Lisdexamfetamin kann Merkfähigkeit bei Multipler Sklerose verbessern

Wer als MS-Betroffener zu den rund 50% gehört, die unter sogenannten kognitiven Schwierigkeiten wie Gedächtnisproblemen leiden, könnte von diesem – seit Jahren international erfolgreich in der Behandlung des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms (ADHS) bei Kindern und Erwachsenen verwendeten – Arzneimittel profitieren. Zu diesem Schluss kommt eine kleine US-Amerikanische Studie, die die Wirkung und Verträglichkeit von Lisdexamfetamin erstmals in Zusammenhang mit der Multiplen Sklerose untersuchte.

Von 174 MS-Patienten wurden aufgrund spezifischer Aufnahmekriterien letztlich 63 Teilnehmer für die Studie ausgesucht. Ob diese (erst 30 mg, später maximal 70 mg) Lisdexamfetamin oder aber ein Plazebo bekamen, wussten während der 8-wöchigen Studienphase weder sie noch die behandelnden Ärzte. Die Auswirkung auf die Merk- und Lernfähigkeit wurde anhand zweier standardisierter Tests ermittelt.

Fatigue wurde erstaunlicherweise nicht gemildert

Das Ergebnis zeigt signifikante Verbesserungen beim Testerfolg der Teilnehmer, die das Medikament bekamen, was darauf hindeutet, dass das Mittel auch bei MS-Betroffenen kognitive Prozesse optimieren und beschleunigen kann. Überrascht waren die Wissenschaftler über den Fakt, dass sich die gleichzeitig gemessenen Werte für chronische Müdigkeit nicht verbesserten. Wusste man doch aus Erfahrungen mit Krebspatienten und anderen häufig an Fatigue leidenden Erkrankten, dass Lisdexamfetamin durchaus das Potential hat, hier zum Teil deutliche Linderung zu bringen.

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Zu erwähnen ist noch, dass auffallend viele Teilnehmer über diverse leichte Nebenwirkungen klagten – allerdings sowohl bei der Medikamenten- als auch bei der Plazebogruppe! In der Lisdexamfetamin-Gruppe kamen allerdings Mundtrockenheit, Kopfschmerzen und Appetitmangel etwas häufiger vor. Ernste Begleiterscheinungen wurden keine gemeldet.

Zugrundeliegende Studie:

Lisdexamfetamine dimesylate improves processing speed and memory in cognitively impaired MS patients: a phase II study. Journal of Neurology. 2013 Feb 01.

Kommentar vom Ärzte-Team / Navigator-Medizin

Die Untersuchung wurde doppelblind (keiner der Beteiligten wusste, wer in welcher Gruppe war) und mit einer Kontrollgruppe durchgeführt – was beides gut ist. Zu beanstanden ist aber, dass die Teilnehmerzahl extrem klein ist (von den ursprünglich eh nur 63 ausgewählten Personen beendeten dann auch nur 48 die Studie planmäßig). Außerdem muss man sich fragen, ob die vorab stattgefundene Selektierung von ursprünglich 174 MS-Patienten nicht zur Folge hat, dass man tatsächlich nur eine bestimmte Gruppe untersucht und man keinesfalls von einem halbwegs repräsentativen Durchschnitt MS-Betroffener sprechen kann. (Zum Ausschluss führten beispielsweise folgende Aspekte/ Befunde: Schub innerhalb der letzten 3 Monate, Depression, EDSS-Wert > 6,5, Einnahme diverser Medikamente wie Psychopharmaka etc.)

79% der Teilnehmer aus der Medikamentengruppe gaben unterschiedlichste milde Begleiterscheinungen an. Diese Zahl lässt einen zunächst erschrecken. Wenn man aber gegenüberstellt, dass überraschende 68% der Plazebo-Gruppe ebenfalls allerlei leichte Nebenwirkungen meldeten, muss man davon ausgehen, dass tatsächlich nur ein kleiner Teil der Symptome direkt auf das Medikament zurückgeführt werden kann. Die anderen Beschwerden waren vielleicht MS-bedingt oder anderen studienspezifischen oder therapeutischen Gründen zuzuschreiben.

Verschiedene vorangegangene Untersuchungen an ADHS-Betroffenen zeigen, dass das Medikament sogar verhältnismäßig gut vertragen wird und im Vergleich zu anderen stimulierenden Mitteln insbesondere das Risiko einer Abhängigkeit ausgesprochen gering ist (wie gesagt, ist das Arzneimittel in vielen Ländern auch bereits für Kinder ab 6 Jahren zugelassen). Diese recht gute Tolerierung scheint plausibel, da es sich bei Lisdexamfetamin um ein sogenanntes „Prodrug“ handelt: Hierbei wird der aktive Wirkstoff erst später und dann nur ganz langsam und kontinuierlich im Blut freigesetzt.

Fazit: Trotz einiger Einwände bleibt die nicht unberechtigte Hoffnung, dass mit Lisdexamfetamin nun ein Mittel identifiziert wurde, dass das sonst recht magere Therapie-Angebot bei MS-begründeten kognitiven Problemen erweitern und bereichern kann. Das Arzneimittel ist in Deutschland erst seit Frühjahr 2013 für ADHS speziell bei Kindern und Jugendlichen zugelassen und unter dem Handelsnamen Elvanse® rezeptpflichtig erhältlich. Im Bedarfsfall und in enger Abstimmung mit dem behandelnden Arzt kann dieses Medikament aber möglicherweise auch einen Behandlungsversuch bei belastenden Gedächtnisproblemen im Rahmen einer Multipler Sklerose wert sein.

Autorin: Dr. med. Monika Steiner

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