Stimmt es, dass Hämorrhoiden auch unbeabsichtigte "Winde" verursachen können?

Ja, mitunter. Das kann passieren, wenn in fortgeschrittenen Stadien der Hämorrhoiden der Schließmuskelapparat des Afters in Mitleidenschaft gezogen ist (häufig deshalb, weil wegen des Fremdkörpergefühls zuvor über Jahre zu stark "gepresst" wurde).

Dann muss man – um es auf deutsch zu sagen – furzen, ohne dies bremsen zu können. Bei stärkerem Druck auf den Bauchraum, zum Beispiel beim Husten, Niesen oder auch beim Anheben von Lasten, entweichen dann die "Winde".

Alles dicht?

Um das genauer nachvollziehen zu können, lohnt sich ein kleiner Ausflug in die faszinierende Anatomie unseres sogenannten Kontinenzorgans, das tagein, tagaus dafür sorgt, dass wir uns nur dann erleichtern, wenn wir es wollen, ein ruhiges Örtchen gefunden haben und den Prozess gezielt anstoßen.

An der Abdichtung des Analkanals sind zahlreiche Strukturen beteiligt. Da sind zunächst einmal stramme Muskeln. Sie bilden einen äußeren und einen inneren Sphinkter (Schließmuskel) um den Analkanal herum. Während der äußere sich willkürlich steuern lässt, entzieht sich der innere Sphinkter unserer bewussten Kontrolle. Er wird vielmehr von komplexen Nervenbahnen und -impulsen gesteuert.

Und schließlich spielen auch die Schleimhaut des Analkanals sowie Gefäßpolster eine wichtige Rolle, um die Kontinenz zu perfektionieren.

Hämorrhoiden für die Feinkontinenz

Das Gefäßkonglomerat, das für die Feinabdichtung verantwortlich ist, wird auch als Corpus cavernosum recti bzw. Plexus hämorrhoidalis bezeichnet. Hier steckt schon das Wort Hämorrhoiden drin. Sie sind ein völlig natürlicher und wichtiger Bestandteil des Kontinenzorgans. Ihre Aufgabe besteht darin, die Öffnung wirklich luft- und winddicht abzuschließen. Denn die Muskeln alleine lassen noch immer einen kleinen Spalt frei, durch den Stuhlreste, Sekrete und vor allem flüchtige Winde ungehindert entweichen können.

Damit wir nicht in Verlegenheit kommen, hat uns die Natur mit einem hoch effektiven Dichtungssystem ausgestattet. Das Corpus cavernosum recti wird von mehreren Arterien gespeist, die darin münden. Der Abfluss über die Venen wird vom angespannten inneren Schließmuskel gedrosselt, solange der Darm arbeitet und den Stuhl zur Ausscheidung vorbereitet. So bleibt das Gefäßknäuel schön prall gefüllt und schmiegt sich wie ein Polster um den Analkanal. Hier kommt so schnell nichts durch.

Beim Stuhlgang entleert sich das Hämorrhoidalpolster

Wenn der Stuhl im Enddarm angekommen ist und sich das Rektum füllt, melden Dehnungssensoren dem Körper, dass es Zeit wird für die Entleerung. Wir verspüren langsam den Drang, die Toilette aufzusuchen. Beim Stuhlgang entspannt sich u.a. der innere Spinkter und gibt damit auch den venösen Abfluss aus dem Hämorrhoidalpolster frei. Es erschlafft und lässt den Stuhl passieren.

Unser Exkurs hat vielleicht deutlich gemacht, wie komplex die Mechanismen für Kontinenz und Stuhlgang sind und wie genau die einzelnen Strukturen aufeinander abgestimmt sind. Wird der Prozess an einer Stelle gestört, funktioniert das ganze System nicht mehr optimal.

Stuhlinkontinenz ist selten

Wenn das Gewebe um die Hämorrhoiden herum an Spannung verliert und sich lockert, verrutscht das Gefäßpolster immer weiter nach unten und kann seine wichtige Funktion nicht mehr erfüllen. Ist die Feinkontinenz erst einmal gestört, können ungehindert Winde entweichen, ohne dass wir es verhindern können.

Schreitet die Erkrankung weiter fort, können auch Schleim oder kleine Stuhlreste abgehen. Eine solche "Stuhl-Inkontinenz" ist jedoch selten und kommt praktisch nur bei sehr fortgeschrittenen und nicht behandelten Hämorrhoiden vor.

Autoren: Dr. med. Jörg Zorn, Eva Bauer (Ärztin)

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