PSA im Faktencheck: Was bringt das Screening?

Die einen loben ihn in den Himmel, die anderen verfluchen ihn – seit einigen Jahren erregt der PSA-Test zum Screening auf Prostatakrebs die Gemüter von Ärzten und Wissenschaftlern. Betroffene stehen oft ratlos daneben und wissen nicht weiter. Lassen Sie uns die Sache einmal ganz nüchtern betrachten.

Als Verlaufsparameter bei Krebs unentbehrlich

Im Jahr 1970 wurde es entdeckt, das Prostata-spezifische Antigen (PSA), ein körpereigenen Eiweiß, das für die Zusammensetzung des Samensekrets eine wichtige Rolle spielt und es flüssig hält. Der Test auf die für die Prostata typische Substanz diente ursprünglich dazu, nach einer Prostatakrebsbehandlung den weiteren Verlauf zu evaluieren. Als solcher Verlaufsparameter ist der PSA-Test nach wie vor unumstritten. Steigt er nach einer Operation oder Strahlentherapie wieder an, ist das oft ein deutlicher Hinweis auf einen erneuten Ausbruch der Erkrankung.

Anders sieht es mit einem bevölkerungsweiten Screening aus, das alle Männer Deutschlands anvisiert und diejenigen detektieren soll, die einen erhöhten Wert aufweisen. Dadurch sollen nämlich Krebserkrankungen in frühen Stadien entdeckt werden, die viel besser zu behandeln sind als fortgeschrittene Tumoren.

Es muss aber nicht unbedingt Krebs sein

Im Grunde klingt das sehr vernünftig. Leider gibt es dabei aber ein paar Haken. Denn so spezifisch das PSA auch für die Prostata ist, krebsspezifisch ist es nicht. Das heißt, ein erhöhter Wert bedeutet zwar, dass mit der Prostata irgendetwas nicht stimmt; was genau das ist, kann man anhand des Wertes allerdings nicht ablesen.

Es gibt keinen Absolutwert, ab dem man sagen könnte, dass es sich um Krebs handelt. Das Prostata-spezifische Antigen kann bei Krebs, aber eben auch bei Entzündungen und Vergrößerungen des Organs oder einfach nur nach körperlicher Anstrengung jeweils in beliebige Höhen schnellen.

In der Folge kann das dazu führen, dass völlig unnötig Pferde scheu gemacht werden und weitere diagnostische Maßnahmen erfolgen, die weit über das Ziel hinaus schießen – von der Unsicherheit und Angst der Betroffenen ganz zu schweigen.

Hitzige Debatte um ein Promille

Das ist die eine Crux. Bei der anderen sind wir schon mitten in der nach wie vor anhaltenden Diskussion um Sinn und Unsinn des Screenings. Es geht um die große Frage nach dem Nutzen eines allgemeinen Früherkennungsprogramms.

Sämtliche Neuheiten und Errungenschaften der Medizin, seien es Medikamente, Anwendungen oder Testverfahren, müssen sich an der einen Frage bewähren: Bringt es einen Zusatznutzen? Bzw. im Falle eines Frühtests auf Krebs: Sterben dadurch weniger Menschen?

Und jetzt wird es spitzfindig. Denn man kann nach der krankheitsspezifischen, oder aber nach der Gesamtsterblichkeit fragen. Einmal werden nur die Todesfälle erfasst, die der Krebs zu verantworten hat, das andere Mal sämtliche Todesursachen.

Interessanterweise herrscht Einigkeit darüber, dass insgesamt durch das Screening nicht weniger Menschen sterben. Zwei relevante Studien der letzten Zeit zeigten beide keinen Unterschied in der Gesamtsterblichkeit im Vergleich von gescreenten zu nicht gescreenten Probanden. In Zahlen übersetzt heißt das: Innerhalb von 11 Jahren starben sowohl in der Screeninggruppe als auch in der Nicht-Screeninggruppe 210 von 1000 Männern.

Was jedoch die Frage nach der Sterblichkeit am Prostatakrebs anbelangt, unterscheiden sich die Studien um sage und schreibe eine Person! Die eine Studie kam nämlich zu dem Ergebnis, dass von besagten 1000 Männern 4 in der nicht gescreenten Gruppe starben, in der Screeninggruppe dagegen nur knapp 3. Die aufgeregte Debatte hängt sich also an der Frage auf, wieviele von 1000 Männern durch das Screening weniger sterben: einer oder keiner.

Fluch und Segen des Screenings

Vielleicht fragen Sie sich, wie es denn sein kann, dass die Gesamtsterblichkeit sich nicht unterscheidet, die Krebstodesfälle aber schon. Das erklärt sich vermutlich über die negativen Auswirkungen, die das Screening mit sich bringt und die Kritiker immer wieder betonen.

Von den 1000 untersuchten Probanden wurden in den 11 Jahren 160 fälschlicherweise identifiziert, das heißt, es wurden in der Folge Proben der Prostata entnommen, obwohl kein Krebs vorhanden war. Von diesen wiederum erhielten 20 Männer sogar eine völlig unnötige Behandlung. Obwohl sie keinen Krebs hatten, wurden sie operiert oder bestrahlt. Eine solche Therapie kann natürlich auch Komplikationen bis hin zum frühzeitigen Tod mit sich bringen. Dadurch gleicht sich die Gesamtsterblichkeit wahrscheinlich wieder aus.

Man kann also sagen: Ja, das Screening sorgt tatsächlich dafür, dass weniger Menschen (knapp 3 statt 4 von 1000) am Prostatakrebs sterben. Die diagnostische und therapeutische Spirale, die dadurch in Gang gesetzt wird, kostet aber wiederum Leben, so dass das Ergebnis unterm Strich dasselbe ist.

Statistiken und der Einzelfall

Vielleicht erschrecken Sie diese Zahlenspiele. Für die Aussagekraft wissenschaftlicher Studien und die Evaluierung neuer Verfahren sind solche nüchternen Rechnungen jedoch tatsächlich wichtig. Über den Einzelfall sagen allerdings wenig aus.

Und da sind wird genau bei Ihnen und anderen Betroffenen, die sich dieselbe Frage stellen: Was haben Sie persönlich von einem PSA-Test? Zu welcher Gruppe gehören Sie? Sind Sie der eine, der tatsächlich Krebs hat und von dem Test profitiert? Oder gehören Sie doch eher zu denen, bei denen der Blutwert falschen Alarm loslöst, und die fortan in Angst und Schrecken leben? Niemand kann Ihnen das sagen.

Schwierige Entscheidung

Prostatakrebs ist eine Erkrankung des höheren Lebensalters. Aufgrund der immer größeren Lebenserwartung erkranken heutzutage viele Männer im Herbst ihres Lebens daran – die meisten jedoch, ohne je etwas von dem Krebs mitzubekommen. Denn die Tumoren schreiten oft nur langsam voran und bereiten keinerlei Beschwerden. Bevor sie dies tun, stirbt derjenige, nüchtern betrachtet, an etwas anderem.

Wenn wir irgendwann einmal alle 100 Jahre alt werden, erhält die Debatte um das PSA-Screening womöglich eine neue Relevanz. Bis dahin muss jeder für sich entscheiden, was und wieviel er wirklich wissen möchte.

Autorin: Eva Bauer (Ärztin)