Herzprobleme mit 35: Was steckt dahinter?

HerzBei einer Fahrradtour spürt Andreas M. plötzlich einen schmerzhaften Druck auf der Brust. Sein Oberkörper fühlt sich wie eingeschnürt an. Die Schmerzen ziehen sich bis in den Nacken, die Arme, den Oberbauch. Herzinfarkt? Der Freizeitsportler und Nichtraucher ist erst 35 Jahre alt.

Ganz neu ist das Problem mit dem Herzen für Andreas M. nicht. Bereits ein Jahr zuvor war er wegen eines leichten Herzinfarkts in die Notaufnahme des nächsten Kreiskrankenhauses gebracht worden.

Die Ärzte hatten damals eine hochgradige Verengung in den Herzkranzgefäßen festgestellt. Die Labordiagnostik ergab einen extrem erhöhten LDL-Cholesterinwert. Diese Form des Blutfettes ist mitverantwortlich für die Ablagerungen in den Blutgefäßen und damit für deren Verengung. Was den sportlichen Nichtraucher aber besonders beunruhigt: Sein Vater war bereits im Alter von 40 Jahren an einem Herzinfarkt verstorben.

Gene statt ungesunden Lebensstils

Zur Therapie erhielt der junge Mann damals einen hochdosierten Cholesterinsenker. Die erneute Untersuchung beim Arzt ergibt dennoch stark erhöhte Blutfettwerte. Der aktuelle LDL-Cholesterinwert liegt immer noch bei 282 mg/dl. Normal sind Werte bis maximal 160 mg/dl bei gesunden Menschen, die keine weiteren Risikofaktoren haben.

Die hohen Werte und die familiäre Vorbelastung des jungen Mannes sprechen für die Diagnose „familiäre Hypercholesterinämie“ – zu Deutsch eine vererbte Neigung zu stark erhöhten Cholesterinwerten, die nicht auf Lebensstilfaktoren wie ungesunde Ernährung zurückzuführen sind. Typisch für die Erkrankung sind massiv erhöhte Cholesterinwerte bereits im Kindesalter. Als sichtbares Zeichen können knotige Cholesterinablagerungen außerhalb der Blutgefäße an den Sehnen oder unter der Haut  auftreten. Innerhalb der Blutgefäße führen die Ablagerungen zu einer rasch fortschreitenden Arteriosklerose und erhöhen damit massiv das Risiko für einen frühen Herzinfarkt oder Schlaganfall. So wie es bei Andreas M. und seinem Vater der Fall war.

Screening identifiziert Risiko-Patienten

Die Diagnose „familiäre Hypercholesterinämie“ wird häufig erst dann gestellt, wenn jemand in jungen Jahren einen Herzinfarkt erleidet. Dabei lässt sich  laut einer Veröffentlichung des Bremer Internisten Prof. Gerald Klose der genetische Defekt, welcher der Krankheit zugrunde liegt, mithilfe molekulargenetischer Tests  bei der Mehrzahl der Betroffenen nachweisen. Deshalb ist es sinnvoll, dass Menschen wie Andreas M., deren Familienangehörige ersten Grades erhöhte Cholesterinwerte aufweisen oder schon früh eine Erkrankung der Herzkranzgefäße erlitten haben, speziell auf diese genetische Veränderung hin getestet werden.

Um erblich vorbelastete Menschen vor Herzinfarkt und Schlag-anfall zu schützen, ist deshalb eine äußerst effektive Senkung des LDL-Cholesterins wichtig. Da konventionelle Strategien hier manchmal an Grenzen stoßen, ist auch die Pharmaindustrie gefordert, neue Präparate zu entwickeln.

Autorin: Dr. med. Kirsten Westphal
Patienten Journal Reise & Gesundheit August 2015

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