Ist es zu Beginn der Multiplen Sklerose möglich, den weiteren Verlauf einzuschätzen?

Leider nein. Es gibt zum Zeitpunkt der Diagnosestellung einer Multiplen Sklerose in den meisten Fällen so gut wie keine sicheren Anhaltspunkte, wie sich die MS weiter entwickeln wird.

Beobachtungsstudien der letzten Jahre haben aber gezeigt, dass die Multiple Sklerose bei weitem nicht immer einen so schweren Verlauf nimmt, wie häufig angenommen und befürchtet wird.

Nichts ist wirklich vorhersehbar

Es gibt Betroffene, die einen MS-Schub haben und dann eine nahezu stumme Krankheitsphase über Jahre oder sogar Jahrzehnte. Und dann gibt es diejenigen, die von vornherein regelmäßig unter häufigen milderen oder auch aggressiveren Krankheitsschüben leiden. Oder Sie gehören zu den 10-15 %, die die primär progrediente Verlaufsform der MS (PPMS) haben, mit einer langsamen, aber kontinuierlichen Verschlechterung der Krankheitssymptome von Beginn an.

Was den Verlauf und die damit einhergehenden Beschwerden angeht, ist das "Chamäleon" MS unberechenbar und eine Prognose, insbesondere zu Beginn der Erkrankung, praktisch unmöglich. Sicherlich, es gibt bestimmte Faktoren, die eher für einen ungünstigen bzw. schweren Krankheitsverlauf der MS sprechen. Aber auch das ist reine Statistik und sagt über den individuellen Fall wenig aus.

Krankheitsverlauf zum Teil veränderbar

Tatsache ist aber auch, dass es inzwischen sehr gute und effektive verlaufsmodifizierende bzw. krankheitsverändernde MS-Therapien gibt. Studien konnten nachweisen, dass mit einer frühzeitigen immunmodulatorischen (das Immunsystem verändernde) Behandlung durchaus die Chance besteht, den Verlauf der MS zu "korrigieren".

Je nach vorherrschendem MS-Typus stehen heutzutage verschiedenste Arzneimittel-Gruppen zur Verfügung, die Ihnen ein nahezu "normales" Leben trotz der MS ermöglichen können. Und dank intensiver Forschung kommen permanent neue Möglichkeiten dazu.

Gezielterer Angriff, bessere Wirkung

Der Erfolg dieser großenteils sehr wirksamen Substanzen beruht vor allem darauf, dass sie viel gezielter genau die Prozesse im Körper ansteuern bzw. bekämpfen, die für die fehlgeleiteten Immunreaktionen bei der Multiplen Sklerose verantwortlich sind.

Je nach Wirkstoff haben verlaufsmodifizierende Arzneimittel u. a. folgende Wirkungen:

  • einen dämpfenden oder verändernden Effekt auf das Immunsystem
  • Das Auftreten von MS-Schüben wird weniger wahrscheinlich.
  • Betroffene weisen weniger Anzeichen an Krankheitsaktivität auf (Abnahme der neurologischen Behinderungen, weniger sichtbare Gehirnschädigungen im MRT).
  • Das Fortschreiten der Erkrankung wird insgesamt verlangsamt.

"Schattenseiten" beachten

Bei aller Euphorie hinsichtlich der modernen Arzneimitteltherapie darf man in diesem Zusammenhang jedoch eines nicht vergessen: Wo Licht ist, ist auch Schatten. Viele der modernen Substanzen haben nicht selten ein ebenso großes Wirkungs- wie Nebenwirkungsprofil, das bei einer möglichen Therapieentscheidung unbedingt mitberücksichtigt werden sollte. Deshalb ist auch bei den verlaufsmodifizierenden Medikamente immer ganz genau das persönliche "Nutzen-Risiko-Verhältnis" abzuwägen.

Autoren: Dr. med. Julia Hofmann, Dr. med. Sonia Trowe

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