Warum sind viele Menschen mit Schizophrenie starke Raucher?

Nikotin scheint einige Symptome der Schizophrenie positiv zu beeinflussen. Dies erklärt möglicherweise den hohen Anteil starker Raucher bei Menschen, die an dieser Krankheit leiden.

Offenbar sind Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Informationsverarbeitung unter der Wirkung von Nikotin verbessert und das Rauchen kann als eine Art Selbstmedikation verstanden werden.

Leider wird Rauchen dadurch noch lange nicht gesund. Auch bei Schizophrenie steigt bei Rauchern das Risiko diverser Erkrankungen, unter anderem von Herzinfarkt und Lungenkrebs.

Autorin: Dr. med. Julia Hofmann, September 2010

 

Ergänzung:

Dass Rauchen die Gemüter erhitzt und eng mit der Psyche zusammenhängt, zeigt sich schon an den zahlreichen Kommentaren zu diesem Beitrag. Da es offenbar viele unterschiedliche Erfahrungen und Ansichten zum Thema Schizophrenie und Rauchen gibt, möchten wir uns an dieser Stelle noch einmal einschalten.

Rauchen und psychische Erkrankungen

Es ist bekannt, dass viele Menschen mit Schizophrenie starke Raucher sind. Aber auch, wer an Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen leidet, greift überdurchschnittlich oft zum Glimmstängel.

Die Frage ist, wie es ein Leser bereits beschrieben hat, die nach der Henne und dem Ei: Was war zuerst da? Rauchen die Betroffenen zunächst, bevor sie eine Schizophrenie bekommen – was dafür sprechen würde, dass Tabak die Erkrankung möglicherweise mitverursachen könnte? Oder kommen Menschen mit einer schizophrenen Störung erst nach Ausbruch der Erkrankung auf den Geschmack von Zigaretten? An diesem Punkt scheiden sich die Geister nach wie vor.

Erst das Rauchen oder erst die Störung?

Es gibt Studien, die zeigen, dass durch Nikotin mehr Dopamin im Gehirn freigesetzt wird – der Botenstoff, der für die schizophrene Symptomatik mitverantwortlich gemacht wird und der mit Medikamenten in Schach gehalten werden soll. Viele Untersuchungen ergaben außerdem, dass bei der Erstdiagnose viele bereits starke Raucher waren und nicht erst mit der Erkrankungen angefangen haben zu qualmen. Vergleiche zeigten, dass das Risiko für Raucher, eine Psychose zu entwickeln, deutlich höher liegt als für Nichtraucher.

Auf der anderen Seite erschienen in jüngerer Zeit Studien, die das Rauchen eher als Folge der Schizophrenie bestätigen und dafür sprechen könnten, dass Betroffene quasi zur Selbstmedikation häufig anfangen zu rauchen. Dabei wurden wiederum verschiedene Vermutungen angestellt, welche Abläufe und Botenstoffe im Gehirn in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen könnten. So wurde dem Nikotin etwa nachgesagt, die Bildung von GABA, einer wichtigen hemmenden Substanz im Nervensystem, die bei Menschen mit Schizophrenie häufig vermindert ist, anzuregen.

Mäuse profitierten von Nikotin

Eine andere Studie legt einen Zusammenhang mit einer bestimmten Genvariante nahe, die sich sowohl bei Rauchern als auch bei psychotisch Erkrankten nachweisen ließ. Im Tierversuch zeigten Mäuse mit dem entsprechenden Defekt typische Anzeichen einer Schizophrenie, die sich mit der seit langem bekannten Hypothese der sogenannten Hypofrontalität vereinbaren lassen. Sie besagt, dass bei einer Schizophrenie bestimmte Bereiche im Frontalhirn weniger gut durchblutet und versorgt werden.

Das besagte Gen nun ist zuständig für einen Nikotinrezeptor (Ankerstelle) in diesem vorderen Hirnanteil. Ist es verändert, werden bestimme Nervenzellen möglicherweise weniger gut vernetzt und stimuliert. Nikotin könnte diese verminderte Aktivität ausgleichen. Bei den Versuchsmäusen funktionierte das Frontalhirn jedenfalls wieder normal, nachdem sie mit Nikotininfusionen behandelt worden waren.

Weitere Studien nötig

Das soll allerdings keinesfalls ein Freibrief für Raucher sein. Noch sind die Erkenntnisse viel zu vage und z.T. widersprüchlich, um konkrete Aussagen zu treffen oder gar Empfehlungen geben zu können. Da das Rauchen bekanntermaßen viele schädliche Wirkungen hat, ist es als Behandlungsoption mit Sicherheit nicht zu empfehlen. Ob eventuell eine Nikotinersatztherapie in Zukunft eine Rolle spielen könnte, müssen weitere Untersuchungen zeigen.

Sicherlich richtig ist die Anmerkung eines Lesers, dass das regelmäßige Ritual beruhigend wirkt und Menschen mit Schizophrenie gerade in akuten Phasen (vermeintlichen) Halt gibt. Deshalb greifen auch Betroffene mit anderen psychischen Erkrankungen immer wieder darauf zurück.

Fakt ist aber auch, dass eben keineswegs alle mit der Diagnose Raucher sind. Und auch mit einer Schizophrenie scheint es möglich zu sein, mit dem Rauchen aufzuhören.

Sicher ist: Rauchen ist ungesund!

Halten wir also fest, dass die genauen Einflüsse des Tabaks und der Zusammenhang von Rauchen und schizophrenen Erkrankungen noch nicht geklärt sind. Klar ist aber, dass Zigaretten mit Sicherheit kein geeignetes Mittel gegen Psychosen sind. Ob gesund oder psychisch krank – Sie sollten möglichst auf das Rauchen verzichten bzw. erst gar nicht damit anfangen.

Autorin: Eva Bauer (Ärztin)

Haben Sie eigene Erfahrungen oder eine andere Meinung? Dann schreiben Sie doch einen Kommentar (bitte Regeln beachten).
Kommentare (8)
Gelogen. Mal wieder.
8 Samstag, den 29. September 2018 um 07:58 Uhr
...
Das Rauchen beeinflusst nicht die Symptome der Schizophrenie positiv, sondern wirkt gegen die Nebenwirkungen der Medikamente. Das zeigt nun wieder, dass die meisten Psychiater vielleicht nicht immer in der Lage sind, diese - die Medikamente - zur Zufriedenheit des Patienten einzustellen.
Nichtraucher
7 Sonntag, den 08. Oktober 2017 um 20:59 Uhr
Ninn
Ich bin seit meiner frühen Kindheit depressiv und in der Jugend kam noch Schizophrenie dazu mit ziemlich vielen akuten Phasen. Trotzdem habe ich nie auch nur eine Zigarette oder andere Drogen angefasst!!!
rauchen
6 Sonntag, den 31. Januar 2016 um 19:57 Uhr
noradenalin
Das muss wohl an den Neurotransmittern liegen, welche die Medikamente blocken, z.B. Noradrenalin, was aus Serotonin und Dopamin gebildet wird. Noradrenalin sorgt zum Beispiel dafür, dass sich die Gefäße verengen und ist auch dafür da, dass man bestimmte Wahrnehmungsinhalte ausblenden kann. Nur ist leider Nikotin nicht Noradrenalin.
Euer Geblubber
5 Samstag, den 15. März 2014 um 19:17 Uhr
Schizoboy
Fragt doch einfach mal einen schizophrenen Raucher.
Mittlerweile dampfe ich sogar seit genau einem Jahr e-zigs. Und reduziere mein Nikotin stetig bin von 18 auf 6 mg Nikotin runter. Zudem habe ich so ziemlich alle Drogen genommen, welche ich in die Hand oder unter die Nase bekam. Davon bin ich nun auch weg. Zudem trinke ich seit 2 Monaten keinen Tropfen Alk mehr. Und mir geht es von Tag zu Tag besser.
Zudem, warum so viele Schizos und auch Depressive rauchen, ist ganz simpel, weil es ihnen damit kurzfristig besser geht und es ihnen einen Halt gibt, gerade auf Station in der Klinik, wenn man eine akute Phase hat.
Trotzdem kann Rauchen eine Rolle spielen
4 Montag, den 25. November 2013 um 06:51 Uhr
Nav-Redaktion
Hallo Ulrike,

ein multifaktorielles Geschehen schließt aber nicht aus, dass Rauchen eine Rolle spielt. Eher im Gegenteil.

Viele Grüße
Ihre Navigator-Redaktion
zigaretten als Auslöser..??
3 Mittwoch, den 20. November 2013 um 16:30 Uhr
ulrike
so ein humbug...!!!

schizophrenie ist ein multifaktorielles Geschehen....
Alte Binsenweisheiten der Zigarettenlobby
2 Freitag, den 07. Dezember 2012 um 01:53 Uhr
Michael
Nikotin beinflusst nicht einige Symptome der Schizophrenie positiv, sondern genau umgekehrt. Gemäß der Frage, was war zuerst da: das Ei oder die Henne? Nikotin ist der Auslöser für eine Schizophrenie. Siehe auch hier bei der neueren Quelle:
http://www.mediadesk.uzh.ch/articles/2012/raucher-koennten-anfaelliger-fuer-eine-schizophrenie-sein.html
Tip: e-Zigarette
1 Donnerstag, den 06. Dezember 2012 um 22:50 Uhr
Schreiber
Es gibt mittlerweile mit der e-Zigarette eine weniger schädliche Alternative zum Rauchen. Das Gefühl ist dem Rauchen nicht unähnlich, und man bekommt seine Dosis Nikotin ohne die ganzen anderen Gifte aus dem Tabakrauch. Die Geräte sind mittlerweile ausgereift und günstig geworden.
Viele "Dampfer" sind sogar komplett umgestiegen und erfreuen sich einer besseren Lebensqualität.
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