Gibt es einen Zusammenhang zwischen Traumata und Essstörungen?

Essstörungen im Allgemeinen, aber darunter natürlich auch die Magersucht (Anorexie nervosa), gehen recht häufig mit anderen psychischen Erkrankungen einher. Komorbidität heißt das in der Fachsprache. Komorbiditäten sind Begleiterkrankungen, die in Zusammenhang mit der Grunderkrankung gebracht werden können. Bei Magersucht und Bulimie spielen hier besonders vorangegangene Traumatisierungen eine bedeutende Rolle.

„Ein Stein fällt ins Wasser und das Wasser zieht durch diese Erschütterung immer weitere Kreise“ (Huber 2003, S.38), ist wohl ein sehr treffendes Zitat, um den Zusammenhang zwischen Traumata und Essstörungen zu versinnbildlichen. Neben akuten Traumatisierungen sind auch sogenannte posttraumatische Belastungsstörungen, also chronisch-psychische Probleme nach dem Ereignis, häufig ein Auslöser für die Entwicklung einer Magersucht oder Bulimie. Bis zu 52% aller Essstörungen können mit einer der beiden Diagnosen in Zusammenhang gebracht werden.

Was ist eine Traumatisierung?

Fragt man sich nun, was denn Traumatisierungen eigentlich sind, denn für den Laien klingt dies nach einem sehr großen Wort, so stellt man fest, dass dies ein sehr breit definiertes Feld ist. Eine Traumatisierung kann alles sein, was „die Belastungsgrenzen eines Menschen übersteigt“ und deswegen nicht richtig verarbeitet werden kann. Darunter fallen zum Beispiel Missbrauch, Gewalt, lebensbedrohliche Situationen aber auch Mobbing und das Miterleben von interfamiliären Konflikten.

Erlebt man eine solche Traumatisierung, suchen die meisten Betroffenen Möglichkeiten diese zu bewältigen oder zu verdrängen. Durch die Flucht in eine Essstörung fällt es den Betreffenden leichter mit dem Erlebten umzugehen. Besonders bei sexuellem Missbrauch und Mobbing kommt das häufig vor.

Unbewusste Flucht

Doch warum flieht man in eine so schwerwiegende Krankheit wie die Magersucht? Wichtig zu wissen ist, dass all diese Prozesse nicht bewusst ablaufen, sondern eine Art Kette sind, bei der sich viele Faktoren bedingen. Eine psychische Krankheit ist allgemein keine Entscheidung, die man trifft, sondern etwas, das meist schleichend entsteht.

Fragt man Patienten mit Magersucht, warum sie so dünn sein möchten, dann geht es oft darum, sich selbst nicht spüren zu können oder zu wollen und einen Hass gegen sich selbst entwickelt zu haben. Diese Flucht vor sich selbst in eine Essstörung schützt die Betroffenen in gewissem Maße davor, das Erlebte immer wieder hervorrufen zu müssen.

Nicht jede Magersucht hat etwas mit Trauma zu tun

Natürlich gibt es bei Traumatisierungen und posttraumatischen Belastungsstörungen auch andere Begleiterkrankungen und Folgeprobleme, nicht nur die Magersucht. Ebenso gibt es bei Essstörungen auch andere Komorbiditäten, wie zum Beispiel Zwangsstörungen, Substanzmissbrauch oder das Borderline-Syndrom. Die menschliche Psyche ist sehr erfinderisch, wenn es um Bewältigungsmechanismen geht.

Um diesen inneren Konflikt und die Traumatisierung zu lösen und zu lernen, damit umzugehen, gibt es ein breites Spektrum an Möglichkeiten. Innerhalb der Psychotherapie wird das Erlebte entweder bewusst oder unbewusst aufgearbeitet und nach und nach wieder ein positiveres Gefühl zu sich selbst hergestellt.

Autorin: Fee Kalter

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