Sind die Beschwerden bei Multipler Sklerose so charakteristisch, dass man sie sofort erkennt?

Leider nein. "Leider" deshalb, weil das oft eine längere Zeit der Ungewissheit bedeutet, in der man von Untersuchung zu Untersuchung rennt, bis endlich klar ist, ob es sich um eine Multiple Sklerose (MS) oder etwas anderes handelt.

Das Chamäleon MS weiß sich zu tarnen

Es gibt zwar typische Beschwerden und Funktionsbeeinträchtigungen bei der MS. Aber das bedeutet nicht, dass diese auch auftreten müssen oder gar alle Betroffenen gleichsam unter ihnen leiden. Außerdem gibt noch einige andere (neurologische) Erkrankungen, die dieselben oder ähnliche Beschwerden verursachen können.

Die Symptome oder Ausfälle sind zudem individuell sehr verschieden, weil sie vom Ort der Entzündungen im zentralen Nervensystem abhängen. Auch im Krankheitsverlauf können sich die Krankheitszeichen und Beschwerden verändern. Einige Symptome lassen sich nur schwer einordnen, andere wecken rasch den Verdacht auf MS.

Die Multiple Sklerose hat nicht zu Unrecht die Bezeichnung "das Chamäleon" oder "die Erkrankung mit den 1000 Gesichtern" – sie ist unberechenbar, sowohl hinsichtlich ihres Erscheinungsbildes als auch, was den Verlauf betrifft.

Stufenweise zur richtigen Diagnose

Was man bei der Diagnosefindung übrigens nie vergessen darf: Bei Verdacht auf MS müssen parallel immer auch andere in Frage kommende Krankheiten sicher ausgeschlossen werden. Die Diagnose Multiple Sklerose darf niemals gestellt werden, wenn die ermittelten krankhaften Befunde von einer anderen Erkrankung besser erklärt werden können.

Um möglichst "sicher" die Diagnose MS stellen zu können, empfiehlt sich deshalb folgende Vorgehensweise:

  • ausführliches (Anamnese-)Gespräch bei Ihrem Hausarzt oder idealerweise bei einem Neurologen mit detaillierter Darstellung Ihrer Beschwerden
  • körperliche Untersuchung mit gezielter Testung der Nervenfunktionen
  • breitgefächerte Analyse Ihrer Blutwerte
  • Kernspintomographie (MRT bzw. Magnetresonanz-Aufnahmen des Gehirns)
  • Liquordiagnostik (Untersuchung des Nervenwassers durch Lumbalpunktion)

Nächster Schritt: McDonald-Kriterien

Sind alle Informationen gesammelt, müssen sie miteinander in Beziehung gesetzt und anhand der sogenannten McDonald-Diagnosekriterien objektiv ausgewertet werden. Es geht also letztendlich um die Verknüpfung von Krankengeschichte, individueller Symptomatik, diversen Labortests und dem Ergebnis der bildgebenden Verfahren (MRT).

Laut McDonald-Kriterien müssen hierbei einige Diagnoseparameter (Anzahl der Schübe und Entzündungsherde bzw. Läsionen, zeitliche und räumliche Verteilung der Läsionen, Liquor-Befund) jeweils in einer bestimmten Konstellation vorliegen. Nur so kann dann am Ende die Diagnose "sichere", "mögliche" oder doch "keine MS" stehen.

Ziel dieser aufwendigen Prozeduren ist vor allem folgendes: eine MS so früh wie möglich zu erkennen, um zeitnah eine effektive, krankheitsverändernde Therapie in die Wege leiten zu können.

Autoren: Dr. med. Julia Hofmann, Dr. med. Sonia Trowe

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Kommentare (1)
Schmerzen
1 Dienstag, den 21. November 2017 um 14:01 Uhr
Schon sehr lange leide ich unter sehr starken Schmerzen, symptomatisch MS. Leider tun es die Ärzte ab und es wird ständig nur krankgeschrieben. Es kommt hinzu, dass ich länger schon nicht mehr richtig Nahrung und Getränke aufnehmen kann, nur erschwert. Es wurden Teilparesen der Speiseröhre festgestellt. Das MRT zeigt keine Hirnschädigung auf, doch ich werde auf Grund der anderen auch starken Berührungsschmerzen das Gefühl nicht los, dass es mit MS zu tun haben könnte. Man vegetiert so dahin. Was soll ich noch machen?
LG Gudrun
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