychotika ist kritisch zu betrachten und genau abzuwägen. Dabei sind jedoch nicht nur die Nebenwirkungen der Medikamente zu beachten, sondern auch das individuelle Risiko für Rückfälle und die damit verbundenen Gefahren für den Einzelnen, die ebenfalls nicht unerheblich sein können.

Einigkeit aller Beteiligten ist das A und O

Man kann sie verteufeln, und viele Betroffene werden entsprechende Erfahrungen gemacht haben, die eine solche Einstellung durchaus verständlich machen. Auf der anderen Seite möchte man sich jedoch auch nicht in vorsintflutliche Zeiten der Psychiatriegeschichte zurückversetzen, in denen es die Möglichkeiten einer differenzierten medikamentösen Behandlung noch nicht gab.

Ihren Stellenwert im Akutfall kann man schwerlich bestreiten. Die Langzeitbehandlung mit Antipsychotika ist wie jede medikamentöse Therapie bei sämtlichen anderen chronischen Erkrankungen ein Abwägen und letztlich auch ein Ausprobieren verschiedener Optionen.

Klar ist: Es geht nur, wenn alle an einem Strang ziehen und es gelingt, auch den Betroffenen mit ins Boot zu holen. Denn er ist es, dem die Behandlung helfen soll.

Autorin: Eva Bauer (Ärztin)

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Kommentare (5)
CBD
5 Sonntag, den 19. August 2018 um 17:39 Uhr
...
Seit 1995 ist bekannt, dass CBD antipsychotisch wirkt. Inzwischen gibt es Studien von der Hochschule Hannover und aus Brasilien. Das Ergebnis dieser Studien war: CBD wirkt genauso gut wie Neuroleptika, es wirkt antipsychotisch und angstlösend - was die Studien eben bestätigen und auch ich aus eigener Erfahrung behaupten kann. Somit ist dieses Mittel aus der Cannabispflanze den typischen und atypischen Neuroleptika überlegen. Außer Benommenheit, stopp des Gedankenkreisels und Durchfall traten keine Nebenwirkungen auf. Außerdem soll es neuroprotektiv wirken, die "graue Substanz" soll laut Studien wieder wachsen statt - wie bei Neuroleptika - schrumpfen. Neuroleptika mindern die Intelligenz und beeinträchtigen die Patienten in ihrer Leistungsfähigkeit.
Was nicht erwähnt wird
4 Mittwoch, den 30. Mai 2018 um 23:03 Uhr
...
Diese Medikamente lassen das Gehirn schrumpfen. Sie machen die Nerven erst weich, und dann lösen sie sich auf. Sie blockieren die D2 Rezeptoren. Ja, das ist richtig! Es bilden sich aber - trotz der Medikamente - wieder neue. Ich persönlich hatte weniger Symptome. Oder besser gesagt: gar keine, bevor ich Neuroleptika genommen habe. Das ist Körperverletzung und der Psychiater soll ver...
danke!
3 Sonntag, den 03. September 2017 um 20:34 Uhr
...
Bei dem Gift handelt es sich um neurotoxische Krampfgifte, bzw. Nervengifte, auch Neuroleptika genannt. Ihre Hauptwirkungen sind Bewegungsstörungen, sowie Muskel - und Körperkrämpfe. Weitere Wirkungen sind Blindheit, Blutdruckverlust, starke Sedierung, Blutbildstörungen, Diabetes, Parkinson, Akathisie, Schiefhals, Delirium, Fieber, Krampfanfälle, Leberschäden, Nierenschäden, Erbrechen, Atemnot, Haarausfall, Herzrasen, Gesichtsschwellung, Kopfschmerzen, zerstörtes Hormonsystem und vieles mehr. Ein Teil dieser Vergiftungserscheinungen tritt immer auf. Das erzeugt ein Gefühl der totalen Ohnmacht und Vernichtung. Es ist, wie ein lebendes Wrack zu sein, wie eine lebendige Leiche. Es ist, als würde man sterben. Wer um sein Leben fleht, wird mit noch höherer Dosis dauerhaft niedergestreckt. Die Traumatisierung ist extrem.
Nebenwirkungen
2 Montag, den 19. Dezember 2016 um 01:13 Uhr
cortex
Ich bin 2 Jahre lang nur mit Höchstdosen behandelt worden. Inzwischen glaube ich niemanden mehr irgendwas in Bezug auf die Nebenwirkungen der Medikamente. Wäre ich gestorben, wäre es immer noch besser gewesen als 2 Jahre wie ein Zombie herumzulaufen und mich zum Gespött zu machen. Ich habe wegen den meds meinen Job und auch sonst alles verloren.
Haben Neuroleptika Nebenwirkungen?
1 Mittwoch, den 22. Oktober 2014 um 13:42 Uhr
Kreatur
Einfach die Beipackzettel durchlesen (die für Risperdal und Ritalin sind im Internet zu lesen) und dann mit den Ohren schlackern!!!!! Die Liste mit den unerwünschten Nebenwirkungen ist bis zu 4 mal so lang wie die Liste mit den erwünschten Wirkungen!!! Und da fragen tatsächlich Leute, ob Neuroleptika Nebenwirkungen haben???? NATÜRLICH HABEN NEUROLEPTIKA NEBENWIRKUNGEN!!!! Kokain hat laut Aussagen von manchen Ärzten sogar weniger schädliche Nebenwirkungen als Ritalin!!!!!
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