Blasenentleerung (Miktion)

Als Miktion wird die normalerweise vollständige Entleerung der Harnblase bezeichnet. Dieser Vorgang wird durch komplexe Regelkreise des autonomen und willkürlichen Nervensystems gesteuert.

Entwicklung der Blasenkontrolle

Eine Kontrolle der Blasenentleerung wird im Verlauf der kindlichen Reifungsprozesse (bzw. der "Reinlichkeitserziehung") erst nach der Kontrolle über den Stuhlgang erlangt. Im 5. Lebensjahr sind ca. 80 Prozent der Kinder tagsüber und nachts trocken.

Physiologie der Miktion

Die Harnblase dient als Zwischenspeicher für den von den Nieren kontinuierlich gebildeten Urin. Sie wird bei normaler Flüssigkeitsaufnahme in der Regel zwei bis sechs Mal pro Tag über die Harnröhre entleert. Die dabei ausgeschiedene Urinmenge beträgt normalerweise jeweils etwa 300 bis 400 Milliliter; es gibt jedoch keine allgemein akzeptierten Werte - einige Menschen scheiden bei einem Toilettengang über einen Liter Urin aus.

Die maximale Blasenkapazität ist dabei jenes Füllvolumen, bei dessen Erreichen es zu einem sogenannten imperativen Harndrang bzw. einer unwillkürlichen Blasenentleerung kommt. Für Frauen wird der Normwert mit 300 bis 400 Millilitern, für Männer mit 400 bis 600 Millilitern angegeben. Diese Werte schwanken jedoch von Mensch zu Mensch stark und es gibt keine bestätigten Maximalwerte. Berechnet wird sie als die Summe der funktionellen Blasenkapazität und des nach der Miktion in der Blase verbleibenden Restharns. Als funktionelle Blasenkapazität wird das mittlere Entleerungsvolumen minus dem verbliebenen Restharn bezeichnet.

Die Speicherfunktion der Blase wird einerseits durch zwei Schließmuskel gewährleistet: einen äußeren, quergestreiften, und einen inneren, bestehend aus glatten Muskelzellen. Daneben muss sich bei zunehmender Blasenfüllung der "Blasenentleerer" (M. detrusor vesicae, kurz als Detrusor bezeichnet) den veränderten Druckverhältnissen anpassen und sich dazu entspannen. Dies wird als Akkommodation bzw. Compliance der Blase bezeichnet. Störungen des Zusammenspiels führen zu einer sogenannten Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie.

Wird die Fähigkeit zur weiteren Akkommodation des Detrusors überschritten, kommt es zu einem steilen Druckanstieg im Blaseninneren und über Dehnungsrezeptoren in der Blasenwand zur Auslösung des Miktionsreflexes, damit zur Kontraktion des Detrusors, einer passiven Dehnung des inneren Schließmuskels und einer willkürlich gesteuerten Erschlaffung des äußeren Schließmuskels.

Für das Einleiten des Entleerungsvorgangs ist der Parasympathikus zuständig. Er reizt die Blasenmuskulatur zur Anspannung und hilft beim Entleeren der Blase. Der Sympathikus hingegen sorgt dafür, dass die Blase erschlafft, um sich füllen zu können und zur Anspannung der Schließmuskel. Er verhindert somit eine ständige Entleerung.

Abhängig von der Flüssigkeitszufuhr produziert ein gesunder Mensch in 24 Stunden etwa 1000 bis 1500 ml Harn, den er zwei bis sechs Mal am Tag ausscheidet. Dabei ist die Urinproduktion allerdings nicht zu jeder Tageszeit gleich groß. Am meisten Urin produziert der Mensch um sechs Uhr morgens (siehe Chronobiologie).

Soziokulturelle Faktoren

Die gesellschaftliche Haltung gegenüber dem Miktionsvorgang variiert stark zwischen verschiedenen Epochen und Kulturkreisen. Dies bezieht sich einerseits auf das Ausmaß, in dem die Miktion in der Öffentlichkeit akzeptiert wird. Andererseits existieren verschiedene Normen für Männer und Frauen bezüglich der Körperhaltung.

Öffentliches und privates Urinieren

Bis ins 19. Jahrhundert war es auch in westlichen Gesellschaften üblich, im Freien zu urinieren. Mit der zunehmenden Verlagerung des Lebens in die Städte und dem Ausbau der Kanalisation entstanden die Sanitäranlagen Urinal und Toilette in ihrer heutigen Form. Das Zusammenleben vieler Menschen auf engem, städtischen Raum und der damit einhergehende erhöhte Hygienebedarf sowie der Wunsch nach Vermeidung von Geruchsbelästigung führten zu einer gesellschaftlichen Sanktionierung des öffentlichen Urinierens.

Dies gilt bis heute und wird in einigen Ländern auch rechtlich sanktioniert, das heißt als Ordnungswidrigkeit geahndet. Insbesondere jedoch bei Großveranstaltungen und bei nicht- oder ungenügend vorhandenen Bedürfnisanstalten findet ein Urinieren in der Öffentlichkeit statt, oftmals auch verstärkt durch vermehrte (alkoholische) Flüssigkeitszufuhr (beispielsweise beim Karneval, Musikfestivals und auf Partys). Um dem entgegenzukommen, wurden in einigen Städten mit ausgeprägtem Nachtleben öffentliche Urinale installiert, die abends aus dem Boden gefahren werden und tagsüber im Bürgersteig verschwinden.

Mit der zunehmenden Verbannung des Urinierens aus dem öffentlichen Raum und der Abwicklung des „kleinen Geschäfts“ auf einer Toilette wurde die Miktion im westlich-europäischen Kulturkreis zunehmend privat und auch von einem Bedürfnis nach Privatheit begleitet. Vielen Menschen ist es unangenehm oder gar unmöglich, in Gegenwart anderer Personen zu urinieren. Die Benutzung eines Urinals stellt einen halb-öffentlichen Rahmen dar, insofern als andere Menschen zwar gegenwärtig sind, das Urinal selber jedoch oftmals mit einem Sichtschutz versehen ist und nur gleichgeschlechtliche Personen anwesend sind.

Körperhaltung beim Urinieren

Männer und Frauen nehmen in unserem Kulturkreis in der Regel unterschiedliche Haltungen zum Urinieren ein: Männer urinieren im Stehen, Frauen im Sitzen oder in der Hocke. Jedoch zeigt sich diesbezüglich auch eine interkulturelle Varianz. Herodot berichtet aus dem antiken Ägypten, dass „...die Weiber ihren Harn im Stehen lassen und die Männer im Sitzen.“ Auch in verschiedenen anderen Kulturkreisen, beispielsweise bei einigen afrikanischen Ethnien, ist es für Frauen üblich, im Stehen zu Urinieren.

In den letzten Jahren kamen einerseits Papptrichtersysteme (Urinella) auf den Markt, die es Frauen ermöglichen, im Stehen zu urinieren (um sich auf einer öffentlichen Toilette nicht setzen zu müssen beziehungsweise im Freien bequemer Urinieren zu können). Weiterhin wurden Frauenurinale für öffentliche Toiletten entwickelt, welche auch eine (halb-)stehende Körperhaltung möglich machen.

Andererseits besteht oft der Wunsch, Männer möchten sich auf Toiletten (im Gegensatz zu Urinalen) setzen. Dies ist bedingt durch die bei der Entfernung zum Toilettenbecken auftretende Zielungenauigkeit und die damit einhergehenden Verunreinigungen.

Störungen

In jedem Alter kann eine Vielzahl von Ursachen zu einer Blasendysfunktion (als eine Sammelbezeichnung für Blasenspeicher- und Blasenentleerungsstörungen) führen, wobei im Kindesalter ein nächtliches Einnässen, im höheren Alter eine unvollständige Blasenentleerung mit Restharnbildung, vor allem aber ein unwillkürlicher Harnabgang besonders hervorzuheben sind.


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