Wie schnell schreitet eine Multiple Sklerose normalerweise voran?

Darauf gibt es keine vernünftige Antwort. Häufig schreitet die MS über viele Jahre so gut wie gar nicht voran oder geht nach einem Schub wieder in eine fast stumme Phase über. Aber es gibt natürlich auch ungünstigere Verläufe. Das ist individuell so unterschiedlich, dass sich eine allgemeine Prognose fast verbietet.

Erfahrungswerte anhand der EDSS-Skala – letztlich ohne Aussagekraft

Wer sich trotzdem wohler fühlt, wenn er die statistischen Mittelwerte kennt, kann sich an den Durchschnittswerten der sogenannten EDSS-Skala (Expanded Disability Status Scale) orientieren. Damit wird der individuelle Grad der neurologischen Beeinträchtigungen, insbesondere die Gehfähigkeit beschrieben.

Die Skala reicht von 0 bis 10. Ab einem EDSS von 3,5 bestehen deutliche Einschränkungen, die die Lebensqualität mindern. Auch die Arbeitsfähigkeit ist beeinträchtigt. Ein EDSS von 7 und darüber besteht nur bei sehr stark fortgeschrittener Erkrankung (so weit kommt es oft gar nicht) und bedeutet in der Regel, auf einen Rollstuhl angewiesen zu sein.

Die meisten Menschen mit Multipler Sklerose bleiben viele Jahre lang auf Stufe 1 und 2 stehen. Kommt es dann doch zu einer Krankheitsprogression, ist der Weg von Stufe 3 bis 6 meist kürzer. In darüberliegenden Stufen kommt es dann meist eher wieder zu einem Stillstand.

Aber wie gesagt, das ist Statistik. Über die eigene Prognose sagt das nichts aus. Genausowenig wie man weiß, ob man in zwanzig Jahren vielleicht Krebs oder einen Herzinfarkt bekommt, weiß man, wie sich die MS in zwanzig Jahren weiterentwickelt.

Viele mögliche Einflussfaktoren auf die MS

Natürlich gibt es auch bei der Multiplen Sklerose bestimmte Prognosefaktoren, die tendenziell für einen günstigen (leichten) oder für einen ungünstigen (schweren) Verlauf der Autoimmunerkrankung sprechen. Aber auch hierbei gilt selbstverständlich das "Gesetz der Wahrscheinlichkeiten".

Faktoren, die eher für einen günstigen Verlauf der MS sprechen:

  • Der Erkrankungsbeginn liegt vor dem 35. Lebensjahr.
  • Bei Erkrankungsbeginn liegt nur ein Symptom vor (z. B. Sehstörungen oder Sensibilitätsstörungen wie Kribbeln, "Ameisenlaufen", Taubheitsgefühl).
  • Es liegen keine Lähmungen oder Gleichgewichtsstörungen bei Krankheitsbeginn vor.
  • Die Symptome sind nur von kurzer Dauer, sie bilden sich nach dem MS-Schub schnell zurück.
  • Zwischen den Schüben bestehen lange Zeitintervalle.
  • Nach fünf Jahren Krankheitsdauer besteht ein nur niedriger Behinderungsgrad.

Faktoren, die eher für einen ungünstigen Verlauf der MS sprechen:

  • Bei Erkrankungsbeginn liegen bereits mehrere Symptome vor (v. a. solche, die auf Entzündungen im Kleinhirn oder Rückenmark hinweisen: u. a. Zittern der Arme oder Beine, Gang-, Bewegungs- und Sprachstörungen, Muskelkrämpfe oder -steifigkeit).
  • Die MS-Schübe sind in der Regel lang andauernd, und die Symptome bilden sich nur schlecht zurück.
  • Im MRT sind deutlich erkennbare Entzündungen und Narben (Läsionen) zu sehen.

Bessere Prognose dank neuer MS-Medikamente

Die intensive medizinische Forschung hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass man einige neue Erkenntnisse rund um die Multiple Sklerose gewinnen konnte. Obwohl sich die genauen Gründe für die Entstehung der MS bis heute noch nicht vollständig klären lassen, so versteht man doch zunehmend die in Gehirn und Rückenmark ablaufenden Entzündungsprozesse.

Und genau dieses bessere Verständnis hat dafür gesorgt, dass effektivere Behandlungsansätze im Kampf gegen die MS entwickelt werden konnten und auch weiter entwickelt werden. So hat die Kombination moderner Arzneimittel mit einer ganzheitlichen symptomatischen Therapie bereits erheblich dazu beigetragen, dass die Lebenserwartung von MS-Erkrankten heutzutage kaum geringer ist als bei gesunden Menschen.

Moderne Immuntherapeutika haben inzwischen das Potenzial, den Krankheitsverlauf der MS signifikant zu beeinflussen. Je nach Wirkstoff und Verlaufsform der MS können sie sowohl die Anzahl an Schüben deutlich verringern als auch das Fortschreiten der Erkrankung erkennbar verlangsamen bzw. insgesamt die Krankheitsaktivität reduzieren. Und die Zukunft macht Hoffnung auf mehr.

Autoren: Drs. med. Julia Hofmann, Jörg Zorn, Sonia Trowe