Neue Richtlinie bietet Übersicht über vielfältige emotionale Störungen bei MS

Psychische Funktionsstörungen kommen bei Menschen mit Multipler Sklerose deutlich häufiger vor als bei der Durchschnittsbevölkerung. Diese zu erkennen und effektive Hilfen aufzuzeigen ist das Ziel einer gerade publizierten Leitlinie der weltgrößten neurologischen Gesellschaft, der American Academy of Neurology (AAN).

Grob unterscheiden die Autoren in zwei Arten von emotionalen Beeinträchtigungen:

1) Störungen der Gemütslage (mood disorders)

Störungen der Gemütslage (mood disorders) bezeichnen die innere Erfahrung von Emotionen. Sie tendieren – trotz eventuell zwischenzeitlicher Verbesserungen – dazu, eher konstant und dauerhaft zu sein. Die häufigsten sind hier:

  • schwere Depressionen (major depression disorder)
  • Angststörungen (anxiety disorder)
  • Anpassungsstörungen (adjustment disorder)
  • Bipolare Störungen (bipolar disorder)

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Gemütsstörungen kommen bei MS-Betroffenen meist aufgrund einer komplexen Interaktion von mehreren Faktoren zustande, so z.B. durch den Krankheitsprozess selbst, durch genetische Veranlagung sowie Lebensumstände. Außerdem können insbesondere Depressionen auch als Nebenwirkung von Medikamenten (z.B. Cortison) auftreten.

2) Störungen des Affekts (affect disorder)

Störungen des Affekts (affect disorder) hingegen beschreiben den äußeren Ausdruck von Emotionen. Im Gegensatz zu den Gemütsstörungen erscheinen sie eher unstetig, plötzlich und wandelbar. Die Ursache wird hier primär im Krankheitsprozess, d.h. in MS-bedingten, organischen Veränderungen im Gehirn gesehen.

Zu den bei MS auftretenden Affektstörungen zählen:

  • Pseudobulbäre Affektstörung (kurz PBA), die mit plötzlichem, unkontrollierbarem Weinen oder Lachen einhergeht – selbst wenn man sich gar nicht traurig oder erheitert fühlt
  • Euphorie, welche insbesondere bei schweren Funktionsstörungen auftritt und gänzlich unpassend zur entsprechenden körperlichen, aber auch psychischen Situation steht
  • Apathie mit weitgehendem Fehlen von emotionalem Ausdruck
  • emotionale Labilität mit stark wechselnden Gefühlsausbrüchen

Therapieansätze

Bezüglich der Behandlung kristallisierten sich in der Leitlinie insbesondere drei Therapieverfahren heraus, mit denen – in den wenigen MS-spezifischen Studien – die besten Erfahrungen gemacht wurden. Dies waren stark verkürzt und pauschalisiert:

  • Kognitive Verhaltenstherapie (cognitive behavioral therapy/ CBT): Hier handelt es sich um eine bestimmte Form der Psychotherapie, bei der der Patient lernt, falsche oder schädliche Gedankenmuster quasi zu durchbrechen und durch „gesündere“ zu ersetzen.
  • Psychopharmaka (z.B. Antidepressiva wie Desipramin, Paroxetin, Sertalin): Hier bedauern die Autoren, dass es relativ wenige MS-spezifische Studien und damit Therapieempfehlungen gibt. Somit seien Ärzte weitgehend auf ihre Erfahrung (sowie Untersuchungen mit depressiven Patienten ohne MS) angewiesen.
  • Dextromethorphan mit Quinidin (DM/Q): Das ist momentan die einzige Arznei, die bei Pseudobulbärer Affektstörung zugelassen ist. Hier scheinen allerdings auch z.B. Antidepressiva zu helfen.

Die aktualisierte Richtlinie will vor allem für das breite Spektrum möglicher emotionaler Störungen sensibilisieren und sowohl MS-Betroffene als auch deren Ärzte ermutigen, eventuelle Probleme offen anzusprechen.

Zugrundeliegende Richtlinie::

“Assessment and Management of Psychiatric Disorders in Individuals with Multiple Sclerosis” from the American Academy of Neurology, published in the December 27 online issue of Neurology.

Autorin: Dr. med. Monika Steiner

Kommentar: Emotionale Störungen bei MS

Auch wenn die Botschaft nicht wirklich neu ist, kann ihre Bedeutung nicht genug unterstrichen werden. Bei den vielfältigen körperlichen Problemen, die die MS ohnehin schon mit sich bringt, neigen viele Betroffene dazu, „Stimmungsschwankungen“ als eher banal und situationsbedingt abzutun.

Wenn emotionale Probleme aber nicht ernst genommen und behandelt werden, können sie alle Körperfunktionen und Lebensbereiche beeinträchtigen. Oft folgen:

  • Verlust an Lebensqualität des Betroffenen und seiner Angehörigen mit negativen Auswirkungen auf Arbeit, Freizeit und alltägliche Beziehungen.
  • Verschlechterung anderer, auch körperlicher Funktionen und Fähigkeiten
  • Einschränkung bei der MS-Therapie und dem aktiven Krankheitsmanagement
  • im schlimmsten Fall sogar Selbstmord

Die Erfahrung zeigt: So mancher MS-Erkrankte ist äußerst überrascht, wie sehr sich die gesamte Lebenssituation verbessert, wenn sich die Psyche wieder stabilisiert bzw. aufhellt.

Dr. med. Monika Steiner

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