Seit wann gibt es eigentlich die Magersucht?

Alle Indizien sprechen dafür, dass die Magersucht eine "moderne" Erkrankung ist. Oder sagen wir besser, eine, die dem modernen Leben geschuldet ist. Die erste wissenschaftliche Erwähnung der "Anorexia" stammt aus dem Jahre 1868. Bei einer so auffälligen Erkrankung (wenn junge Menschen freiwillig aufs Essen verzichten, ist das ja praktisch nicht zu übersehen, in früheren und ärmeren Zeiten noch um so weniger) müsste man mit deutlich früheren Berichten rechnen – wenn es die Erkrankung denn schon gab.

Aber dem war wohl nicht so, zumindest nicht in nennenswertem Umfang. Und das wiederum heißt, dass die Erkrankung in den letzten 100 Jahren dramatisch zugenommen hat. Immerhin geht man heute von einer Häufigkeit unter weiblichen Jugendlichen von rund 2% aus (Bulimie 1,3 %, Magersucht 0,7%). Das sind von 1.000 Teenager-Mädchen 20. Und das ist ziemlich viel.

Was war anders zur Zeit Napoleons?

Offen ist die Frage, wie genau das zu erklären ist. Liegt es an der "entfremdeten modernen Welt", in der Geborgenheit, unverkrampfte familiäre Strukturen und ein klares Rollenbewusstsein zunehmend verloren gehen? Oder liegt es an den krankhaft schlanken Models und Schaufensterpuppen, denen man kaum noch ausweichen kann? Wahrscheinlich an beidem. Tatsache ist: Die Mädchen vor 200 Jahren mögen aus emanzipatorischer Sicht unterdrückt und ohne allzuviel Rechte gewesen sein. Aber sie wussten zumindest sehr genau, wo sie stehen und wo die Reise hin geht.

Das ist heute häufig nicht mehr so einfach. Wenn man nach der aktuellen Studienlage geht, scheinen bevorzugt Mädchen aus gutbürgerlichen Familien an Magersucht zu erkranken. Familien mit großem Harmoniebedürfnis, also ohne Konflikte offen auszutragen. Familien mit (unausgesprochener) hoher Erwartungshaltung an die Lebensführung, die man als Teenager schnell mal enttäuschen kann. Alles das wird es zu Napoleons Zeiten und davor kaum gegeben haben. Und die Models schon mal gar nicht.

Eine weitere Beobachtung passt da übrigens ganz gut ins Bild: Seit einigen Jahren nehmen Essstörungen auch bei Jungen und jungen Männern stark zu. Ungefähr seit der Zeit, seit es auch Männer-Mode-Magazine gibt und man auch als Mann über die Medien zunehmend mit unerreichbaren Vorbildern konfrontiert wird (blendend aussehende Alleskönner mit Waschbrettbauch). Mädchen müssen sich mit solch einem Unsinn schon seit den 50er Jahren herumschlagen.

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