Sind Omega-3-Fettsäuren bei MS zu empfehlen?

Omega-3-Fettsäuren gehören zu den mehrfach ungesättigten Verbindungen, die für den Menschen lebensnotwendig sind. Wichtig dabei: Der Körper kann diese Fettsäuren nicht selbst herstellen. Er ist also darauf angewiesen, dass sie mit der Nahrung oder entsprechenden Nahrungsergänzungsmitteln aufgenommen werden.

Generell sollen Omega-3-Fettsäuren antientzündlich wirken. Außerdem spielen sie bei der Funktion von Gehirn und Augen eine bedeutende Rolle. Für viele dieser und anderer Wirkungen gibt es wegweisende Studien. Wenn es explizit um die Effekte auf die Multiple Sklerose geht, so sind die Ergebnisse allerdings sehr unterschiedlich.

Positive Trends

Bei rund 300 MS-Erkrankten in Großbritannien untersuchten Forscher den Einfluss von mehrfach ungesättigten Fettsäuren auf Dauer, Schwere und Häufigkeit von MS-Rückfällen. Nach einer zweijährigen Behandlung gab es zwar keine signifikanten Unterschiede zwischen der Gruppe, die mit ungesättigte Fettsäuren versorgt worden war, und der Gruppe, die ein Scheinmedikament (Placebo) erhalten hatte; immerhin zeigte sich aber ein positiver Trend zugunsten der Omega-3-Fettsäuren-Gruppe. Diese Ergebnisse wurden im Jahr 1989 veröffentlicht.

Auch eine – mit 16 Teilnehmern allerdings eher kleine – Studie in Norwegen brachte gute Resultate. Die Probanden bekamen eine Ernährungsberatung und dann sowohl Fischöl als auch Vitamine als Nahrungsergänzung. Sie wurden zwei Jahre lang in Bezug auf ihre Blutwerte und auf neurologische Aspekte hin beobachtet. Das Fazit der Wissenschaftler im Jahr 2000: Eine Nahrungsergänzung mit Fischöl und Vitaminen könne die Situation bei Personen mit neu diagnostizierter MS vermutlich verbessern.

US-Neurologen-Gesellschaft kritisch

Andere Studien und Publikationen sind nicht ganz so vielversprechend. Die American Academy of Neurology (AAN), die größte Neurologen-Gesellschaft der USA, hat 2014 Richtlinien herausgegeben, in denen es um den Einsatz von Komplementärmedizin bei Multipler Sklerose geht. Omega-3-Fettsäuren werden darin im Hinblick auf die MS-Therapie folgendermaßen eingestuft: Sie seien nicht in der Lage, die Lebensqualität deutlich zu verbessern, Schübe oder das Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern.

Krankheitsaktivität und Psyche nicht verbessert

Ähnlich fiel das Ergebnis von Forschern aus, die an verschiedenen Zentren in Norwegen die Effekte von Omega-3-Fettsäuren auf den Krankheitsverlauf bei mehr als 90 Betroffenen testeten. Die Studie lief von 2004 bis 2008. Insgesamt hatten die ungesättigten Fettsäuren keine positiven Auswirkungen auf die Krankheitsaktivität. Weder hinsichtlich der Müdigkeit noch der Lebensqualität gab es signifikante Unterschiede zwischen der "Omega-Gruppe" und der "Placebo-Gruppe". Auch die Rückfallquote war in beiden Gruppen ähnlich. MRT-Aufnahmen zeigten ebenfalls keine deutlichen Vorteile durch die Einnahme von Omega-3-Fettsäuren.

Heilpflanzen und MS – einige haben Potential

weiterlesen...

Einige Forscher in den USA legten ihr Augenmerk speziell auf psychische Probleme bei MS-Erkrankten. Konkret ging es um behandlungsresistente Depressionen. Nach drei Monaten mit jeweils 6 g Omega-3-Fettsäuren als Nahrungsergänzung pro Tag zeigten sich keine signifikant besseren Ergebnisse als in der Gruppe, die ein Scheinmedikament bekommen hatte.

Linolensäure könnte etwas ausrichten

Umgekehrt scheint es so zu sein, dass eine eher ungesunde Ernährung mit vielen gesättigten und weniger ungesättigten Fettsäuren das Risiko, an Multiple Sklerose zu erkranken, nicht wesentlich erhöht. Das zumindest ergab eine mehrjährige Studie mit mehr als 90.000 Frauen. Zwar zeigte sich bei denjenigen mit einer erhöhten Zufuhr von Linolensäure (das ist eine Omega-3-Fettsäure) ein etwas geringeres MS-Risiko. Allerdings war dieses Ergebnis nicht signifikant. Demnach hat also die Zusammensetzung der Fette, die wir zu uns nehmen, keinen eindeutigen Einfluss auf die Entstehung einer Multiplen Sklerose.

Fazit: Keine Beweise, aber mögliche Chancen

Sie sehen also: Wie so oft im Bereich der Ernährung und der Nahrungsergänzungsmittel gibt es keine eindeutigen Beweise dafür, dass eine Extra-Portion an Omega-3-Fettsäuren etwas an der MS-Erkrankung, an Entstehung, Symptomen und Verlauf ändert.

Andererseits ist bekannt, dass Omega-3-Fettsäuren antientzündliche Effekte haben, schädliche freie Radikale abfangen und generell von Bedeutung sind. Insofern könnte man auf dem Standpunkt stehen: Es gibt zwar keine endgültigen wissenschaftlichen Nachweise speziell für positive Wirkungen von Omega-3-Fettsäuren bei MS; dennoch besteht eine gewisse Chance, dass die ungesättigten Fettsäuren dem Körper guttun.

Omega-3-Fettsäuren in Algen, Pflanzenölen und Fisch

Wie kommt man aber nun an die Omega-3-Fettsäuren? Sie stecken in bestimmten Algen, Ölen (v.a. Leinöl, Chiaöl, aber auch Hanf-, Walnuss- und Rapsöl) und Fischsorten wie Lachs, Sardinen und Hering. Außerdem sind sie als Nahrungsergänzungsmittel in Form von Kapseln oder Algen- bzw. Fischöl auf dem Markt.

Wichtig sind aber nicht nur die Omega-3-Fettsäuren an sich. Vielmehr geht es darum, dass das Verhältnis von Omega-6-Fettsäuren zu Omega-3-Fettsäuren stimmen sollte. Am besten scheint nach derzeitigem Stand ein Omega-6-zu-Omega-3-Fettsäuren-Verhältnis von 4:1 bis 6:1 zu sein.

Autorin: Anna Brockdorff

 

Ausführliche Informationen zum Thema finden Sie hier:
Omega-3-Fettsäuren: Was leisten sie?

Anzeigen