Depression nach der Geburt: Hellblau statt dunkelgrau

Etwa jede sechste frischgebackene Mutter stĂĽrzt nach der Geburt in ein  dunkles Loch. Diese Frauen brauchen dringend professionelle Hilfe, sagt Psychiaterin Dr. Susanne Simen. Denn eine Depression ist gut behandelbar.

Alles war bis ins Detail geplant: Die ideale Geburtsklinik war gefunden. Ganz natürlich sollte das Kind auf die Welt kommen, ein Kaiserschnitt kam nicht in Frage. Das Kinderzimmer war liebevoll eingerichtet, der Kitaplatz so gut wie sicher. Sabine P. und ihr Lebensgefährte Frank* freuten sich aufrichtig auf ihr Wunschkind.

Dann kam alles anders: Da das Kind in der Gebärmutter quer lag, mussten es die Ärzte per Kaiserschnitt holen. Statt friedlich in seinem Bettchen unter der hellblauen Decke zu schlummern, entpuppte sich der Kleine als Schreikind. Schlafen war nur in Mammas Arm möglich … Nichts lief so, wie es sich Sabine während ihrer Schwangerschaft ausgemalt hatte.

Die 34-Jährige  wurde zunehmend depressiv und gereizt. Zu nichts wollte sie sich aufraffen, alles wurde ihr zuviel. Was aber das Schlimmste fĂĽr sie war: Anstatt in ihrem MutterglĂĽck aufzugehen, wurde ihr das eigene Kind immer fremder.

Hormonsturz drĂĽckt auf die Stimmung

Sabine ist eine von vielen Patientinnen in der Ambulanz von Dr. Susanne Simen. „Etwa 15 Prozent der Frauen entwickeln nach der Entbindung eine Depression“, sagt die Psychiaterin, die am Klinikum Nürnberg unter anderem die Mutter-Kind-Station leitet.

Dass die Tage nach der Entbindung für Frauen stimmungsmäßig schwierig sind, ist normal. Ursache dafür sind die extremen Veränderungen im Hormonhaushalt in dieser Lebensphase. Während der Schwangerschaft steigt der Spiegel des weiblichen Hormons Östradiol auf das 200-Fache des Normalwerts an. Nach der Entbindung sinkt er dann innerhalb weniger Tage auf den Ausgangswert – bei stillenden Frauen liegt er dann sogar darunter. „Das ist der Grund, der bei etwa 40 bis 50 Prozent der Frauen kurz nach der Geburt extreme Stimmungsschwankungen auslöst – das, was wir Babyblues nennen“, sagt die Nürnberger Expertin.

Auch Positives kann depressiv machen

Dieses Stimmungstief vergeht in der Regel nach kurzer Zeit von selbst. Nicht so die postpartale Depression – also eine psychische Erkrankung, die eine Frau nach der Entbindung eines Kindes erleiden kann.

Neben hormonellen Schwankungen, die auch für den Babyblues verantwortlich sind, spielen bei der postpartalen Depression mehrere Faktoren eine Rolle. Häufig besteht eine genetisch bedingte Empfindlichkeit, die für Depressionen empfänglich macht – oft haben betroffene Frauen bereits vor der Schwangerschaft einmal eine depressive Phase durchgemacht.

Denn zu den typischen Auslösern einer Depression gehören einschneidende Veränderungen im Leben. Das können traurige Erlebnisse wie der Verlust des Arbeitsplatzes oder eines nahestehenden Menschen sein. Es können aber auch an sich freudige Ereignisse, etwa eine gewünschte Schwangerschaft, entsprechend veranlagte Menschen in eine Depression stürzen. Dazu kommen die ungewohnten Belastungen, die das neue Familienmitglied mit sich bringt. „Das erfordert eine große Anpassungsleistung an eine komplett andere Lebenssituation“, sagt Simen. Oder es sind, wie bei Sabine, zu exakte Vorstellungen vom neuen Leben mit Kind, das dann in der Realität zuweilen einen ganz anderen, ungeplanten Lauf nimmt. „Überlassen Sie mehr dem Zufall“, rät die Psychiaterin deshalb den Frauen bereits in der Schwangerschaft.

Therapie der Mutter hilft auch dem Kind

Schließlich war es Frank, der für Sabine einen dringenden Termin beim Psychiater vereinbarte. Sabines Gereiztheit wurde ihm langsam unerträglich. Außerdem machte er sich Sorgen um seinen kleinen Sohn. Eine gute Entscheidung: „Depressionen in der Schwangerschaft sind gut behandelbar“, sagt Susanne Simen. Unbehandelt bestehe dagegen die Gefahr, dass die Krankheit chronisch wird. Und das könne sich auch negativ auf die Entwicklung des Kindes auswirken. „Wird die Krankheit der Mutter behandelt, hat das Kind gute Chancen, deren Depression ohne negative Folgen zu überstehen.“

Autorin: Cornelia Weber
Patienten Journal Reise & Gesundheit 6/2013

*Namen des Paares geändert

Nachgefragt bei Psychiaterin Oberärztin Dr. Susanne Simen, Klinikum Nürnberg

„Kein Grund, sich zu schämen“

Frau Dr. Simen, ist die postpartale Depression ein Phänomen der modernen, berufstätigen Frau?

Simen: Ich würde das komplexer sehen. Frauen vor 50 Jahren waren auch „berufstätig“, und zwar als Familienmanagerinnen. Aber heute ist die Situation vermutlich schwieriger. Die Großfamilie liefert zwar auch Zündstoff. Früher waren die Menschen aber in einem größeren familiären Netzwerk eingebunden. Sie hatten viele Geschwister und konnten auf diese Weise lernen, wie man ein Kind versorgt. Heute ist Familie für Eltern oft absolutes Neuland. Viele Mütter sitzen ganz allein mit ihrem Säugling zuhause. Besonders belastend ist so eine Situation beispielsweise für sehr junge Mütter, die eigentlich das Bedürfnis haben, eine eigene Autonomie zu entwickeln und plötzlich an ein Kind gebunden sind. Davon abgesehen kann es aber jede Frau treffen.

Wie behandeln Sie Ihre Patientinnen?

Es kommt auf den Schweregrad der Depression an. Zum einen besteht die Möglichkeit, antidepressiv zu behandeln. Östradiol beispielsweise greift im Gehirn an Bereichen an, die für die Regulation der Stimmung zuständig sind. Dann gibt es Antidepressiva, die zu weniger als einem Prozent in die Muttermilch übergehen, sodass die Frauen trotz Therapie weiter stillen können. Wenn sich während der Schwangerschaft bereits die Tendenz zu einer Depression abzeichnet, lohnt sich der Versuch mit einer Lichttherapie mit 10.000 Lux weißem Licht. Bei starker Überlastung kann der Arzt eine Haushalts-hilfe verordnen, deren Kosten die Krankenkassen übernehmen. Zudem gibt es spezielle Mutter-Kind-Stationen.

Warum nehmen trotz groĂźen Leidensdrucks nicht alle betroffenen Frauen Hilfe in Anspruch?

Psychische Erkrankungen unterliegen immer noch einem Stigma. Für Frauen nach der Geburt trifft das in besonderem Maß zu. Eine Mutter hat nun mal glücklich zu sein. Sie schämen sich, weil sie sich für eine „Rabenmutter“ halten. Bei einer postpartalen Depression besteht aber dringender Behandlungsbedarf. Deshalb sollten der Partner, Angehörige oder Freunde die betroffene Frau behutsam auf die Erkrankung ansprechen und nötigenfalls Hilfe beim Arzt, der Hebamme oder bei Erziehungsberatungsstellen organisieren.

Interview: Cornelia Weber
Patienten Journal Reise & Gesundheit 6/2013

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