Aufbau und Funktion der Harnblase

Die Harnblase (lat. Vesica urinaria) ist als Teil des Harntrakts ein Organ, in dem der Urin zwischengespeichert wird. Das muskuläre, von Urothel ausgekleidete Hohlorgan liegt beim Menschen relativ gut geschützt im kleinen Becken. Obwohl aus der Niere ununterbrochen Harn abfließt, ermöglicht die Harnblase den Harn willentlich und nur von Zeit zu Zeit abzugeben.

Der Urin gelangt von den Nieren über die Harnleiter (Ureter) in die Harnblase. Beim Entleeren werden die Schließmuskeln am Blasenboden entspannt, so dass der Urin über die Harnröhre (Urethra) abfließt.

Bei Männern tritt bei etwa 350–750 ml Füllmenge starker Harndrang ein, bei Frauen bei 250–550 ml. In Abhängigkeit von äußeren und inneren Reizen kann es auch schon bei deutlich geringerer Füllung zu Harndrang oder auch zu unwillkürlicher Entleerung kommen. Das maximale Fassungsvermögen der Harnblase beträgt beim erwachsenen Menschen je nach Körpergröße zwischen 900 und 1500 ml.

Anatomie

Wikipedia: Lage der Harnblase und den NierenDie Harnblase ist ein Hohlorgan, das beim Menschen auf dem Beckenboden aufliegt. Es befindet sich direkt hinter der Schambeinfuge, vor der Vagina bei Frauen bzw. dem Mastdarm bei Männern, wobei es bei Frauen etwas kaudaler (niedriger) liegt. Nach oben erstreckt sich die Harnblase bis zur Oberkante des Beckens. Mit zunehmender Füllung kann sie bis zum Bauchnabel reichen.

Ihre Vorderseite heißt Apex, der Raum zwischen Schambein und Blasenvorderwand (Spatium retropubicum) wird als „Cavum Retzii“ bezeichnet; die posteroinferiore (untere hintere) Seite Fundus. Der Blasenhals (Cervix vesicae) befindet sich bei Primaten (und damit auch beim Menschen) auf der Unterseite, bei anderen Tieren an der Hinterseite und führt zur Harnröhre.

Die Harnblase empfängt auf ihrer Oberseite die paarigen Harnleiter (Ureter) von den beiden Nieren. Die Harnleiter verlaufen über eine kurze Distanz innerhalb der Blasenwand, so dass sie bei stärkerer Füllung der Harnblase abknicken und der Rückfluss damit verhindert wird. Außerdem werden die Ureter durch die Kontraktion der glatten Muskulatur in der Blasenwand beim Harnlassen zusammengedrückt. Dies wirkt ebenso dem Rückfließen des Urins entgegen.

Das Trigonum vesicae ist die dreieckige Fläche, die von Eingängen der beiden Harnleiter und vom Ausgang der Harnröhre gebildet wird.

Die Harnblase besitzt an ihrem Ausgang zwei Schließmuskeln (Sphinkter), einen inneren und einen äußeren. Der Innere besteht aus glatter Muskulatur und unterliegt der Kontrolle des vegetativen Nervensystems, was bedeutet, dass er nicht willentlich gesteuert werden kann. Der äußere Schließmuskel, der auch Musculus urethralis heißt, ist ein ringförmiger Skelettmuskel, der bewusst gesteuert werden kann.

Neben der Einbettung der Harnröhre in den Beckenboden wird die Harnblase über drei Bauchfellfalten (sog. Serosa-Duplikaturen) befestigt. Von der Seitenwand der Harnblase zieht beidseits ein seitliches Harnblasenband (Ligamentum vesicae laterale), von der Bauchseite das mittlere Harnblasenband (Ligamentum vesicae medianum) zur Innenwand der Bauchhöhle. Das mediane (mittlere) Band ist ein Überbleibsel des Urachus. In den seitlichen Harnblasenbändern verläuft jeweils ein rundlicher Strang, das runde Harnblasenband (Ligamentum teres vesicae), welches den Überrest der verschlossenen Nabelarterie (Arteria umbilicalis) darstellt. Alle drei Bänder laufen nach dem Verlassen des kleinen Beckens als Teil des Peritoneum parietale anterior zum Bauchnabel.

Blutversorgung

Die Blutversorgung der Harnblase erfolgt durch die Arteriae vesicales superiores (obere Blasenarterien, bei Tieren ist dies die vordere Blasenarterie Arteria vesicalis cranialis), einer Fortführung der Nabelarterie (Arteria umbilicalis), welche selber aus der A. iliaca interna entspringt. Weiterhin wird sie durch die Arteria vesicalis inferior (untere Blasenarterie, bei Tieren ist dies die hintere Blasenarterie Arteria vesicalis caudalis), einen Ast der Arteria iliaca interna versorgt. Bei Frauen gelangt auch Blut von der Arteria vaginalis (Scheidenarterie), einem Ast der Arteria uterina (Uterusarterie) zur Harnblase.

Der Blutabfluss erfolgt durch den Plexus venosus vesicalis (Blasenvenengeflecht) und bei Männern auch durch den Plexus venosus prostaticus (Venengeflecht der Prostata), die in die Vena iliaca interna münden.

Innervation

Die funktionelle Innervation der Harnblase erfolgt durch das vegetative Nervensystem. Dieses unterliegt nicht der bewussten Kontrolle und wird deshalb auch autonomes Nervensystem genannt. Man unterscheidet zwei Anteile: den Sympathikus, der in Stress-, Angriffs- und Fluchtsituationen aktiv wird, und den Parasympathikus, der in Ruhesituationen aktiv wird und der Regeneration und dem Aufbau körpereigener Reserven dient.

Die sympathische Innervation erfolgt durch Nerven von den Plexus vesicalis et prostaticus, die mit dem Nervus hypogastricus in Verbindung stehen. Sie entspannen den Detrusormuskel und kontrahieren den inneren Schließmuskel. Dies verhindert das unwillkürliche Harnlassen.

Die parasympathische Innervation erfolgt durch Nerven, die im sakralen Teil des Rückenmarks (S2–S4) ihren Ursprung nehmen. Sie verursachen die Kontraktion des Detrusormuskels (s. u.) und die Entspannung des inneren Schließmuskels und leiten somit das Harnlassen (Miktion) ein.

Die Innervation des Musculus urethralis erfolgt durch die Nervi perineales (Dammnerven), Äste des Nervus pudendus (Schamnerv).

Feinbau

Die Innenwand der Harnblase ist mit Urothel ausgekleidet. Dieses besteht aus vier bis sechs Schichten von Zellen, die ihre Form je nach Füllungszustand der Harnblase verändern können. Die innerste Schicht besteht aus großen sogenannten Deckzellen (auch Superfizialzellen von lat. superficialis, oberflächlich), die die unter ihnen liegenden Schichten schirmartig bedecken. Bei leerer Blase sind sie schirmförmig, bei gefüllter Blase flachen sie sich ab. Sie besitzen polyploide (über mehr als zwei Chromosomensätze verfügende) Zellkerne, es gibt auch Zellen mit zwei Kernen.

Auf der dem Inneren der Harnblase zugewandten (apikalen) Seite verdichtet sich das Zytoplasma der Deckzellen. Diese Verdichtung ist die Crusta (Kruste), die aus einem dichten Netz aus Intermediär- und Aktinfilamenten besteht. Direkt darunter schließt sich die Intermediärschicht (Übergangsschicht) an. Die Zellen dieser Schicht sind irregulär geformt und besitzen weite Interzellulärspalten. Unter dieser Schicht liegen die basalen Zellen. Diese innerste Schicht wird auch Mucosa genannt.

Die Lamina propria, die sich außen direkt an die Mucosa anschließt, enthält sowohl lockeres als auch straffes Bindegewebe mit kollagenen und elastischen Fasern.

An die Lamina propria schließt sich die Tunica muscularis oder Muskelschicht an. Sie besteht aus glatter Muskulatur, Musculus detrusor vesicae (oder kurz Detrusor, Austreiber), die sich in alle Richtungen erstreckt. Nur am Blasenhals sind drei Schichten erkennbar: eine innere Schicht, in der die glatten Muskeln längs verlaufen, eine mittlere Schicht, in der sie quer verlaufen, und eine äußere Schicht, in der sie wiederum längs verlaufen. Die Fasern der inneren Schicht beginnen hinter dem Blasenhals quer um die Harnröhre herumzulaufen. Dort bilden sie den inneren, nicht willentlich steuerbaren Schließmuskel der Harnblase.

Außen wird die Harnblase von der Adventitia bedeckt, einer Deckschicht aus lockerem Bindegewebe, außer an ihrer Oberseite, wo sie vom Peritoneum (Bauchfell) bedeckt wird.

Physiologie

Der Urin wird in den Nieren produziert, dort in den Nierenbecken gesammelt und dann durch die Harnleiter in die Harnblase entleert. Deren Wand wird durch die zunehmende Füllung gedehnt, was durch Dehnungssensoren wahrgenommen wird. Dies löst in parasympathischen Zentren des sakralen Rückenmarks einen Reflex, den sogenannten Miktionsreflex, aus, der die Kontraktion des Musculus detrusor in der Blasenwand und eine Entspannung des inneren Schließmuskels auslöst.

Die hierzu gehörenden Reflexbahnen verlaufen im Nervus pelvinus. Erst wenn dann die bewusste Entspannung des äußeren Schließmuskels erfolgt, beginnt das Harnlassen. Diese bewusste Kontrolle des äußeren Schließmuskels kann jedoch bei sehr starker Füllung der Blase durch vom Nervus pudendus stammende hemmende Impulse außer Kraft gesetzt werden.

Das Harnlassen wird durch autonome Reflexe im sakralen Rückenmark kontrolliert, auf die höhere Bereiche des Zentralnervensystems Einfluss nehmen, indem sie entweder hemmen oder stimulieren. Im Hirnstamm, genauer in der Pons (Brücke) finden sich Zentren, die hemmend und stimulierend auf den Miktionsreflex wirken (pontines Miktionszentrum, Teil der Formatio reticularis). Weiterhin finden sich auch in der Großhirnrinde Zentren, die hauptsächlich hemmend wirken, aber unter gewissen Umständen stimulierend eingreifen können.

Der Miktionsreflex ist zwar die Hauptursache des Harnlassens, trotzdem obliegt die finale Kontrolle diesen höheren Zentren. Sie hemmen den Reflex, außer wenn das Harnlassen bewusst angestrebt wird, sie können das Harnlassen durch Kontraktion des äußeren Schließmuskels verzögern und sie können das Harnlassen einleiten, indem sie die sakralen Zentren stimulieren.

Willkürliches Harnlassen beginnt, indem die Bauchmuskeln angespannt werden. Dies drückt die Blase zusammen und erhöht den Druck. Dies presst Harn in den Blasenhals und die Harnröhre, was deren Dehnungssensoren erregt, und damit den Miktionsreflex auslöst. Außerdem erfolgt eine Hemmung des äußeren Schließmuskels. Nach ungestörtem, nicht vorzeitig abgebrochenem Harnlassen verbleiben normalerweise nicht mehr als fünf bis zehn Milliliter Harn in der Blase.

Die erste Wahrnehmung der Harnansammlung in der Blase tritt beim Menschen bei etwa 80 ml auf. Bei ca. 300 bis 500 ml wird das Bedürfnis verspürt, die Blase zu entleeren.

Untersuchungsmethoden

Die Harnblase ist bildgebend mittels Sonografie, Röntgen und endoskopisch darstellbar.

Die Röntgendarstellung der Harnblase heißt Zystographie. Da Weichteile auf Röntgenbildern prinzipiell kaum erkennbar sind, wird beispielsweise zur Füllung triiodiertes Kontrastmittel verwendet. Diese Technik macht Blasendivertikel, Tumore und nicht röntgenkontrastgebende Fremdkörper sichtbar.

Bei einer Zystoskopie (Harnröhren- und Blasenspiegelung) wird mit Hilfe eines Endoskops die Harnblase (bei Männern auch die Harnröhre) betrachtet und auf Tumore und andere Erkrankungen untersucht.

Soll Harn zur Untersuchung gewonnen, wegen einer Harninkontinenz oder aus anderen Gründen abgeleitet werden, so kann ein Blasenkatheter gelegt werden. Dies ist ein Kunststoffschlauch, der entweder über die Harnröhre (transurethral) oder die Bauchdecke (suprapubische Blasenfistel oder Bauchdeckenkatheter) in die Harnblase eingebracht wird. Manchmal wird auch die Punktion der Harnblase mit einer Kanüle, zumeist unter Ultraschallkontrolle, zur Gewinnung sterilen Urins zur Untersuchung durchgeführt.

Die Funktion der Harnblase wird mittels einer Urodynamik untersucht. Bei dieser Untersuchung wird ermittelt, wie sich die Blase mit ihrem Schließmuskel bei Füllung und Entleerung verhält. Hierzu wird ein Katheter in die Harnblase gelegt, durch den einerseits die Blase mit körperwarmer Flüssigkeit gefüllt, andererseits der Druck innerhalb der Blase gemessen wird. Ein weiterer Drucksensor im After, sowie Elektroden zur Muskelaktivitätsmessung am Damm werden ebenfalls benötigt. Wenn möglich, wird auch noch der Harnstrahl mit einem Uroflow gemessen.

Bei Hunden und Katzen lässt sich die Harnblase durch die Bauchwand ertasten, da sie bereits bei mäßiger Füllung vor dem Becken liegt.

Erkrankungen

Eine der häufigsten Erkrankungen der Blase ist die Blasenentzündung (Cystitis), bei der es zu einer über die Harnröhre aufsteigenden Infektion kommt, die weiter bis zu den Nieren aufsteigen kann. Diese Erkrankung kommt bei Frauen aufgrund der kürzeren Harnröhre häufiger vor.

Ist der Schließmechanismus, an dem z. B. auch die Beckenbodenmuskulatur beteiligt ist, gestört, kommt es zu unwillkürlichem Harnabgang (Harninkontinenz). Bei Hündinnen kann eine Blasenhalsschwäche und damit Inkontinenz nach einer Kastration auftreten.

Krebserkrankungen der Blase gehören mit einer Inzidenz von 25950 pro Jahr (2006) in Deutschland zu den häufigen Krebsarten. In 95 % der Fälle handelt es sich um einen Tumor der Blasenschleimhaut, ein sogenanntes Urothelkarzinom. Der Blasenkrebs ist durch eine hohe Rezidivrate (erneutes Auftreten) und eine eher niedrige Progressionsrate (Fortschreiten) ausgezeichnet.

Die Balkenblase ist eine balkenartige Verdickung der Muskulatur (sogenannte Hypertrophie). Sie führt zu einer unregelmäßigen Innenkontur und letztendlich zu einer verminderten Kontraktionsfähigkeit der Blase. Dies läuft zumeist unbemerkt ab, da keine Schmerzen und nur eine geringfügige Beeinträchtigung des Harnlassens auftreten. Erst durch weitere Beschwerden, wie Restharnbildung, vermehrte Harnwegsinfekte oder einen Nierenaufstau äußert sich das Problem und wird behandlungsbedürftig.

Eine Reizblase ist ein ständiger Reizzustand der Blase. Sie wird zum Beispiel durch Unterkühlung verursacht und äußert sich durch ständigen Harndrang bei nur geringen Harnmengen.

Blasenhalsobstruktion ist eine Verstopfung des Blasenhalses, die zum erschwerten Harnlassen führt. Als Blasenhalsstenose wird die Unfähigkeit des unwillkürlichen (inneren) Schließmuskels bezeichnet, zu erschlaffen. Ist dies angeboren, spricht man von der Marion-Krankheit.

Wird das Rückenmark oberhalb des zwölften Brustsegments (Th12) durchtrennt, zum Beispiel bei einer Querschnittlähmung, kommt es zur sogenannten Reflexblase. Da die willkürliche Kontrolle des äußeren Schließmuskels entfällt, findet die Regulation des Harnlassens nur noch unwillkürlich, in den zweiten bis vierten Kreuzsegmenten (S2 bis S4) Abschnitten des Rückenmarks statt, die unterhalb der Verletzung liegen. Wenn sich die Blase füllt und die Blasenwand gedehnt wird, kommt es zur reflektorischen Entspannung des inneren Schließmuskels und zur teilweisen Blasenentleerung.

Harninkontinenz ist die Unfähigkeit zur willkürlichen Kontrolle des Harnlassens. Dies kann psychologische (z. B. Stress) oder physiologische Ursachen (z. B. nach einer Querschnittlähmung) haben. Bei der Harninkontinenz ist die Kontrolle über den äußeren Schließmuskel und die Hemmung der parasympathischen Innervation kurzzeitig oder ständig ausgefallen.

Bei einer Blasenruptur (auch Harnblasenriss) kommt es durch Gewalteinfluss von außen zu einer traumatischen Zerreißung der Harnblase. Dabei wird zwischen der intraperitonealen Blasenruptur, die bei Gewalteinwirkung auf den Unterbauch bei gleichzeitig stark gefüllter Blase erfolgt, und der extraperitonealen Blasenruptur, die häufig in Folge eines Beckenbruchs auftritt, unterschieden. Als Symptome treten starker Harndrang bei gleichzeitiger Unfähigkeit zur Miktion auf.

Am 4. April 2006 gaben Forscher der Wake Forest University School of Medicine in North Carolina, USA um Professor Anthony Atala bekannt, es sei ihnen gelungen, im Labor gezüchtete Harnblasen in Menschen zu transplantieren. Dies ist das erste Mal, dass es gelungen ist, Organe komplett im Labor zu züchten. Da diese Transplantate aus Zellen der Patienten gezüchtet wurden, besteht keine Gefahr von Abstoßungsreaktionen.

Bei Säugetieren (v. a. Haushund, Hauskatze, Hausmeerschweinchen, Hauskaninchen) bilden sich in der Harnblase häufig Harnsteine („Blasensteine“) oder kleinere Kristallanhäufungen („Blasengries“), die bei einem hohen Gehalt schwer löslicher Verbindungen und Verschiebungen des pH-Werts (Fütterungsfehler) sowie um Entzündungszellen entstehen können. Beim Menschen sind Blasensteine selten.

Bei Hauskatzen ist eine idiopathische Entzündung der Harnblase häufig, die als Feline Lower Urinary Tract Disease (FLUTD) bezeichnet wird.


Der Beitrag "Aufbau und Funktion der Harnblase" auf www.navigator-medizin.de basiert auf dem Artikel Harnblase aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.

Anzeigen