Was bedeutet Parathymie?

Reagieren Menschen mit Schizophrenie gefühlsmäßig gegenteilig zur Erwartung, also anders als sozial vorgegeben oder angemessen, spricht man von Gefühlsverkehrung oder Parathymie. Bei traurigen Anlässen etwas wird gelacht, bei lustigen geweint.

Störung auf der Gefühlsebene

Die Parathymie gehört zu den affektiven Störungen, also zu den Veränderungen der Gefühle, Stimmungen und Emotionen, die bei psychischen Erkrankungen eine große Rolle spielen. Bei der Schizophrenie gehören sie praktisch immer zum Krankheitsbild. Die Betroffenen leiden oft unter einer Gefühlsarmut, erscheinen unterkühlt, teilnahmslos und desinteressiert. Das erschwert den Kontakt zu Mitmenschen und führt bei vielen zu einer zunehmenden Vereinsamung.

Ein äußerst irritierendes und verstörendes Phänomen für Außenstehende ist auch die Parathymie, ein häufiges Symptom der Schizophrenie und recht typisch für diese Erkrankung. Gemeint sind völlig inadäquate Gefühlsäußerungen, die nicht zur Situation oder dem, was berichtet wird, passen. So erzählt der Betroffene etwa lächelnd von einer Beerdigung oder schildert seelenruhig die grausamsten Wahnvorstellungen. Oft ist auch die Mimik entsprechend unpassend (Paramimie).

Vorbei an sozialen Vorgaben und Normen

Bei einem parathymen Affekt stimmt also der Gefühlsausdruck nicht mit dem Erlebnisinhalt überein. Das betrifft quantitativ die Intensität des Erlebten, vor allem aber qualitativ die jeweilige Färbung des Affekts. Sie passt nicht zum erwarteten, gesellschaftlich und sozial akzeptieren Ausdruck.

Für Angehörige und Freunde ist es nicht leicht, damit umzugehen. Sie empfinden die gegenteiligen Gefühlsäußerungen als unkalkulierbar und manchmal sogar unheimlich. Die Messlatte des Gesunden ist bei der Schizophrenie jedoch nicht anzulegen. Die emotionale "Verkehrtheit" ist Ausdruck der Erkrankung.

Gefahr der sozialen Isolation

Leider führen gerade diese Symptome häufiger dazu, dass Gesunde sich von den Kranken distanzieren. Wir sind im sozialen Kontext auf funktionierende Verhaltenscodices und angemessene Gefühlsregungen angewiesen, um uns mit anderen auszutauschen und zu verstehen. Werden diese normativen Vorgaben verletzt, wissen wir nicht damit umzugehen und meiden den Kontakt zu entsprechend "auffälligen" Menschen am liebsten. Die Betroffenen werden dadurch zunehmend isoliert.

Dabei spielen soziale Faktoren, eine enge familiäre Bindung und eine feste partnerschaftliche Beziehung eine große Rolle für den weiteren Verlauf und die Prognose der Erkrankung. Daher ist es wichtig, den oft unpassenden, "schrägen" Ausdruck nicht dem Betroffenen selbst, sondern der Erkrankung zuzuordnen. So fällt es leichter, den Menschen dahinter weiterhin zu sehen und zu unterstützen.

Autoren: Dr. med. Julia Hofmann, Eva Bauer (Ärztin)

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Kommentare (2)
@Lukas
2 Mittwoch, den 15. August 2018 um 09:01 Uhr
Will
Einen finsteren Blick bemerke ich weitaus weniger, als ein plötzliches Hochschießen der Mundwinkel. In den denkbar schlechtesten Momenten ist man dann mehr damit beschäftigt, es zu unterdrücken, als z.B einem trauernden Kollegen Trost zu spenden.
Inkongruenz?
1 Mittwoch, den 20. Juni 2018 um 05:26 Uhr
Lukas Wörner
Ich denke, hier wäre es einmal interessant und auch hilfreich zu erfahren, ob diese Inkongruenzen auch der betroffene Patient selbst so erlebt? Und auch, ob er sich zumindest dessen bewusst ist, oder ob diese Inkongruenz "nur" aus Sicht des Beobachters besteht?
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