Wieso können Symptome bei der Schizophrenie auch positiv sein?

Die Begriffe "Negativ-" und "Positivsymptome" bei der Schizophrenie sind leicht irreführend. Sie haben allerdings keinen wertenden Charakter. Vielmehr beschreiben sie einen Mangel bzw. Überschuss im Erleben, Wahrnehmen und Agieren.

Die Unterscheidung zwischen Negativ- und Positivsymptomatik (auch Plus- und Minussymptomatik) ist noch recht neu und spielt erst in letzter Zeit eine größere Rolle bei der Beschreibung des klinischen Bildes einer Schizophrenie.

Wenn der Filter durchlässig wird: Positivsymptome

Positivsymptome sind gekennzeichnet von einem überschießenden Erleben und Verhalten, das über das Maß bei Gesunden hinausgeht. Vielleicht hilft folgendes Bild, um zu veranschaulichen, was gemeint ist:

Es ist, als ob ein Filter, der normalerweise unser Bewusstsein, Denken, Fühlen und Wahrnehmen abschirmt vor zu großen Reizen, Löcher bekommt und durchlässig wird. Ungefiltert dringen Erlebnisse auf den Betroffenen ein, der wiederum heftig auf diesen Ansturm reagiert.

Verschwörungstheorien, laute Stimmen und offene Gedanken

Klassische Positivsymptome sind beispielsweise der Wahn oder Halluzinationen. Der Betroffene wähnt sich als auserkoren, die Welt vor einer Verschwörung zu retten, deren Anzeichen er deutlich zu erkennen meint. Oder er hört drohende Stimmen, die ihm Befehle erteilen und denen er sich nicht entziehen kann.

Auch sog. Ich-Störungen, bei denen die Grenzen zwischen dem eigenen Ich und seiner Umwelt aufgeweicht werden, gehören zur Positivsymptomatik. Der Betroffene meint dann etwa, nicht mehr Herr über seine Gedanken zu sein. Er hat das Gefühl, sie sind nach außen hin sichtbar und können von allen gelesen werden.

Daneben gibt es auch körperliche Phänomene wie z.B. Erregungszustände, die der Plussymptomatik zuzuordnen sind.

Oft vernachlässigt, aber entscheidend: Negativsymptome

Die Positivsymptome werden gemeinhin mit der Schizophrenie in Verbindung gebracht. Sie sind allerdings eher zu verstehen als Spitze eines Eisbergs, der sich darunter verbirgt. Meist äußern sie sich nur kurzzeitig in akuten Phasen und lassen dann wieder nach.

Negativsymptome sind dagegen oft weniger bekannt. Sie sind nicht so eindrücklich und offensichtlich. Deshalb werden sie häufig erst später erkannt. Für den langfristigen Verlauf der Erkrankung sind sie jedoch bedeutender und einschneidender als die vorübergehenden Spitzen der Positivsymptomatik. Sie verändern einen Menschen kontinuierlich, zehren an seinen Gefühlsäußerungen und seinem Ausdrucksvermögen und lassen ihn irgendwann seinen Alltag nicht mehr bewältigen.

Medikamente: gut bei Plus, schlecht bei Minus

Das liegt auch daran, dass Negativsymptome nicht so leicht zu behandeln sind wie ihr Gegenstück. Akute Erregungszustände sind in der Regel medikamentös gut zu lindern, was für die Betroffenen, gerade wenn sie unter dramatischen, oft furchteinflößenden Wahnvorstellungen leiden, eine große Hilfe und Entlastung bedeuten kann.

Viele Medikamente, die bei einer Schizophrenie eingesetzt werden (Antipsychotika oder auch Neuroleptika), wirken dagegen bei der Minussymptomatik deutlich schlechter. Insbesondere Präparate, die schon länger bekannt sind und angewandt werden, versagen hier oftmals ihren Dienst. Daher werden heute vermehrt neuere Substanzen (auch atypische Antipsychotika/Neuroleptika genannt) eingesetzt. Abgesehen davon, dass sie in der Regel weniger Nebenwirkungen aufweisen, wirken sie in gewissem Maß auch bei Minussymptomen. Sie können zudem bei depressiven Symptomen oder kognitiven Störungen (z.B. Gedächtnis- oder Konzentrationsprobleme) helfen, die ebenfalls bei einer Schizophrenie vorkommen können.

Autorin: Eva Bauer (Ärztin)

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Kommentare (3)
Schlaflosigkeit
3 Mittwoch, den 10. Februar 2016 um 12:41 Uhr
Heidi
Ist Schlaflosigkeit ein positives oder negatives Symptom?
An Sophie: Direkte Vererbung eher unwahrscheinlich
2 Mittwoch, den 14. August 2013 um 06:40 Uhr
Navigator-Redaktion
Hallo Sophie,

es gibt bei Schizophrenie zwar eine genetische Komponente, aber die ist nicht so eindeutig, dass man sich Sorgen machen muss, wenn die (zukünftige) Oma eine Schizophrenie hat. Denn es gibt neben den Genen noch zahlreiche weitere Auslösefaktoren, von denen offenbar mehrere zusammenkommen müssen, damit die Erkrankung auftritt.

Viele Grüße
Jörg (vom Navigator-Team)
vererbbar...
1 Samstag, den 03. August 2013 um 22:07 Uhr
sophie
Hallo,
Die Mutter meines Verlobtens ist schizophren, heisst das, dass unsere Kinder diese Krankheit haben können?
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