Kognitive Defizite beginnen bei MS oft früh, entwickeln sich aber meist weniger gravierend als bisher angenommen

Etwa 21% aller MS-Patienten erleben bereits innerhalb der ersten 5 Krankheitsjahre leichte Beeinträchtigungen von Gedächtnis und Aufmerksamkeit. 6% haben stärkere Einschränkungen dieser sogenannten kognitiven Fähigkeiten. Die gute Nachricht ist: Insbesondere die Rate der schweren Defizite nimmt in den kommenden 25 Jahren dann kaum noch zu, so die Ergebnisse einer großen Querschnittsstudie.

Die gerade erschienene Studie umfasst die Daten von 1.500 Patienten mit bis zu 55 Krankheitsjahren sowie aller MS-Formen. Hierbei wurden Erinnerungsvermögen, Aufnahmefähigkeit, Sprachfluss etc. durch diverse international bewährte Tests überprüft und ausgewertet.

50% aller MS-Patienten haben auch nach 30 Jahren keine kognitiven Schwierigkeiten

Leichte Unterschiede zu gesunden Kontrollpersonen zeigten sich demnach schon in den ersten Krankheitsjahren bei 21% der Betroffenen. (Es stellte sich hier sogar heraus, dass Probleme mit Gedächtnis und Co der MS-Diagnose oft um Monate und Jahre vorauseilten.) Nach 10 Jahren hatte sich diese Rate auf 29% erhöht, nach 20 Jahren auf 34% und nach 30 Jahren auf knapp 40%. (Was im Umkehrschluss auch hieß, dass selbst nach mehreren Jahrzehnten rund die Hälfte aller MS-Patienten keine oder nur minimale kognitiven Probleme haben).

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Etwas schwerere kognitive Beeinträchtigungen hatten in den ersten 5 Jahren rund 6% der MS-Patienten. Diese Quote stieg nach 10 Jahren zwar noch auf 9%, blieb in den folgenden Jahrzehnten dann aber recht konstant (9,2% nach 30 Jahren Krankheitsdauer).

Patienten mit sekundär progredienter Multipler Sklerose (SPMS) schnitten bei den Tests durchschnittlich etwas schlechter ab als die Betroffenen mit primär progredienter (PPMS) und schubförmiger MS (engl: RRMS). Letztere beiden waren etwa vergleichbar.

Zugrundeliegende Studie:

Modeling of cognitive impairment by disease duration in multiple sclerosis: a cross-sectional study. PLoS One. 2013 Aug 1

Autorin: Dr. med. Monika Steiner

Kommentar: Gedächtnisprobleme und Co – Schwierigkeiten beginnen oft frühzeitig, verlaufen langfristig aber meist milde

Eine längst fällige Erhebung zur Häufigkeit und Entwicklung von kognitiven Schwierigkeiten bei Multipler Sklerose. Mit einer solch großen Patienten-Zahl, einer Erfassung von mehreren Jahrzehnten sowie der Differenzierung in die verschiedenen MS-Formen liefert diese Studie essentielle Basisdaten zu diesem wichtigen Bereich.

Gerade die nach Dekaden noch recht niedrige Rate der schwereren kognitiven Beeinträchtigung überrascht und stimmt hoffnungsvoll. Gleichzeitig rückt das häufig erstaunlich frühe Einsetzen dieser Beschwerden ins Blickfeld. Wer bei der Diagnose mitten in Ausbildung oder Studium steckt, für den sind auch leichte Gedächtnisstörungen oft ein großes Problem. Dagegen könnten objektiv stärkere Einschränkungen bei anderen Betroffenen die Lebensqualität eventuell weit weniger mindern. Helfen würden individuell abgestimmte Alltagshilfen, neuropsychologische Therapien sowie das Erarbeiten realistischer Lebens- und Berufspläne.

Es wäre wünschenswert, wenn die kognitive Funktion mehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Es sollte für Neurologen in Klinik und Praxis selbstverständlich werden, diese schon bei der Erstdiagnose anzusprechen und standardisiert zu erfassen. Nur so kann jedem einzelnen Betroffenen die persönlich bestmögliche Unterstützung angeboten werden.

Dr. med. Katharina Buch

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