Spracherwerb

Der Spracherwerb oder die Sprachbildung ist ein Forschungsgegenstand sowohl der Angewandten Linguistik, bzw. der Psycholinguistik im Speziellen, als auch der Linguistik im Allgemeinen, der Entwicklungspsychologie, der Didaktik sowie diverser anderer wissenschaftlicher Disziplinen.

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Spracherwerb kontrastiert mit dem Sprachenlernen wie folgt: Erwerb meint stets unbewusste und implizite Vorgänge in natürlicher Umgebung. Erwerb findet also durch alltägliche soziale Kontakte statt, etwa „beim Einkaufen“ oder „auf der Straße“. Beispiel: Immigranten, die die Sprache im Zielland erwerben.

Sprachenlernen hingegen erfolgt bewusst, ist explizit und wird gesteuert, findet also mit Lehrern innerhalb von Institutionen wie der Schule statt.

Formen

Man unterscheidet im Wesentlichen drei Formen des Spracherwerbs:

  • als Erstsprache (L1) beim Kind
  • Als Zweitsprache (L2) im „natürlichen“ Kontext
  • Als Fremdsprache im Klassenzimmer

Die Kernfrage der wissenschaftlichen Behandlung des Themas lautet: „sind diese drei Formen gleich, ähnlich oder aber völlig verschieden?“ Um Antworten auf diese Frage zu finden, wird der Spracherwerb hinsichtlich der unterschiedlichen Erwerbsprozesse, der Sprachentwicklung und der erreichbaren Kompetenzgrade untersucht. Der Spracherwerb wird von äußeren und inneren Faktoren beeinflusst.

Äußere Faktoren sind:

  • Die für den Erwerb aufgewendete Zeit
  • Qualität und Quantität des Inputs
  • Das soziale Umfeld, innerhalb dessen der Erwerb stattfindet
  • Die Reaktionen der Kommunikationspartner

Zu den inneren Faktoren zählen:

  • Das Alter
  • Eventuell vorhandenes Vorwissen
  • Der Zweck des Spracherwerbs bzw. die individuelle Orientierung („Wozu“ wird die Sprache erworben?)
  • Die Einstellung des Lernenden im Bezug auf die Sprache (wie schätzt der Lerner das Sprachprestige der Zielsprache ein / möchte der Lernende die Sprache lernen oder nicht / etc.)

L1-Erwerb bei Kindern

Der L1-Erwerb bei Kindern ist besonders bemerkenswert, weil Kinder auch Sprachregeln erwerben, für die es in ihrem Alltag keine Evidenz gibt, die also im alltäglichen Sprachgebrauch, mit dem sie konfrontiert werden, kaum vorkommen. Von allen Regeln der Muttersprache wird nur eine begrenzte Anzahl ausprobiert. Abweichungen von den Normen der Muttersprache sind dabei systematisch. Auch wenn Kinder von ihren Eltern sprachlich nicht korrigiert werden, erwerben sie die Muttersprache vollständig. Bei allen nachfolgenden Sprachen jedoch muss ein Lehrer ständig verbessern, und am Ende wird die neue Sprache meistens trotzdem nur unvollständig erworben.

Hauptziel von Kindern, Sprache zu erwerben, liegt im Aufbau von sozialen Kontakten, nicht vordringlich in der Weitergabe von Inhalten.

Jeder Spracherwerber braucht einen sprechenden Partner, von dem er die Sprache erwirbt. Daher erscheint der Unterschied zwischen Sprache lernen und Sprache erwerben nur historischen Wert zu haben. Das Sprache erwerbende Kind wird durch die Unterscheidung außerdem zu einem reinen Empfänger herabgewürdigt. Deutlich macht dies auch das Fehlen einer Wissenschaft vom Lernen, während die Didaktik, mit der Betonung des Lehrens, konserviert wird.

Kinder, die ein Wort in ihren jeweiligen Muttersprachen austauschen, sind gleichzeitige und gleichberechtigte Lehrer und Lerner.

Der Spracherwerbsmechanismus nach Noam Chomsky

Diese Tatsachen führten Noam Chomsky zur Annahme eines spezifischen, angeborenen, kognitiven Moduls im Gehirn. Eine solche Position nennt man in der Wissenschaft „nativistisch“. Chomsky gab diesem Modul die Bezeichnung Spracherwerbsmechanismus („Language Acquisition Device“, „LAD“). In ihm enthalten ist die sog. Universalgrammatik. Sie erlaubt den Erwerb jeder natürlichen Sprache.

Erwerbssequenzen

Sowohl im Erst- als auch im Zweit- und Fremdsprachenerwerb geht man von bestimmten Erwerbssequenzen aus. Diese sind feste Abfolgen grammatischer Strukturen, die nacheinander durchlaufen werden. Bei L1 und L2 sind einige Sequenzen ähnlich, andere verlaufen unterschiedlich. Über die Bedeutung von Erwerbssequenzen für den Spracherwerb liegen unterschiedliche Befunde vor. Auch hier unterscheidet man viele unterschiedliche Faktoren, wie das oben genannte LAD, den Einfluss des Unterrichts auf Erwerbssequenzen, kognitive Komplexität u. v. a. m. Die folgende Auflistung ist ein zu erwartendes Verhalten bei Kindern in bestimmten Altersgruppen.

Pränatal

Schon vor der Geburt macht der Fötus Spracherfahrungen, da ungefähr ab der 25. Schwangerschaftswoche die Hörwerkzeuge ausgebildet sind. Wegen der intrauterinen Bedingungen (Uterus und Fruchtwasser wirken wie ein Tiefpassfilter) ist die Wahrnehmung vor allem auf prosodische Aspekte, die Sprachmelodie, beschränkt. Es werden tiefe Frequenzen bis 500-700 Hz übertragen, der Druckpegel sinkt signifikant bei steigender Frequenz. Viele der vorhandenen Außengeräusche werden nicht von biologischen Geräuschen überdeckt. Der Pegel von sehr niedrigen Frequenzen (<300Hz) erreicht ähnliche Werte wie ex utero. Die mütterliche Stimme und Stimmen in der Nähe der Mutter treten deutlich gegenüber den Hintergrundgeräuschen hervor (sofern sie über 100Hz liegen) und neben prosodischen Eigenschaften sind auch einige Phoneme verständlich. Die Dämpfung der mütterlichen Stimme ist sehr gering bis hin zu Verstärkung durch die Knochenleitung. So kommt es, dass Kinder schon direkt nach der Geburt die Stimme ihrer Mutter erkennen können, genauso wie ihre Muttersprache und Geschichten oder Melodien, die sie oft während der Schwangerschaft präsentiert bekamen. Diese Erkennung beruht auf den prosodischen Faktoren, Lautfolgen ohne prosodische Informationen können sie nicht unterscheiden.

Von der Geburt bis zum 20. Monat

Grundsätzlich bewegen sich Neugeborene oder machen große Augen als Reaktion auf ein lautes Geräusch. Sie drücken außerdem Wohlgefallen oder Unwohlsein durch Lachen, Kichern, Weinen und Lächeln aus.

Geburt

Geburtsschrei

6 bis 8 Wochen

Babys verfeinern ihre Hörfähigkeiten und suchen nach den Quellen von Klängen in ihrer Umgebung, die bestimmte prosodische Merkmale aufweisen. Neugeborene erzeugen Laute reflektorisch, z.B. bei der Nahrungsaufnahme. Von einem bewussten Nachahmen von Lauten kann in dieser Phase noch nicht gesprochen werden. Schreien dient als Ausdruck des Mißbehagens und Wunsch nach Versorgung. Durch Reaktionen der Bezugsperson wird die kommunikative Funktion der Sprache kennen gelernt und das Schreien wird differenzierter.

2 bis 4 Monate

Die neuronalen Strukturen des Babys haben sich soweit entwickelt, dass es inzwischen lacht und erste Laute, zumeist Vokale, und kurze Zeit später auch Silben produzieren kann. Ferner gibt es Urlaute von sich wie beispielsweise gurgeln, lallen, schmatzen, knurren. Bevor das Baby redet, ist es in der Lage, die Bedeutung von Gebärden (Gebärdensprache) zu erfassen und sich damit auszudrücken.

5 bis 9 Monate

Das sogenannte kanonische Lallen (siehe auch: Idiolalie) tritt auf, welches durch Verdoppelung von bekannten Silben gekennzeichnet ist und die Vorstufe zur Wortbildung darstellt. Störungen beim Auftreten des Lallens sind ein guter Prädiktor für spätere Sprachstörungen. Diese Wortbildungsversuche sind außerdem auch oft für die euphorische Stimmung bei Eltern verantwortlich, wenn das Kind bspw. „Mama“ oder „Papa“ sagt, die ihrerseits dem Kind die Absicht unterstellen, diese Wörter bewusst zu bilden. Tatsächlich kann eine Reflexion über Wortsemantik erst stattfinden, sobald phonologische Komponenten der Sprache gefestigt sind. Vielfältige sensomotorische Erfahrungen sind Voraussetzung für das wachsende Sprachverständnis. Ferner kommt es zum Einüben von Satzmelodien und Sprechrhytmen.

10 bis 14 Monate

Das Kleinkind bildet erstmals einfache Worte, die für gewöhnlich sehr spezifische „soziale“ Wörter sind und nur kontextgebunden eingesetzt werden, wie „essen“ und „schlafen“. Andere Wörter sind anfangs noch objektkonstant und werden nur bei Augenkontakt des Genannten artikuliert. Vorläufer sind die Protowörter, bei denen das Kind erstmals Lautäußerungen mit bestimmten Situationen, Gegenständen, Personen und Tätigkeiten verbindet. Das Kleinkind bildet Ein-Wort-Sätze. Es ist kognitiv in der Lage über Abwesendes zu sprechen.

18 Monate

Einige Kinder haben hier die 50-Wort-Marke (expressives Lexikon) erreicht. Dies wird deshalb als wichtig angesehen, da von hier an der Worterwerb deutlich schneller erfolgt, der sog. Wortschatzspurt findet statt, welcher auf der Erkenntnis fußt, dass alle Wörter einen semantischen Gehalt haben und somit alle Dinge benannt werden können. Das Kind befolgt einfache Doppelaufträge. Das 1.Fragealter tritt ein, es werden Was-Fragen (Bezeichnung) und Wo-Fragen gestellt.

2 Jahre

Spätestens jetzt sollten die Kinder die "magische 50" an gesprochenen Wörtern erreicht haben, ansonsten werden sie als sog. late talker bezeichnet. Sie verwenden Alltagswörter, die sie zu Hause gehört haben und sprechen einfache Zwei-Wort-Sätze. Außerdem lernen sie in diesem Alter ihre ersten Lieder. Wortschöpfungen treten auf und das Kind versteht noch viel mehr Aussagen aus dem vertrauten Alltagsleben als zuvor. Mit ca. 2 1/2 Jahren wird Gebrauch von dem Wort "Ich" gemacht, ebenso bildet es Echolalien von Sätzen oder aber auch Satzteilen.

3 Jahre

Jetzt werden einfache Verben, Präpositionen, Adjektive und Pronomina verwendet und verstanden. Kinder sollten jetzt häufiger vollständige Sätze bilden und in der Lage sein, die Quelle eines Klanges erkennen zu können.

4 bis 5 Jahre

Die Sprache ist jetzt verständlich, aber längere oder komplexere Wörter werden weiterhin falsch ausgesprochen. Das aktive Vokabular steigt rasch an und die meisten Kinder in diesem Alter können einer Unterhaltung folgen. Sie sprechen im kontextgebundenen Stil.

Sprachförderung

Sprachförderung ist die Bemühung, Kinder/Jugendliche auf den Entwicklungsstand der Gleichaltrigen zu bringen, indem man sie mit angemessenen Methoden konfrontiert, die Fortschritte ermöglichen.

Am häufigsten trifft man den Begriff in der vorschulischen Erziehung an - u. A. auch in der Pädagogik der Primarstufe des Schulsystems. Grundsätzlich aber ist Sprachförderung eine Bemühung, die heute in allen Bildungseinrichtungen - neuerdings auch in Familien - gefragt ist.

Sprachförderung ist dann von großer Bedeutung, wenn Kinder im Verlaufe ihrer Entwicklung Defizite im Sprachverständnis oder Ausdruck haben (im Vergleich mit den Gleichaltrigen); sinnvoll ist es dann, dem Kind durch gezielte sprachliche Interaktionen zu helfen, diese Defizite auszugleichen. Dabei ist die Aktivität des Kindes gefragt - zusätzliches passives Konsumieren von Sprache (z. B. vor dem Fernsehgerät) ist ohne (Förder-)Effekt und damit eher kontraproduktiv.

So zeigt eine Studie aus dem Jahr 2009, dass Kinder unter drei Jahre, auch von speziell für Kleinkinder konzipierte Fernsehsendungen oder Videos "zur Förderung der Sprachbildung", kaum profitieren: Kleinkinder waren nur dann in der Lage neue Verben zu erlernen, wenn ein Erwachsener sie dabei aktiv unterstützte.

Vor allem im Bereich vorschulischer Sprachförderung (auch im Bereich der Grundschulpädagogik) gibt es inzwischen eine reichhaltige Literatur, die Profis und Laien (Eltern) das Fördern leicht macht. In Periodika (Kindergarten Heute; klein&groß; Welt des Kindes usw.) erscheinen relativ regelmäßig Beiträge zur Sprachentwicklung, was die Aktualität des Themas verdeutlicht.

Störungen des Spracherwerbs

Es gibt zahlreiche äußere und innere Einflüsse, die zu Störungen des Spracherwerbs führen können, beispielsweise zu wenig sprachliche Anregung, mangelnde Zuwendung und fehlender Kontakt (sprachliche Interaktion) mit anderen Kindern. Bei länger andauernden Störungen oder Verzögerungen oder sogar Ausbleiben der Sprachentwicklung sollte man an Hörstörungen, an eine Entwicklungsverzögerung, eine geistige Behinderung oder an Autismus denken.

Es gibt jedoch auch die sogenannten spezifischen Sprachentwicklungsstörungen (SES), die eben nicht auf mangelnder Fürsorge, Hörvermögen, geringem IQ oder geistiger Behinderung beruhen. In der Forschung wird dies seit einigen Jahren heiß diskutiert, siehe dazu auch John Locke, L.B. Leonard und D. Bishop. Als Risikofaktor für eine Sprachentwicklungsstörung (egal, ob spezifisch oder eingebettet in eine andere Symptomatik) gilt die 50-Wörter Regel: Benutzen Kinder, bis sie 2 Jahre alt sind, weniger als 50 verschiedene Wörter, sollte man mit ihnen unbedingt zu einem Logopäden oder Phoniater gehen. Etwa die Hälfte der Kinder sind jedoch sogenannte „Spätentwickler“ (engl. „Late Bloomer“) und haben bis zum 3. Geburtstag den Anschluss geschafft.


Der Beitrag "Spracherwerb" auf www.navigator-medizin.de basiert auf dem Artikel Spracherwerb aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.

 

 

 

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