Wodurch kann es zu einer Überfunktion der Schilddrüse kommen?

Eine Überfunktion der Schilddrüse bedeutet einen Überschuss an Schilddrüsen-Hormonen. Sie kann ganz unterschiedliche Ursachen haben, die entweder mit der Schilddrüse selbst zusammenhängen oder aber mit einer Störung auf übergeordneter Ebene. Daneben kann die Überfunktion auch selbstverursacht sein.

Hormonhaushalt: ein fein austariertes System

Die gesamte Hormonproduktion unterliegt einem recht komplizierten Regelkreis, der genau abgestimmt sein muss, damit auch alles richtig funktioniert. Kommt dabei ein System aus dem Gleichgewicht, wirkt sich das auf den gesamten Kreislauf aus.

Insgesamt kann man drei Ebenen unterscheiden:

Da gibt es zum einen die Drüsen, wie z.B. die Schilddrüse. Sie stehen ganz am Ende des Regelkreises und produzieren letztlich die Endhormone (bei der Schilddrüse T3 und T4), um sie danach bei Bedarf in den Körper auszuschütten.

Darüber gibt es weitere Ebenen, die im Gehirn angesiedelt sind und den Drüsen gewissermaßen Befehle erteilen. Die eine Steuerungsinstanz nennt sich Hypophyse oder Hirnanhangsdrüse. Auch sie schüttet eine Substanz aus, nämlich im Fall der Schilddrüse das TSH. Wie der Name schon sagt (T = Thyroidea/Schilddrüse, S = stimulierendes, H = Hormon), wirkt sie auf die Schilddrüse ein: Sie wird durch TSH angeregt, selbst mehr Hormone (T3, T4) zu produzieren.

Und schließlich gibt es noch die oberste Steuerzentrale. Sie sitzt im sog. Hypothalamus. Hier wird ein weiterer Botenstoff gebildet, das TRH. Es wirkt wiederum auf die Hypophyse, die mit dem Hypothalamus über einen kleinen Stiel verbunden ist. Darüber wird die Hypophyse aufgefordert, mehr von ihrem eigenen Hormon, dem TSH, zu bilden.

Das klingt alles sehr komplex, funktioniert aber im Grunde immer nach dem gleichen, in sich logischen Prinzip.

Regelkreis aus dem Gleichgewicht

Bei einer Hyperthyreose ist dieser fein abgestimmte Regelkreis nun in irgendeiner Weise aus dem Gleichgewicht geraten. Die Folge ist eine Konstellation, wie sie nach dem oben geschilderten Prinzip eigentlich nicht gedacht ist: Das TSH aus der Hypophyse ist erniedrigt, die Schilddrüsen-Hormone T3 und T4 in der Regel erhöht. Das passt aber nicht zusammen, denn eigentlich sollte die Schilddrüse ja nur dann mehr Hormone bilden, wenn die Hypophyse ihr den Befehl dazu erteilt. Das tut sie aber gerade nicht. Was also steckt dahinter?

Schilddrüse außer Rand und Band: der heiße Knoten

Heiße Knoten (auch autonome Adenome genannt) sind Areale in der Schilddrüse, die sich dem beschriebenen Regelkreis entziehen und nicht mehr auf die übergeordneten Ebenen im Gehirn reagieren. Sie produzieren völlig selbständig und ohne jede Kontrolle Hormone.

Meistens entstehen solche Bereiche durch einen Jodmangel. Wird die Schilddrüse nämlich nicht ausreichend mit Jod versorgt, vergrößert sie sich, und es entsteht ein Kropf. Sie versucht damit, den Jodmangel auszugleichen, indem sie sich immer weiter aufbläht. In einer solchen vergrößerten Schilddrüse bilden sich dann häufig heiße Knoten, die unabhängig vom eigentlichen Bedarf Hormone produzieren.

Das autonome Schilddrüsengewebe kann dabei als einzelner Knoten („unifokal“ = einzelne Bereiche betreffend) vorliegen, was bei etwa 30 Prozent der Patienten der Fall ist. Bei etwa 50 % der Betroffenen liegen mehrere Knoten („multifokal“ = mehrere Areale betreffend) vor. In seltenen Fällen können sich die Knoten auch über das gesamte Schilddrüsengewebe („diffus“) verteilen.

Neben der Autoimmunerkrankung Morbus Basedow stellt die Schilddrüsenautonomie die zweithäufigste Ursache für eine Überfunktion der Schilddrüse dar. Frauen sind in der Regel (sechs Mal!) häufiger von einer solchen Schilddrüsenautonomie betroffen als Männer. Die Erkrankung setzt häufig bei Menschen ab dem 40. Lebensjahr ein.

Der Körper bekämpft sich selbst: Morbus Basedow

Der Morbus Basedow ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das körpereigene Abwehrsystem irrtümlich das eigene Schilddrüsengewebe angreift. Bei der Erkrankung werden Antikörper gebildet, die sich an den Schilddrüsenzellen (TSH-Rezeptor) festsetzen und die Drüse dadurch verstärkt zur Bildung von Schilddrüsenhormonen anregen. Es kommt zu einer Überfunktion der Schilddrüse.

Bei vielen Betroffenen entzündet sich dabei auch das Gewebe in der Augenhöhle. Das kann zum typischen Bild der sog. endokrinen Orbitopathie führen, bei der die Augäpfel stark hervortreten.

Schilddrüsenhormone: Vorsicht Überdosierung

Schilddrüsenhormone werden normalerweise eingenommen, um einen Hormonmangel bei einer Schilddrüsenunterfunktion auszugleichen. Werden jedoch zu viele Schilddrüsenhormone eingenommen, kann es sein, dass eine Unterfunktion in eine Überfunktion übergeht.

Dabei kann man sich gut vorstellen, wie die übergeordneten Systeme reagieren. Wird die Schilddrüse von außen immer mehr mit Hormonen „gefüttert“, wird die Hypophyse ihre TSH-Produktion tunlichst einstellen, um den Überschuss nicht noch zu verstärken. Hier funktioniert also der Regelkreis an sich noch wunderbar. Die Überfunktion ist in diesem Fall selbstverursacht und nicht auf eine Erkrankung zurückzuführen. Dementsprechend einfach ist es aber auch, sie zu beheben: indem man die Hormoneinnahme reduziert.

Überdosis Jod

Auch ein Zuviel an jodhaltigen Substanzen (z. B. durch die Einnahme jodhaltiger Medikamente oder Röntgenkontrastmittel) kann zu einer Überfunktion der Schilddrüse führen. Diese braucht das Spurenelement, um ihre Hormone zu bilden. Bekommt sie mehr von dem „Baustoff“, nutzt sie ihn auch und produziert entsprechend mehr T3 und T4. Auch diese Form der Überfunktion ist damit selbstinduziert und behebbar.

Allerdings ist eine Überfunktion allein durch zu viel Iod eher selten. Das wären schon sehr gewaltige Mengen, die man dazu einnehmen müsste. Meist ist es eine Kombination mit autonomen Schilddrüsen-Arealen (heiße Knoten), die wiederum ursprünglich durch einen Jodmangel bedingt sind, wie oben beschrieben. Werden solche selbständigen Bereiche zusätzlich mit Jod versorgt, produzieren sie umso mehr Hormone.

Entzündete Schilddrüse

Bei der sogenannten “Thyreoiditis de Quervain“ handelt es sich um eine Entzündung der Schilddrüse, die aber nur sehr selten auftritt. Durch die Entzündung kommt es zu einer Schädigung der Schilddrüsenzellen, wodurch die Schilddrüsenhormone plötzlich und im Überschuss ins Blut gelangen.

Sehr selten: Tumore

Es gibt auch Tumore der Hypophyse, sog. Hypophysen-Adenome. Sie sind jedoch Raritäten. Sie führen dazu, dass die Hypophyse mehr TSH bildet. Dadurch wird wiederum die Schilddrüse zur Bildung ihrer Hormone angeregt, was zur Überfunktion führt. Hier ist also nicht die Schilddrüse selbst betroffen, sondern die übergeordnete Steuerung im Gehirn. Man spricht daher auch von einer zentralen Hyperthyreose.

Autoren: Nina Schratt-Peterz, Eva Bauer (Ärztin)

Alle Fragen und Antworten dazu finden Sie hier:
Schilddrüsenüberfunktion: Symptome und Behandlung

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