Kann eine Wochenbettdepression durch die Schilddrüse verursacht werden?

Nicht direkt, es können aber sehr ähnliche Symptome auftreten. Eine Fehlfunktion der Schilddrüse kann einer Wochenbettdepression zum Verwechseln ähnlich sein.

Physisch oder psychisch?

Untersuchungen haben ergeben, dass sich bei annähernd jeder zwölften Frau nach der Entbindung eine Schilddrüsenentzündung, im Fachjargon als Postpartum-Thyreoiditis bezeichnet, entwickelt. Ihre Symptome können denen einer Wochenbettdepression ähneln und als solche fehlinterpretiert werden.

Die Postpartum-Thyreoiditis entwickelt sich in der Regel im Zeitraum von etwa vier bis 24 Wochen nach der Entbindung. In diesem Zeitraum kann typischerweise auch eine Wochenbettdepression ausbrechen, was noch leichter zu einer Fehldeutung verleitet.

Übrigens: Davon abzugrenzen ist der sog. „Babyblues“, der in den ersten Tagen nach der Geburt auftreten kann. Er hängt mit der allgemeinen hormonellen Umstellung nach der Entbindung zusammen und ist nach ein paar Tagen überstanden. Vor allem hinterlässt er keine bleibenden Schäden in der Beziehung zwischen Mutter und Kind.

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Wochenbettdepression und Baby Blues

An Differentialdiagnosen denken

Ganz anders bei der richtigen Wochenbettdepression, die eine ernsthafte psychische Erkrankung und Gefährdung für Mutter und Kind darstellt. Deshalb ist es sehr wichtig, die Diagnose sorgfältig zu stellen. Sie sollte nicht übersehen, aber eben auch nicht irrtümlicherweise angenommen werden, bevor nicht andere mögliche Ursachen ausgeschlossen worden sind. Und zu diesen sog. Differentialdiagnosen (Diagnosen, die neben der primär vermuteten auch noch infrage kommen) gehört auch eine Erkrankung der Schilddrüse.

Auslöser ist meist die erhöhte Aktivität der Schilddrüse während der Schwangerschaft. Bei Frauen, die eine Veranlagung zur Entwicklung einer Hashimoto-Thyreoiditis oder eines Morbus Basedow haben, oder die bereits vor oder während der Schwangerschaft erhöhte Schilddrüsen-Antikörper aufweisen, kann es nach der Entbindung zu einer hormonellen Entgleisung kommen. Auch Diabetikerinnen sind häufiger davon betroffen.

Buntes Bild an Symptomen

Die  Entzündung kann sich dabei zunächst in den Symptomen der Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) äußern wie Nervosität, Reizbarkeit, Rastlosigkeit und Herzklopfen. Später kann die Überfunktion in eine Unterfunktion übergehen.

Es kann sich allerdings auch nur eine Über- oder eine Unterfunktion entwickeln. Letztere zeigt sich in Müdigkeit, Antriebslosigkeit und Konzentrationsschwäche, Symptome also, die auch für eine Depression bezeichnend sind, so dass die Schilddrüsenentzündung leicht mit einer Wochenbettdepression verwechselt werden kann.

Gut zu behandeln

Bei Verdacht auf eine Postpartum-Thyreoiditis sollten die sog. TPO-Antikörper (Thyreoperoxidase-Antikörper) gemessen werden. Sind diese erhöht, wie es auch bei der autoimmunen Hashimoto-Thyreoiditis der Fall ist, ist eine Schilddrüsenentzündung wahrscheinlich. Es kann allerdings auch vorkommen, dass die TPO-Antikörper erhöht sind, ohne dass Symptome auftreten. Das ist sogar in den meisten Fällen so. Man spricht dann von einem klinisch latenten Verlauf.

Bei entsprechenden Beschwerden kann eine Unterfunktion der Schilddrüse gut mit dem Medikament Levothyroxin behandelt werden, das das fehlende Schilddrüsenhormon ersetzt. Meist normalisiert sich die Schilddrüsenfunktion bei der Postpartum-Thyreoiditis nach etwa einem Jahr von selbst wieder.

Autoren: Dr. Kerstin Reider, Eva Bauer (Ärztin)

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Schilddrüsenunterfunktion: Symptome und Behandlung

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