Was versteht man unter der sekundär progredienten MS?

Als sekundär progrediente MS bezeichnet man eine bestimmte Ausprägung der Multiplen Sklerose. Dabei kommt es "sekundär", also hervorgehend aus einem milderen Krankheitsstadium, zu einer langsamen Zunahme der neurologischen Schäden. Diese Schäden bilden sich dann nicht mehr zurück.

Von der RRMS zur SPMS

Von der sekundär progredienten MS (SPMS) abzugrenzen ist die schubförmig remittierende MS (RRMS), bei der sich die neurologischen Schäden nach einem Schub vollständig oder zumindest zu einem großen Teil wieder zurückbilden. Die sekundär progrediente MS geht häufig aus einer schubförmig remittierenden MS hervor, ist also gewissermaßen eine Spätform der Multiplen Sklerose.

Allerdings muss das nicht passieren. Statistiken besagen, dass etwa 30-40 % der RRMS-Betroffenen nach 10 bis 15 Jahren in die sekundär chronisch progrediente Verlaufsform übergehen. Nach mehr als 20 Jahren soll die Häufigkeit dieser Verlaufsform schon bis zu 90 % betragen.

SPMS mit oder ohne Schübe?

Treten in der Übergangsphase zwischen RRMS und SPMS noch weiter Schübe auf, sprechen Experten übrigens von einer rSPMS (SPMS mit aufgesetzten Schüben). Diese zusätzliche Unterteilung hat vor allem therapeutische Konsequenzen.

Bis heute ist die Behandlung der sekundär progredienten Multiplen Sklerose nämlich nicht ganz einfach und weiterhin Gegenstand intensiver Pharmaforschung. Abhängig davon, ob es sich um eine SPMS ohne oder mit aufgesetzten Schüben handelt, gibt es derzeit sehr unterschiedliche Therapieempfehlungen bzw. Medikamentenzulassungen.

Varianten immunmodulatorischer Therapien

Während sich die Behandlungsoptionen für die SPMS ohne aufgesetzte Schübe vor allem auf Mitoxantron beschränken und nur in Einzelfällen auf Cyclophosphamid oder intravenöse Immunglobuline ausgewichen wird, sieht es bei der der SPMS mit aufgesetzten Schüben schon anders aus.

In der Behandlung der rSPMS stehen den Betroffenen zunehmend mehr Möglichkeiten zur Verfügung. Derzeit gelten in Deutschland für die SPMS mit aufgesetzten Schüben folgende Therapieempfehlungen:

  • Interferone beta-1b (Betaferon®, Extavia®)
  • Interferon beta-1a (Rebif®)
  • Ocrelizumab (Ocrevus®)
  • Mitoxantron (Mittel der 2. Wahl)
  • Cyclophosphamid (in Einzelfällen im Sinne eines individuellen Heilversuchs)

In der Pipeline ist derzeit (04/2019) noch der Wirkstoff Siponimod. Dieser hat in den USA bereits seit Ende März 2019 die Zulassung u. a. zur Behandlung der rSPMS erhalten. Eine EU-Zulassung wird noch für dieses Jahr erwartet.

Mögliche Risikofaktoren für SPMS

Falls Sie sich fragen sollten, ob es bestimmte Faktoren gibt, die die Entwicklung einer sekundär progredienten MS begünstigen, so möchten wir erstmal betonen, dass die Abgabe einer Verlaufsprognose bei MS natürlich nicht wirklich sinnvoll ist. Dafür ist die Erkrankung leider zu unberechenbar.

Dennoch gibt es selbstverständlich auch dazu wissenschaftliche Untersuchungen, die wir Ihnen nicht vorenthalten möchten. So konnte beispielsweise eine recht aktuelle statistische Auswertung von Forschern der Universität Padua in Italien zeigen, dass das Risiko für die SPMS umso stärker anstieg,

  • je älter die Betroffenen zu Beginn der MS waren,
  • je höher die Anzahl der früheren Schübe war,
  • je mehr anfängliche Schäden sie in der Hirnrinde hatten und
  • je ausgeprägter die Hirnsubstanz insgesamt geschädigt war.

Wie bereits erwähnt sind dies alles nur Wahrscheinlichkeiten, die nicht auf den Einzelfall übertragbar sind. Letztendlich geht es bei solchen Untersuchungen aber vor allem darum, mögliche "Risikopatienten" frühzeitig zu identifizieren und ihnen dadurch eventuell eine gezieltere, effektivere Behandlung zukommen zu lassen.

Autoren: Dr. med. Julia Hofmann, Dr. med. Sonia Trowe

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Kommentare (1)
MS
1 Montag, den 15. August 2016 um 17:32 Uhr
Da stellt sich mir persönlich die Frage: Warum können die Ärzte untereinander Verlaufsformen nicht akzeptieren? in Bayern wurde festgestellt, dass aufgrund der Schwere der Schübe und die nicht vollständigen Rückbildungen der Behinderungen, die dann schlecht bleiben ....spätestens nach 6 Monaten muss Kortison her, sonst geht nix mehr!
Warum kann man diese Verlaufsform dann nicht akzeptieren und dementsprechend reagieren? Wie kann ich als Patient diese Verlaufsform feststellen? Und dem Arzt mitteilen? Alles etwas schwammig!
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