Wenn jeder Handgriff schmerzt

Warum leiden fast nur Frauen an Fingerarthrose?

Kann zu hohe Belastung ein Auslöser sein?

Was sind typische Symptome und was wirkt vorbeugend? -Antworten gibt Orthopäde Dr. med. Thomas Schneider aus Gundelfingen.

Herr Dr. Schneider, bei Arthrose denkt man zuerst an Knie und Hüften. Wie häufig sind die Finger betroffen?

Schneider: Unter Polyarthrose – so der medizinische Ausdruck – leiden hierzulande Millionen Menschen. Dabei können mehrere Fingergelenke einer Hand gleichzeitig betroffen sein. 90 Prozent aller Patienten sind Frauen – die meisten von ihnen in mittleren Lebensjahren.

Warum trift es vor allem Frauen?

Oft wird behauptet, dass die Hormone, also die nachlassende Östrogen-Produktion, dabei eine Rolle spielt. Doch das ist nicht erwiesen. Warum sollte sich die hormonelle Umstellung in den Wechseljahren ausgerechnet in den Fingergelenken auswirken? Vermutlich ist die Erkrankung genetisch bedingt.

Kann zu hohe Belastung eine Fingergelenks-Arthrose auslösen?

Nein, ansonsten müssten vor allem Handwerker davon betroffen sein. Die Fingergelenks-Arthrose  ist nicht belastungsabhängig.

Wie äußert sich eine Polyarthrose?

Das ist individuell ganz verschieden. In allen Fällen sind jedoch Vorwölbungen als Knötchen an den Fingergelenken tastbar. Wie bei jeder Arthrose kommt es auch bei der Polyarthrose zu einer Verknöcherung der Gelenkkapsel. Die Fingergelenke werden zunehmend unbeweglich. Erste Symptome einer Erkrankung zeigen sich häufig beim Hantieren mit schweren Gegenständen.

Sind alle Finger in gleicher Weise betroffen?

Eine Sonderstellung bei der Fingerarthrose nimmt der Daumen ein. Während bei den übrigen Fingern Mittel- und Endgelenke betroffen sind, ist es in diesem Fall das Handwurzelgelenk. Diese Form der Arthrose ist meist sehr schmerzhaft und problematisch. Schließlich spielt der Daumen beim Gebrauch der Hände eine ganz besondere Rolle. Dessen eingeschränkte Funktion erschwert das Greifen erheblich, die Handgriffe werden immer ungenauer.

Wie behandeln Sie eine Polyarthrose?

Liegt eine Entzündung vor, so muss diese zuerst behandelt werden. Denn sie beschleunigt den Knorpelabbau und schränkt damit die Beweglichkeit der Finger noch mehr ein. Während eines akuten Schubs hat sich der Einsatz von entzündungshemmenden Schmerzmitteln wie Ibuprofen bewährt. Geht die Entzündung zurück, können ergänzend pflanzliche, entzündungshemmende Salben und/oder Tabletten mit den Extrakten von Beinwell, Teufelskralle oder Brennnessel verabreicht werden.

Werden ausschließlich Medikamente zur Therapie eingesetzt?

Nein, diese sind wichtig, um die Entzündung schnell zu stoppen und natürlich auch die Schmerzen zu lindern. Zusätzlich ist Krankengymnastik hilfreich, um die Beweglichkeit der Finger möglichst lange zu erhalten. Bewährt haben sich auch regelmäßige Kräftigungsübungen, etwa durch das Drücken eines Softballes. Viele Patienten empfinden Bewegungsübungen im Wasser als besonders angenehm. Um den Daumen zu entlasten und seine Beweglichkeit zu erhalten, kommt oft eine Daumen-Orthese aus Kunststoff zum Einsatz.

Lässt sich der Knorpel durch Hyaluronsäure wieder aufbauen?

Hyaluronsäure ist ein natürlicher Bestandteil der Gelenkschmiere, die bei Arthrose oft fehlt. Eine Injektion mit Hyaluronsäure kann die Reibung im Fingergelenk herabsetzen und die Entzündung hemmen. Aber sie baut den Knorpel nicht wieder auf.

Operieren Sie auch?

Nur in seltenen Fällen. Drückt zum Beispiel bei der Arthrose der äußeren Fingergelenke der knöcherne Auswuchs auf den Nagel, kann ein Eingriff dabei helfen, den Nagel zu retten. Als letzte Option entfernen wir einen Teil des Gelenks und ersetzen ihn durch ein Sehnenstück. Dadurch entsteht eine schmerzfreie, bewegliche Verbindung. Der Daumen wird dabei etwas verkürzt. Eine weitere Möglichkeit ist die Daumensattelgelenks--Prothese. Sie ist ähnlich aufgebaut wie eine Hüftprothese. In schweren Fällen kann auch eine Versteifung der betroffenen Gelenke notwendig sein. Die Finger bleiben funktionsfähig, die Schmerzen werden erheblich reduziert.

Besteht eine Chance auf Heilung?

Nein. Wir können nur den Verlauf so weit wie möglich verlangsamen und die Beschwerden weitgehend reduzieren.

Interview: Andreas Brenneke
Patienten Journal Reise & Gesundheit Oktober 2015

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