Ultraschallbefund ist eng verknüpft mit speziellen Funktionseinschränkungen bei Multipler Sklerose

Eine leichte Vergrößerung des sogenannten 3. Hirnventrikels kann wichtige Hinweise für die Krankheitsbeurteilung bei Multipler Sklerose liefern, so die ersten Ergebnisse einer aktuellen Studie. Mit einer solchen Vergrößerung verknüpft waren insbesondere motorische und kognitive Funktionen, also Fähigkeiten, die die Bewegung bzw. das Lernen und Erinnern betreffen.

Hirnventrikel sind mit Hirnwasser (Liquor) gefüllte Hohlräume im Gehirn. Sie bilden in gewisser Weise die Verlängerung des Rückenmarkkanals. Das Vermessen des 3. Ventrikels konnte dabei unkompliziert über Ultraschall des Kopfes, die transkranielle Sonographie (TCS), erfolgen. Dadurch könnte künftig eine weitere einfache Methode zur Krankheitsbeurteilung zur Verfügung stehen, so die Wissenschaftler dieser Studie. Ein Vorteil wäre, dass für eine Einschätzung des Schweregrads technisch nicht mehr allein auf aufwändige, teure und in diesem Fall sogar unzureichende Verfahren wie die Magnetresonanztomographie (MRT) zurückgegriffen werden müsste.

Im Schnitt 0.5 Millimeter größer

Für die vorliegende Studie wurden 54 MS-Patienten sowie 33 gesunde Kontrollpersonen mithilfe von TCS untersucht. Darüber hinaus durchliefen beide Gruppen mehrere standardisierte Tests zu diversen MS-relevanten Funktionen.

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Das Ergebnis zeigte, dass der 3. Hirnventrikel bei den teilnehmenden MS-Patienten mit durchschnittlich 3,9 mm deutlich weiter war als bei Gesunden mit rund 3,4 mm. Die Weite korrelierte neben den oben genannten Funktionseinschränkungen zudem auch mit der Behinderungsskala EDSS sowie mit der Dauer der MS-Erkrankung. Das Vorliegen einer Depression oder einer krankheitsspezifischen Erschöpfung (Fatigue) stand hingegen in keinerlei Zusammenhang mit der Größe des Ventrikels.

Zugrundeliegende Studie:

Third ventricular enlargement in early stages of multiple sclerosis is a predictor of motor and neuropsychological deficits: a cross-sectional study. BMJ / British Medical Journal. 9. Sept. 2013

Autorin: Dr. med. Monika Steiner

Kommentar: Kann Ultraschall künftig bei der Beurteilung des MS-Krankheitsverlaufs hilfreich sein?

Zunächst zur Erläuterung: Eine Erweiterung des 3. Ventrikels ist im Fall der Studie gleichzusetzen mit einer Verringerung der Hirnmasse (also einer leichten Hirnatrophie) rund um eben dieses Areal. Diese Stelle des Kopfes kann sogar mithilfe von Ultraschall ausgesprochen gut vermessen werden. So ist die Fragestellung durchaus klug, ob die dort erfasste Ventrikelgröße zur besseren Einschätzung der Krankheitsschwere herangezogen werden kann. Auch das Studien-Design dieser im renommierten British Medical Journal erschienen Untersuchung ist robust und verlässlich.

Da sich die Ventrikelerweiterung auch bei frühen und sehr milden Verläufen zeigte, wird diese einfache Messung zukünftig möglicherweise mit dazu beitragen, entsprechende klinische Symptome noch frühzeitiger richtig einzuordnen. (Entgegen dem ursprünglichen Zweck der Forscher vielleicht sogar zur Diagnosefindung bei zweifelhaften Befunden im MRT).

Da es sich aber um eine Querschnittsstudie handelt, hat die Untersuchung in diesem speziellen Fall aber auch ihre Grenzen. Im Gegensatz zu einer Längsschnittstudie konnte mit dieser „Momentaufnahme“ nämlich nicht erfasst werden, ob und welche Größenveränderungen beim einzelnen Patienten Aussagen über den Krankheitsverlauf machen können. Dieses Wissen wäre aber wichtig, um die transkranielle Sonographie tatsächlich zu einem relevanten Werkzeug in der Verlaufskontrolle machen zu können. Hier wären zeitnahe Ergänzungsuntersuchungen notwendig und interessant.

Spannend für die MS-Forschung ist darüber hinaus auch, dass ganz bestimmte Funktionen (wie Motorik und Kognition) eng mit dieser Atrophie rund um den 3. Ventrikel assoziiert waren. Andere klassische Beschwerden, wie Depression und Fatigue aber überhaupt nicht. Die Ergebnisse dieser Studie ergänzen damit die Vermutung, dass einige Funktionsbeeinträchtigungen auf „einfachere“ Ursache-Wirkung-Prinzipien zurückzuführen sind, andere Symptome hingegen wohl deutlich komplexere Gründe haben.

Autorin: Dr. med. Katharina Buch

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