Was ist dran am Mythos Resveratrol?

Was wird ihm nicht alles nachgesagt, dem guten Tropfen aus den roten Weintrauben! Schon in der Antike spielte der Trank eine große Rolle – nicht nur als Genussmittel, sondern auch bei Festen und rituellen Zeremonien. Doch was ist wirklich dran an dem Mythos, der sich von alters her um die Weinreben rankt?

Wie nah die wohltuende Wirkung des Weines und seine gefährliche Kehrseite beieinanderliegen, wussten schon die Griechen in der Antike. Der für den Wein zuständige Dionysos war sowohl ein Gott der Freude und der Fruchtbarkeit als auch des Rausches, des Wahnsinns und der Ekstase.

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Dass Alkohol im Übermaß schädlich ist, wissen wir auch heute und können es, wenn auch etwas nüchterner als etwa bei Homer, in entsprechenden Studien nachlesen. Was aber hat es mit der ebenfalls wissenschaftlich propagierten schützenden Wirkung des Rotweins und den zahlreichen ihm zugeschriebenen Effekten auf Herz und Gefäße auf sich?

Wie der Hype um den Rotwein begann

In den 1990er-Jahren entwickelte sich ein reges Forschungsinteresse rund um das Thema Wein und seine mutmaßlich gesundheitsfördernde Wirkung. Denn epidemiologische, also in der breiten Bevölkerung durchgeführte Studien legten nahe, dass unsere französischen Nachbarn trotz eines hohen Alkoholverbrauchs, einer recht fettreichen Ernährung und einem starken Zigarettenkonsum dennoch weniger oft einen Herzinfarkt erleiden und sogar etwas länger leben. Seither erhitzt dieses als "französisches Paradoxon" in die Wissenschaft eingegangene Postulat die Gemüter.

Wunderwaffe Resveratrol?

Die Diskussionen drehen sich dabei vor allem um einen ganz bestimmten Bestandteil der roten Weintraube, das sogenannte Resveratrol. Dieser Naturstoff ist auch in zahlreichen anderen Pflanzen und Früchten wie etwa Himbeeren, Pflaumen und Erdnüssen enthalten und schützt sie vor äußeren Umwelteinflüssen und Infektionen.

Zu den Inhaltsstoffen im Rotwein gibt es zahlreiche experimentelle Studien, die die Wirkung auf einzelne Zellen und biochemische Abläufe in unserem Körper untersuchen. Viele legen tatsächlich einen gefäßschützenden Effekt nahe. Damit könnte die Volkskrankheit Arteriosklerose und all ihre unliebsamen Folgen wie Herzinfarkt, Schlaganfall und andere arterielle Verschlusskrankheiten (z.B. der Beine) positiv beeinflusst werden. Und sogar gegen neurodegenerative Erkrankungen wie Demenz und Parkinson oder auch gegen Krebserkrankungen soll der Naturstoff wirksam sein.

Resveratrol im Fokus von Studien

Schauen wir uns die Studien einmal genauer an. In den letzten Jahren wurde vor allem die Wirkung des Resveratrols auf die Funktion der Gefäßwand untersucht. Denn von hier aus nimmt die Verkalkung der Gefäße ihren Ausgang. Zellschäden, Umbauprozesse und entzündliche Reaktionen sorgen dafür, dass die Gefäßwand nach und nach umgebaut wird, verdickt und verhärtet.

Wesentliche Mitspieler in diesem Prozess sind die Blutfette, allen voran das schädliche LDL (Low Density Lipoprotein), das sich in der Gefäßwand einlagert und sie zerstört. Sein Gegenspieler, das HDL (High Density Lipoprotein) sorgt dagegen für den Abtransport von LDL und verhindert dessen Ablagerung im Gefäß. Der Anteil dieser schützenden Fette soll nun durch Resveratrol erhöht werden, während es gleichzeitig das LDL in Schach hält.

Aktuelle Untersuchungen sind der Wirkung des Naturstoffs weiter auf die Schliche gekommen. Die Forscher haben ermittelt, wo und wie genau er auf die sogenannte Doppellipidschicht, aus der sämtliche biologischen Membranen (Trennschichten) bestehen, wirkt. Dabei fanden sie heraus, dass Resveratrol die Membran vor einem Abbau schützt und die Zellen der Gefäßwand vor einer sogenannten Apoptose (Zelltod) bewahrt.

Darüber hinaus steigert es auch die Aktivität eines bestimmten Enzyms (Beschleuniger biochemischer Abläufe), das die Gefäßwand entspannt und schützt und eine Verklumpung von Blutzellen verhindert.

In Maßen gut für Herz und Gefäße

Die gefäßschützende Wirkung scheint sich also in den Experimenten bestätigt zu haben. Man muss jedoch bedenken, dass viele Studien nur an isolierten Geweben im Labor oder an Tieren erhoben wurden. Die Ergebnisse lassen sich nicht unbedingt eins zu eins auf einen lebenden Organismus bzw. den Menschen übertragen.

Allerdings gibt es auch viele epidemiologische und klinische Studien, in denen z.T. große Gruppen an Probanden miteinander verglichen wurden. Auch sie legen nahe, dass ein maßvoller Konsum von Rotwein das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall & Co reduziert und auch die Sterblichkeit senkt. Manche Wissenschaftler wollen den Effekt in Zahlen ausdrücken und sprechen von einem 30% geringeren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Eine Studie aus dem Rotweinland Frankreich zeigte sogar in der Nachbehandlung von Menschen, die bereits einen Herzinfarkt erlitten haben, positive Auswirkungen eines Gläschen Weins am Abend. Das Risiko für einen erneuten Herzinfarkt sei bei gemäßigten Weintrinkern erniedrigt.

Die Aussagekraft wissenschaftlicher Studien

Aber auch bei den Untersuchungen unter Realbedingungen gibt es einen Haken. Das zeigen allein schon die oft widersprüchlichen Ergebnisse. Sie kommen dadurch zustande, dass jeweils unterschiedliche Aspekte untersucht werden. Eine isolierte Betrachtungsweise birgt immer die Gefahr, andere Gesichtspunkte zu vernachlässigen bzw. eine Studie von vorne herein so anzulegen, dass das anvisierte Ergebnis wahrscheinlich ist.

Das muss gar nicht unbedingt beabsichtigt und mutwillig sein. So gibt es manchmal auch einfach unterschiedliche Sichtweisen und Interpretationen von Ergebnissen. Ob z.B. die Herzen von Menschen mit moderatem Alkoholkonsum tatsächlich wegen des Alkohols gesünder sind oder ob nicht umgekehrt Menschen mit gesundem Herzen mehr Alkohol trinken als Kranke, darüber können manche Forscher trefflich streiten.

Auf die richtige Interpretation kommt es an

Auch mit dem oben beschriebenen "französische Paradoxon" ist es so eine Sache. Es zeigt zwar eine Korrelation, also eine bestimmte Wechselbeziehung; einen kausalen Zusammenhang, bei dem sich das eine unstreitig aus dem anderen ergibt, kann man daraus aber noch nicht ableiten.

Und dann muss man eben immer auch noch andere Aspekte berücksichtigen. Weintrinker, zumal moderate, sind in der Regel Genießer. Meist essen sie zu ihrem guten Schluck kein Fastfood in sich hinein, sondern achten auch bei der Ernährung auf Maß und Ausgewogenheit. Die Lebensführung könnte daher eine ebenso gute Erklärung für die gute Gesundheit der Weintrinker sein wie der Alkohol bzw. das Reservatrol.

Überhaupt: Alkohol ganz allgemein oder speziell das Reservatrol – was ist eigentlich für die Effekte verantwortlich? Auch hier gehen die Meinungen nämlich auseinander, und die Studien dazu bleiben unklar.

Sie müssen nicht verzichten

Sie sehen also: Nach wie vor sind beim Thema Rotwein und Gesundheit noch viele Fragen offen. Wenn auch keine direkten Empfehlungen auszusprechen sind, gibt es aber doch gewisse Anhaltspunkte, an denen man sich als passionierter Weintrinker, der auch auf seine Gesundheit achtet, orientieren kann.

Gegen einen mäßigen Alkoholkonsum spricht mit Sicherheit nichts. Das bedeutet für Frauen eine Menge von 10 g pro Tag (entspricht einem Achtelliter Wein) und für Männer das doppelte (20 g bzw. ein Viertelliter). Wenn Sie dann noch zwei Tage in der Woche aussetzen, ist es optimal und schmeckt danach außerdem noch viel besser.

Ein solches Trinkverhalten können Sie auch nach einem überstandenen Herzinfarkt beibehalten. Allerdings sollten Sie beachten, dass Alkohol mit manchen Medikamenten wechselwirken kann. Wenn Sie regelmäßig Tabletten einnehmen, sollten Sie daher Ihren Alkoholkonsum grundsätzlich mit Ihrem Arzt besprechen.

Jeden Tag ein Gläschen

Und da sind wir auch schon bei der Kehrseite der Medaille. Denn neben den möglichen Interaktionen mit Medikamenten sind noch ein paar weitere Punkte zu beachten.

Wie immer macht auch beim Wein die Menge das Gift. Ein übermäßiger Konsum ist mit Sicherheit Ihrer Herz-Kreislauf-Gesundheit nicht förderlich. Auch hier wiederum lassen sich Studien heranziehen, die besagen, dass sogar ein einmalig durchzechte Nacht dem Herzen schaden kann. Es pumpt dann, wenn auch nur vorübergehend, weniger, was einer Herzschwäche gleichkommt.

Es ist also keine gute Idee, sich die wöchentliche Ration Alkohol für einen Tag aufzuheben und es dann richtig krachen zu lassen. Das ist in etwa so bekömmlich, wie wenn Sie Ihre Wochenration Kalorien auf einmal zu sich nehmen und den Rest der Woche fasten würden. Im übrigen sind auch Ihre anderen Organe am rechten Maß beim Genuss von Alkohol interessiert, vor allem die Leber, die ihn abbauen muss.

Alkohol kann auch gefährlich sein

Und schließlich müssen auch die definitiv schädlichen Wirkungen von (zu viel) Alkohol erwähnt werden.

Alkohol hat eine ganze Menge Kalorien, was man bei Flüssigkeiten oft nicht bedenkt. Der berühmte Bierbauch, den man so oft beobachten kann, ist aber Zeuge dieser ernüchternden Tatsache. Wenn Sie also (was ich Ihnen allerdings gar nicht raten würde) beim Essen die Kalorien zählen, müssen Sie auch den Wein oder das Bier berücksichtigen. Aber auch hier gilt wieder das gesunde Maß als Richtschnur. Die oben genannten Mengen führen sicherlich nicht (allein) zu Übergewicht.

Alkohol kann abhängig machen. Das ist die vielleicht größte Gefahr, da sie in der Folge einen unkontrollierten Konsum nach sich zieht, der wiederum zahlreiche Folgeerkrankungen bedingt. Um diese Gefahr wussten auch die alten Griechen und Römer schon.

Es bleibt ein Geheimnis

Mythen sind Erzählungen, die Antworten auf grundlegende menschliche Fragen und Themen suchen. Sie liefern Erklärungen für bedrohliche und nicht erklärliche Phänomene und schaffen damit Sicherheit, Orientierung und Identität. Vielleicht wird auch das Rätsel um den Rotwein nie endgültig gelöst und daher weiterhin von vielen verschiedenen Deutungen umrankt werden.

Weitere Informationen zu Resveratrol finden Sie hier.

Autorin: Eva Bauer (Ärztin)

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