Aussagekräftige MS-Verlaufskontrolle durch einfachen Geh-Test?

Wie schnell können Sie, als MS-Betroffener, eine Distanz von 8,5 Metern gehen? Das Ergebnis dieses simplen Tests kann eine hilfreiche Methode sein, um Krankheitsfortschritt und Funktionsverlust sehr genau festzustellen. Der zugrundeliegende sogenannte Timed 25-Foot Walk (T25-FW) ist dabei gar nicht brandneu. Er wurde aber in seiner Aussagekraft unterschätzt und deshalb nur selten durchgeführt, so die Resultate einer US-amerikanischen Studie, die gerade im Fachblatt Neurology veröffentlicht wurde.

Interessanterweise konnten die Forscher auch Verbindungen zwischen Geh-Geschwindigkeit und weiteren Einschränkungen des täglichen Lebens feststellen:

Bei der Studie wurden 254 Patienten mit schubförmiger sowie progressiver MS-Variante untersucht. Alle absolvierten innerhalb eines guten Jahres mindestens einmal den T25-FW und füllten darüber hinaus standardisierte Testbögen zu diversen Themenbereichen aus (Familienstand, Arbeitssituation, Hilfen im Alltag etc.).

Mehr oder weniger als 6 Sekunden – kleiner Wert mit großer Auswirkung

Patienten, die mehr als 6 Sekunden für die Strecke brauchten, hatten mit 29% deutlich seltener eine Arbeit als diejenigen, die weniger als 6 Sekunden brauchten (hier waren 59% berufstätig). Eine MS-bedingte Job-Veränderung durchlebten sie mit 71% der Fälle auch sehr viel öfter als die „Schnelleren“ mit einer Wechsel-Quote von "nur“ 43%.

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Die „Über-6-Sekunden-Gruppe“ brauchte oftmals einen Gehstock oder auch sonstige Hilfen im Alltag. Diejenigen, die länger als 8 Sekunden benötigten, waren nochmals deutlich seltener berufstätig, oftmals geschieden und zu über 70% weniger fähig, diverse Alltagsaktivitäten eigenständig zu verrichten.

Die Wissenschaftler empfehlen aufgrund dieser Ergebnisse, den Timed 25-Foot Walk als Standard in jede Verlaufskontrolle miteinzubeziehen. So könnten auch kleine Verschlechterungen mit ggf. gravierenden Einschränkungen des Alltags besser erkannt werden und gezieltere Unterstützung angeboten werden.

Zugrundeliegende Studie:

Clinically meaningful performance benchmarks in MS. Timed 25-Foot Walk and the real world. Neurology, Oct 30, 2013

Autorin: Dr. med. Monika Steiner

Kommentar: Unter oder über 6 Sekunden – ist das hier DIE Frage?

Zugegeben, es gibt leider nicht so allzu viele standardisierte Methoden, um den Krankheitsverlauf bei MS ganz genau und umfassend festzustellen. Insofern sind gute und simple Testsverfahren, die zudem kein Maximum an technischer Apparatur benötigen, wichtig und empfehlenswert. Trotzdem können auch sie nur kleine Hilfsmittel sein und ersetzen in keiner Weise einen wirklich zugewandten und aufmerksamen Arzt, der die diversen Symptome und Probleme seiner MS-Patienten aufnimmt und richtig einordnen kann.

Was nützt es, wenn dieser Test routinemäßig abgehakt wird, die Job-Situation aber z.B. durch Fatigue oder schleichende Sehstörungen gefährdet ist? Oder die Lebensumstände durch eine verdeckte Depression unerträglich werden? Fazit: Den Timed 25-Feet-Walk ruhig regelmäßig prüfen lassen, darüber hinaus aber auf eine sorgfältige und gute neurologische Gesamtbetreuung Wert legen!

Dr. med. Katharina Buch

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