Ist trotz MS eine Kinderwunschbehandlung möglich?

Prinzipiell spricht nichts dagegen. Es besteht allerdings ein gewisses Risiko, dass es unter einer Hormontherapie im Rahmen der künstlichen Befruchtung zu einem Schubanstieg kommt.

Des Weiteren gibt es in der MS-Immuntherapie bestimmte Medikamente, die ein erhöhtes Risiko für Fehlbildungen haben und deshalb rechtzeitig und geplant abgesetzt werden müssen. Aus diesem Grund sollten Sie eine Kinderwunschbehandlung im Vorfeld immer mit dem behandelnden Neurologen und Gynäkologen besprechen.

Nicht gleich alle Medikamente absetzen

Es ist wichtig, genau abzuwägen, welches Arzneimittel bereits vor der Stimulationsbehandlung oder welches vielleicht erst nach Eintritt einer Schwangerschaft abgesetzt werden muss. Einigen Studiendaten ist zu entnehmen, dass bei einer erfolglosen Hormonstimulation (eine Schwangerschaft ist nicht eingetreten) bis zu 35 % der Frauen MS-Schübe erleiden, wenn sie zuvor ihre Therapie pausiert oder nie begonnen haben.

Deshalb gilt: Medikamente nicht einfach wahllos absetzen, sondern vorher genau informieren, bei welchen Wirkstoffen überhaupt eine frühzeitige Therapiepause im Rahmen der Kinderwunschbehandlung erforderlich ist.

Kleiner Lichtblick: Die Wahrscheinlichkeit eines MS-Schubes ist übrigens minimal, sobald die Stimulationsbehandlung erfolgreich war und Sie schwanger sind.

Halbes Jahr Wartezeit nach Cladribin

Zu den MS-Medikamenten, die bereits vor Beginn der Stimulationsbehandlung abgesetzt werden sollten, gehören beispielsweise Teriflunomid (Aubagio®), Fingolimod (Gilenya®) oder auch Cladribin (Mavenclad®). Eine Behandlung mit Cladribin sollte sechs Monate zurückliegen, bevor eine Stimulationsbehandlung begonnen wird.

Wichtig in diesem Zusammenhang zu wissen ist, dass auch Männer, die mit Cladribin behandelt wurden, diese sechsmonatige Karenzzeit einhalten müssen und in der Zeit keine Kinder zeugen dürfen!

Erst müssen die Wirkstoffe aus dem Körper

Bei Aubagio® wird sogar nach Absetzen des Medikament ggf. ein Verfahren zur beschleunigten Elimination (Beseitigung) des Wirkstoffs Teriflunomid aus dem Körper empfohlen. Dadurch soll so schnell wie möglich ein dauerhafter Wirkstoff-Blutspiegel unter 0,02 mg/l erreicht werden. Nur dann ist eine risikofreie künstliche Befruchtung möglich.

Bei Gilenya® ist zu beachten, dass der Wirkstoff Fingolimod nach Beendigung der Therapie noch etwa zwei Monate im Körper verbleibt und erst nach dieser Zeit ein potenzielles Fehlbildungsrisiko für das Ungeborene sicher ausgeschlossen werden kann.

Das genaue Vorgehen sollten Sie allerdings mit Ihrem behandelnden Neurologen besprechen. Nur er kann Ihnen, ggf. in Rücksprache mit dem Gynäkologen bzw. Reproduktionsmediziner, eine konkrete individuelle Empfehlung geben.

Art des Hormons ohne Einfluss auf Schubrate

Falls sich jetzt einige noch fragen sollten, ob man vielleicht durch eine gezieltere Auswahl der Hormone bei der Stimulationsbehandlung die Schubrate reduzieren kann, lautet die Antwort: "bislang nicht wirklich". Derzeit gibt es keinen eindeutigen Hinweis darauf, dass die Reproduktionsmediziner bei Multipler Sklerose eine bestimmte Hormontherapie bevorzugt einsetzen sollten. Am ehesten werden noch die sogenannten GnRH-Agonisten als Schubauslöser diskutiert. Es handelt sich hierbei um Medikamente, die die Produktion der Fruchtbarkeitshormone FSH und LH anregen.

"Plan B"

Kleiner Tipp zum Schluss: Die DMSG (Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V.) hat 2017 ein Projekt zur Unterstützung und Beratung junger MS-Erkrankter mit Kinderwunsch oder in der Schwangerschaft initiiert, das den Namen "Plan Baby" trägt. Es bietet eine qualifizierte Beratung (medizinisch, psychologisch und sozial) an und arbeitet eng mit regionalen Ansprechpartnern und Netzwerken zusammen.

Schauen Sie ruhig mal die dazugehörige Website an. Sie finden dort sicherlich noch einige zusätzliche, nützliche Informationen zu diesem Thema.

Autorin: Dr. med. Sonia Trowe

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