Ohrenschmerzen: immer gleich Antibiotika?

Die akute Mittelohrentzündung ist der häufigste Grund, warum Ärzte Kindern Antibiotika verordnen. Dabei heilt die Infektion häufig von selbst aus.

Heulende Kinder, die über heftige Ohrenschmerzen klagen – nur wenige Eltern bleiben von diesem Problem verschont: Bis zum dritten Lebensmonat hat manches Baby schon mal eine Mittelohr-Infektion gehabt, bei den Einjährigen sind es bereits 30 Prozent. Am Ende des dritten Lebensjahres kennt bereits fast jeder Zweite die Schmerzen im Ohr, mit neun Jahren etwa 75 Prozent. Die Zahlen zeigen, dass die akute Mittelohrentzündung, in der Fachsprache Otitis media, zu den häufigsten Erkrankungen bei Kindern gehört.

Die Infektion holen sich die Kleinen beispielsweise beim Spielen im Kindergarten, in Tagesstätten oder in der Schule – überall da, wo sie mit den Bakterien und Viren anderer Kinder in Kontakt kommen. Anfällig sind zudem Kinder, die Passivrauch ausgesetzt sind.

Typisch für die akute eitrige Mittelohrentzündung sind heftige Ohrenschmerzen, die relativ rasch einsetzen. Mittels Mikroskop kann der Arzt eine Rötung im Ohr erkennen. Im nächsten Stadium bildet sich im Mittelohr Flüssigkeit. Dadurch verdickt sich das Trommelfell und wölbt sich nach vorne. In dieser Phase kann es auch zu Fieber kommen. Bei fast jedem dritten betroffenen Kind bekommt das Trommelfell kleine Risse, aus denen sich eine eitrige, möglicherweise auch blutige Flüssigkeit entleert.

Bei Beschwerden gleich zum Arzt

Eine akute Otitis ist immer ein Anlass, gleich einen Arzt aufzusuchen. Aber es ist nicht unbedingt ein Grund, mit Antibiotika zu behandeln. „Bei etwa 60 Prozent der Kinder bessern sich die Beschwerden nach einem Tag wieder von selbst“, sagt HNO--Professor Jan Maurer aus Koblenz. Studien zufolge seien Kinder mit einer Antibiotika-Behandlung zwar geringfügig kürzer krank und bräuchten etwas weniger Schmerzmittel, die abwartende Strategie habe aber mehrere Vorteile. Zum einen lässt sich damit vermeiden, dass sich immer mehr Resistenzen gegen Antibiotika entwickeln und diese im Ernstfall  dann unwirksam werden. Zum anderen kommt es nicht zu möglichen Nebenwirkungen wie Durchfall, Erbrechen oder allergischen Reaktionen an der Haut.

Erst wenn die Beschwerden länger als zwei Tagen anhalten oder stärker werden, ist laut Maurer eine Therapie mit Antibiotika angebracht, um Komplikationen und Folgekrankheiten zu vermeiden. Eine Ausnahme bilden Kinder im Alter unter zwei Jahren, wenn beide Ohren betroffen sind, wenn das Ohr eitert, bei Fieber über 39° Celsius oder wenn sich das Kind sehr schlecht fühlt. In diesen Fällen rät HNO-Arzt Maurer dringend zum erneuten Arztbesuch.

Zur Selbsthilfe empfiehlt Kinderärztin Dr. med. Angela Galler von der Charité in Berlin Ibuprofen oder Paracetamol gegen die Schmerzen und abschwellende Nasentropfen.

Freier Eintritt für Bakterien und Viren

Früher gingen die Ärzte davon aus, dass eine Verengung der Verbindung zwischen Nasenrachen und Mittelohr – die Tube – Ursache der Infektion sei. Denn durch die Engstelle seien die Belüftung und der Schutz des Mittelohrs nicht mehr gewährleistet. Außerdem könne Schleim, der sich gebildet hat, nicht abfließen. Neuere Untersuchungen haben im Gegenteil dazu nachgewiesen, dass eher eine zu weite Tube die Infektion begünstigt. Denn unter diesen Umständen haben Bakterien leichteres Spiel in das Mittelohr zu gelangen und dort eine Infektion zu verursachen. Der Engpass im Verbindungskanal wäre dann eher die Folge einer Infektion als deren Ursache.

Autorin: Cornelia Weber
Patienten Journal Reise & Gesundheit 4/2013

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