Cannabis-Spray Sativex: Studie zeigt auch langfristig gute Wirkung und Toleranz bei Spastik

Bei MS-bedingter Spastik kann das, aus einem Dickextrakt aus Cannabisblättern und -blüten gewonnene und auch unter dem Wirkstoff Nabiximols bekannte Spray Sativex® einem Großteil der Betroffenen Linderung bringen.

Und zwar auch langfristig und weitgehend ohne die von anderen Antispasmatika bekannten Toleranzentwicklungen oder Wirkungsbegrenzungen. Zu dieser Erkenntnis kommt eine neue britische Studie mit 146 Patienten.

Cannabis - Multiple Sklerose - Sativex

Bemerkenswert ist allerdings, dass 52 Patienten – immerhin 36% – die Untersuchung u.a. aufgrund von Nebenwirkungen oder Nichtanschlagens des Medikaments vorzeitig abbrachen.

Die Studie war so ausgelegt, dass MS-Betroffene mit Spastiksymptomen verschiedener Ausprägung ein knappes Jahr lang täglich durchschnittlich 7 Sprühstöße (à 100 Mikroliter) des Arzneimittels Sativex® als Spray über die Mundhöhle einnahmen. Die Teilnehmer wurden über die gesamte Zeit in regelmäßigen Abständen befragt und körperlich untersucht.

Viele Betroffene schliefen auch wieder besser

Das Ergebnis zeigt, dass 98% der Patienten, die bis zum Ende der Studie dabeiblieben, einen deutlichen Nutzen in Punkto Reduktion der Spastik feststellen konnten. Auch berichteten viele von positiven Begleiterscheinungen wie z.B. verbesserten Schlaf.

Als unangenehme Nebenwirkungen wurden primär Schwindel und Fatigue genannt. Diese wurden – meist übrigens auch von den Studien-Abbrechern – als eher leicht beschrieben. Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse (wie schwere Lungenentzündung, psychiatrische Probleme etc.) fanden sich bei 5 Patienten, wobei diese nicht immer eindeutig als medikamentenbedingt identifiziert werden konnten.

Zugrundeliegende Studie:

Sativex long-term use: an open-label trial in patients with spasticity due to multiple sclerosis. Journal of Neurology. 2013 Jan 01

Kommentar vom Ärzte-Team / Navigator-Medizin

Cannabis wird schon seit Langem positive Wirkung bei MS-Symptomen zugeschrieben. Die hier vorliegende Studie prüft primär eine bestimmte Darreichungsform (Spray zur Anwendung in der Mundhöhle) auf seine Wirksam- und Verträglichkeit bei MS-bedingter Spastik.

Die Studie hat einige Schwächen: So ist die Teilnehmerzahl mit 146 recht übersichtlich, es gibt keine Kontrollgruppe und die letzte Untersuchung fand mit einem guten Monat recht kurzfristig nach Studienende statt. Zudem wurde nicht nach Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten geschaut (die nämlich während der Studie erlaubt waren und die Aussagen zu Wirkung/ Nebenwirkung verwässern könnten).

Auch stach die mit 36% auffallend hohe Teilnehmerzahl ins Auge, die die Studie vorzeitig abbrach. Selbst wenn nicht immer Nebenwirkungen Grund für den Abbruch waren, und diese zudem auch von dem Großteil als nur „milde“ beschrieben wurden, muss man doch davon ausgehen, dass zumindest ein Teil derjenigen, die die Studie frühzeitig beendeten, dieses aus einem für sie ungünstigen Nutzen-Risiko-Verhältnis taten.

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Bei allen Kritikpunkten und Limitierungen muss aber auch klar anerkannt werden, dass der größere Teil der Probanden durch das Spray einen deutlichen Benefit in Punkto Spastik und sogar anderer MS-Symptome hatte.

Die Studie fand (zumindest in diesem Kollektiv) außerdem heraus, dass es selbst bei plötzlichem Abbruch der Therapie zu keinerlei Entzugserscheinungen und somit offenbar nicht zur Toleranz- oder Abhängigkeitsentwicklung bei der Einnahme in Form des Sprays kam. (Dieses steht in interessantem Gegensatz z.B. zu gerauchtem Hanf und könnte an der unterschiedlichen körperlichen Aufnahme der Einzelkomponenten des Cannabis liegen).

Alles in allem kann man mutmaßen, dass das Nabiximols-haltige Fertigarzneimittel Sativex® in vielen Fällen gute Linderung bei MS-bedingter Spastik bringen kann – dieses auch längerfristig und wahrscheinlich ohne Risiko einer Toleranzentwicklung. Ein Therapieversuch sollte aber unbedingt ärztlich eng betreut werden und Begleiterscheinungen jeglicher Art sehr ernst genommen werden – mindestens solange bis deutlich mehr Erfahrung mit diesem Medikament vorliegt.

Autorin: Dr. med. Monika Steiner

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