Kann Tinnitus bis in den Suizid treiben?

Ja, das ist möglich. Während manche Menschen sehr gut mit dem ständigen Ohrensausen zurechtkommen, kann der Tinnitus anderen Betroffenen das Leben regelrecht zur Hölle machen. Es gibt aber gute Strategien, die jeder erlernen kann, um sich besser von dem Störenfried im Ohr zu distanzieren und nicht an ihm zu verzweifeln.

Manchen Menschen bereiten die Ohrgeräusche andauernd Stress. Sie fühlen sich angespannt und nervös. Oft können Sie aufgrund des ständigen Ohrensausens nicht mehr schlafen. Der Tinnitus löst bei ihnen damit eine Reihe von weiteren Beschwerden aus. Häufig wird er von folgenden Symptomen begleitet:

  • Konzentrationsprobleme
  • Stimmungsschwankungen
  • Reizbarkeit
  • depressive Verstimmungen
  • Leistungsminderung
  • Angstzustände

Ohnmachtsgefühle, Depressivität und sozialer Rückzug

Schon allein die beängstigende Vorstellung, nichts gegen die Ohrgeräusche unternehmen zu können und ihnen vollkommen ausgeliefert zu sein, kann für Betroffene so unerträglich sein, dass sie an einer ernsthaften psychischen Störung erkranken.

Darüber hinaus fühlen sie sich oft mit ihren Problemen alleine gelassen, nicht ernst genommen oder richtig verstanden und ziehen sich aus ihrem sozialen und beruflichen Umfeld immer mehr zurück.

Das ungute Gefühl in Gesellschaft verstärkt sich noch dadurch, dass Menschen mit Tinnitus häufig Probleme haben, Gesprächen zu folgen, da sie bestimme Frequenzen nicht mehr wahrnehmen können. Manche sind sogar so stark von den Ohrgeräuschen beeinträchtigt, dass sie ihren Beruf nicht mehr ausüben können.

Hemmungslose Vereinnahmung

In 80% der Fälle kommt es außerdem vor, dass der Betroffene gleichzeitig auch an einer anderen Beeinträchtigung wie Schwerhörigkeit oder einer verstärkten Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen (auch Hyperakusis genannt) leidet, was eine weitere Einschränkung der Lebensqualität bedeutet. Oft reagieren Tinnitus-Betroffene beispielsweise sehr sensibel auf Lärmquellen jeglicher Art und empfinden normale Geräusche als schmerzhaft, wodurch sich Depressivität und sozialer Rückzug noch verstärken können.

So entsteht ein Teufelskreis. Denn der Rückzug ist für den Tinnitus ein gefundenes Fressen. Jetzt kann er sich noch mehr ausbreiten und die frei gewordene Zeit auch noch vereinnahmen. Um aus dieser Abwärtsspirale wieder herauszukommen, empfiehlt es sich, möglichst frühzeitig eine Therapie zu beginnen.

Hilfe ist jederzeit möglich

Wenn man weiterhin nichts gegen seine Beschwerden unternimmt, kann sich daraus eine schwere Depression, verbunden mit Panikattacken und/oder Angstzuständen entwickeln. Oft wird die Depression auch von einer Alkohol- oder Schmerztablettensucht begleitet. Der Leidensdruck wird dadurch allerdings nur noch größer.

Letztlich kann die psychische Krise sogar lebensgefährlich werden, sodass der Betroffene keinen anderen Ausweg mehr sieht und schließlich versucht, seinem Leiden mit eigenen Mitteln zu entkommen.

Wichtig ist jedoch: Ein chronischer Tinnitus ist zwar nicht heilbar, aber auf jeden Fall behandelbar. Das heißt, selbst Menschen, die schon jahrelang unter einem chronischen Tinnitus leiden, können etwas gegen die Beschwerden unternehmen.

Wichtig ist es vor allem zu lernen, besser mit dem Tinnitus umzugehen. In der Regel ist dafür eine längerfristige therapeutische Behandlung notwendig, in der man lernt, die Ohrengeräusche zu akzeptieren und mit ihnen zu leben. Dazu braucht es jedoch einen Anschub von außen oder auch den Austausch mit anderen Betroffenen. Tinnitus ist nichts für Alleinkämpfer – im Gegenteil: Wer anfängt zu kämpfen, hat schon verloren.

Autoren: Nina Schratt-Peterz, Eva Bauer (Ärztin)

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