Länger leben – aber wie?

Eine Anti-Aging-Variation zum langen Leben lautet: Es kommt nicht darauf an, wie lange man lebt, sondern wie man lange lebt.  Wenn man also die Frage nach dem Wofür geklärt hat, geht es an das Wie. Und hier geriert sich der Begriff des „Anti Aging“ leicht missverständlich: Gegen das Altern vorzugehen ist nicht nur höchst schwierig, sondern vor allem weder zweckmäßig noch sinnvoll. Altern gehört wie der Tod zum Leben, mit der Aufhebung der einen Kategorie wäre auch die andere mehr oder weniger hinfällig.

Ewiges Leben biologisch ...

Wenn wir mal von Turritopsis nutricula absehen. Dieser zu den Nesseltieren gehörenden Hydrozoen-Art wird eine potenzielle biologische Unsterblichkeit attestiert. Das ist unter den Vielzellern dieser Welt, soweit bisher bekannt, einmalig. Die Turritopsis-Geschöpfe können sich vom Zustand des geschlechtsreifen Individuums wieder zu einer sexuell unreifen Lebensform zurückentwickeln und den Lebenszyklus erneut durchlaufen. Dafür werden sie aber auch nur etwa 4 bis 5 mm groß. Vielleicht tröstet das den einen oder die andere von uns ja ein bisschen ...

... und virtuell ...

Das Attribut „biologisch“ sollte uns übrigens aufmerken lassen. Denn im virtuellen Lebensraum, der Neuen Welt unserer Tage, werden die Karten neu gemischt. Die digitale Unsterblichkeit steht wortwörtlich im Raum. Und hält sich dort, solange der Server nicht abgeschaltet wird. Sinnhaftigkeit und Beglückungspotenzial auch dieser Form von ewigem Leben sind zu bezweifeln, wie der Ruf nach dem Recht auf digitales Vergessen und (Er-) Löschen zeigt.

Das Recht auf den biologischen Tod (nein, nicht Sterbehilfe) braucht indes kein Mensch einzuklagen. Der kommt für jeden von uns irgendwann. Diese Tatsache ist wohl die einzige Gerechtigkeit, die uns Mutter Natur von sich aus zuteil werden lässt. Um den Rest müssen wir Menschen uns in der Regel selbst kümmern.

Überwindung der Todesangst

Dieser positive Aspekt an der Institution Tod ist ein wichtiger Ausgangspunkt, wenn es um das Wie des längeren, vor allem aber des besseren Lebens geht.  Denn die Urangst vor dem Tod hat nicht nur einen schützenden, lebenserhaltenden Effekt. Sie kann auch die Lebensqualität mindern, wenn sie unsere Emotionen, Gedanken und Verhaltensweisen – meist unbewusst, da unreflektiert – dominiert. Oder wir durch das gezielte Schüren von Ängsten manipuliert oder sogar erpresst werden.

Die Gesundheits- bzw. Krankheitsbranche ist nicht immer frei vom Gebrauch solcher Methoden. Ob vorsätzlich oder systembedingt, ist zweitrangig. Was zählt ist, dass wir aus der inneren Bereitschaft für den Tod ein Bekenntnis zum Leben machen: für ein freies, sinnerfülltes, wertorientiertes, menschliches Leben. Solange, wie es eben dauert. Das ist die Grundlage für eine ganzheitliche Gesundheit, die sich auch durch die ein oder andere Erkrankung nicht unterkriegen lässt.

Auf die Entfaltung und Pflege unserer körperlichen, geistigen, seelischen und sozialen Ressourcen kommt es an. Und auf deren angstfreies Zusammenspiel auf dem Rasen des Lebens. In gesunder Haltung macht dann auch eine Verlängerung noch Spaß.

Autor: Dr. Hubertus Glaser

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