Länger leben – wofür?

Frei nach Adorno könnte man fragen: „Was nützt einem ein langes Leben, wenn man sonst ein Idiot ist?“ Adorno hat hier statt „langes Leben“ den abgegriffenen Begriff der „Gesundheit“ eingesetzt, der uns heute von morgens bis abends in den Medien verfolgt und uns von der Couch ins Fitness Studio treibt. Oder, falls das nicht klappen sollte, wenigstens ein schlechtes Gewissen verschafft.

Beides scheint ja miteinander zusammenzuhängen, das lange Leben und die Gesundheit. Die Anti-Aging-Wortführer haben daraus den schönen Slogan entwickelt, dass es weniger darauf ankommt, dem Leben mehr Jahre zu geben, als vielmehr den Jahren mehr Leben. Mehr Lebensqualität dank bester Gesundheit ist gemeint. Das ist allerdings etwas kurz gegriffen. Zu kurz.

Was ist wichtiger: Qualität oder Dauer?

Denn die Lebensqualität ist eben weitaus komplexer und vielschichtiger als die Qualität etwa eines Autos, der Deutschen liebstes Statussymbol. Auch wenn in der gesundheitspolitischen Diskussion der vergangenen Jahre immer mal wieder vom Golf und vom Mercedes die Rede war. Und die schon erwähnten Anti-Aging-Auguren gerne auf der Welle der Auto-Analogie gesurft sind (und es wahrscheinlich immer noch tun): Bei Ihrem Auto lassen Sie den TÜV machen – und bei sich selbst?

Ja, die Lebensqualität hat etwas mit Gesundheit zu tun. Sehr viel sogar. Allerdings anders als es die meisten Gesundheitsexperten und Krankheitsversorger in ihren üblichen Statements zum Besten geben. Und anders als es viele Patienten reflex- und gewohnheitsmäßig gerne hören wollen. Denn Gesundheit hat auf Dauer ganz viel mit Selbstliebe und Selbstverantwortung zu tun und nur wenig mit dem Versorgungsangebot, das uns mit Pillen, Operationen und neuerdings auch mit Apps und smarter Elektrotechnik zur Selbstvermessung überhäuft.

Gesundheit, um die es wirklich geht

Kalorien mindern, Bewegung mehren, Zucker vermeiden, bei Obst und Gemüse zuschlagen – alles richtig. Wirklich wichtig aber ist etwas anderes: unsere geistige, seelische und soziale Haltung. Das ist die Freude am Leben, am eigenen und dem der anderen. Und der gute Wille, sein Bestes zu geben, um die Lebensgemeinschaft zu bereichern. Manche hatten dafür nur eine außerordentlich kurze Lebensspanne zur Verfügung und haben doch bleibenden Eindruck in der Nachwelt hinterlassen. Einige dieser Manche waren sogar richtig krank, medizinisch gesehen.

„Gesundheit ist weniger ein Zustand als eine Haltung, und sie gedeiht mit der Freude am Leben“. Dieser wunderbaren Formulierung des Scholastikers Thomas von Aquin (13. Jahrhundert) ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Höchstens noch: Wer sich diese Haltung ein Leben lang zu eigen macht, hat gute Chancen auf ein langes Leben. Und das lohnt sich dann auch.

Autor: Dr. Hubertus Glaser

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