Kann durch Hämorrhoiden auch ungewollt Stuhl entweichen?

Ja. Das kommt sogar gar nicht so selten vor, allerdings eher bei schon recht großen und fortgeschrittenen Hämorrhoiden. Rund 20% aller Menschen mit Hämorrhoiden haben zeitweise unter unangenehmen Stuhlspuren in der Unterwäsche zu leiden.

Defekte Dichtung

Wenn Stuhl ungewollt entweicht, sprechen Mediziner von Stuhlinkontinenz. Das, worum es hier geht, ist aber keine "richtige" bzw. keine ausgeprägte Stuhlinkontinenz. Denn grundsätzlich kann der Stuhl sehr wohl noch gehalten werden, die Afterschließmuskeln sind also intakt.

Aber die großen Hämorrhoidenknoten ragen oft in die Afterspalte hinein und verhindern eine komplette "Abdichtung". Außerdem geben sie, wenn sie entzündet sind, teilweise auch Sekret ab. Diese Flüssigkeit reißt dann auch mitunter Stuhl mit "in die Tiefe", der ungewollt den After passiert.

Hämorrhoiden sind für die Feinkontinenz zuständig

Das sogenannte Kontinenzorgan ist ein hoch komplexes, äußerst effektives Gebilde. Mehrere Strukturen sind daran beteiligt, dass wir steuern können, wann wir uns erleichtern und uns kein unangenehmes Malheur unterläuft.

Schließmuskeln (Sphinkeren) legen sich um den Analkanal herum und sorgen für die Grobabdichtung. Damit aber auch kein Lüftchen ungewollt entweicht, ist ein Feintuning nötig. Dazu dient ein Schwellkörper in der Schleimhaut des Enddarms, der von verschiedenen Arterien mit Blut gefüllt wird und sich wie ein pralles Polster vor die Schließmuskeln legt.

Dieser Schwellkörper wird auch Corpus cavernosum recti oder Plexus hämorrhoidalis genannt. Es handelt sich also schlicht und ergreifend um Hämorrhoiden, die (zum Glück) jeder Mensch hat und nicht missen möchte. Erst wenn diese Gefäßpolster krankhaft verändert sind, spricht man von einem Hämorrhoidalleiden, das unter Umständen behandelt werden muss.

Abgang von Luft, Schleim und Sekreten

Wenn die Abdichtung nicht mehr optimal funktioniert, haben sich die Hämorrhoidalknoten meist schon nach unten verschoben oder ragen sogar aus dem After hervor. Mediziner sprechen dann von prolabierten (vorgefallenen) Hämorrhoiden. Dadurch wird zunächst die Feinkontinenz beeinträchtigt. "Winde" können entweichen, mitunter auch Schleim und Sekrete. Wenn kleine Stuhlreste nicht mehr gehalten werden können, ist das Hämorrhoidalleiden schon weiter fortgeschritten und sollte spätestens jetzt umgehend behandelt werden.

Damit verbunden ist eine gute Nachricht: Sobald die Hämorrhoiden behandelt und zurückgegangen sind, verschwinden auch die Stuhlspur-Probleme meist wieder. Und andersherum gilt: Wer häufiger Kotspuren in der Unterwäsche entdeckt, sollte mit dem Arztbesuch nicht länger warten. In diesem Stadium ist nicht davon auszugehen, dass sich die Erkrankung von alleine wieder zurückbildet. Und langfristig möchte sich wohl niemand mit diesen lästigen und unangenehmen Beschwerden abfinden.

Andere Ursachen der Stuhlinkontinenz

Übrigens: Ausgeprägte Formen von Stuhlinkontinenz, bei denen geformter Stuhl ungewollt abgeht, haben eher andere Ursachen. Dahinter kann z.B. eine Schädigung des Schließmuskels stecken, etwa durch Operationen oder infolge eines Geburtstraumas (Dammriss).

Bei älteren Menschen ist auch die Beckenbodeninsuffizienz, also eine Schwächung der Beckenbodenmuskulatur, eine häufige Ursache von Stuhlinkontinenz. Im Laufe des Lebens erschlafft das Gewebe und wird weniger elastisch. Der Beckenboden, der den Bauchraum nach unten abschließt und die Last der inneren Organe trägt, ist davon häufig betroffen.

Aber auch eine gestörte Darmtätigkeit oder Nervenschädigungen können zu Stuhlinkontinenz führen. So kann die Abdichtung des Darms oder auch der Blase nach einem Schlafanfall, Bandscheibenvorfall oder bei Erkrankungen wie der Multiplen Sklerose beeinträchtigt sein.

Autoren: Dr. med. Jörg Zorn, Eva Bauer (Ärztin)

Haben Sie eigene Erfahrungen oder eine andere Meinung? Dann schreiben Sie doch einen Kommentar (bitte Regeln beachten).
Anzeigen