Wie verläuft die normale geistige Entwicklung des Kindes?

Die im folgenden angegebenen Zeitpunkte für bestimmte geistige Fähigkeiten sind "Normwerte". Ein Hinterherhinken ist nicht gleich Anlass zu übertriebener Sorge. Im Zweifel einfach mit dem Kinderarzt sprechen.

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Nach dem sogenannten Grenzsteinkonzept lassen sich für die geistige Entwicklung des Kindes folgende Zeitpunkte (Lebensalter) markieren:

Alter des Kindes

Was das Kind im Regelfall "geistig" kann (Normvarianten immer möglich)

3 Monate
  • Das Kind verfolgt vor dem Auge langsam hin und her bewegte Gegenstände aufmerksam, zumindest kurze Zeit lang.
6 Monate
  • Das Kind greift nach Gegenständen, steckt sie auch in den Mund, ohne sie allerdings aufmerksam azusehen.
9-12 Monate
  • Das Kind beginnt, Gegenstände sehr viel intensiver zu ertasten und zu erforschen. Die Aufmerksamkeit gegenüber "Dingen" wird größer.
  • 12 Monate: Wenn man einen Gegenstand durch ein Tuch oder Blatt Papier verhüllt, versucht das Kind, das Blickhindernis zu beseitigen.
15 Monate
  • Das Kind untersucht Gegenstände noch intensiver, schlägt sie auch schon mal gegeneinander, erprobt sie zu Spielzwecken.
18 Monate
  • Das Kind ahmt Alltagserfahrungen nach: zum Beispiel mit Bürste die Haare kämmen, Telefonhörer ans Ohr halten oder mit Lappen den Boden wischen.
  • Das Kind beginnt, mit sich selbst zu spielen. Etwa 10-20 Minuten gelingt das schon. Keine strukturierten Spielabläufe, eher spontane Wechsel (häufig: Rein-und-Raus-Spiele, Kisten ausleeren und wieder füllen).
2 Jahre
  • Das Kind stapelt Bauklötze oder ähnliches schon etwas weitreichender (drei Steine aufeinander).
  • Das Kind beschäftigt sich insgesamt intensiver mit seinen Spielsachen, packt Kisten ein und aus.
3 Jahre
  • Das Kind beginnt zu malen bzw. zu kritzeln. Noch keine Galerie-reifen Bilder. Häufig wird das Malen sprachlich mit Worten kommentiert ("Blume").
  • Das Kind spielt längere Zeit konzentriert allein. Ahmt dabei Lebenssituationen nach (mit Autos, Puppen, Bausteinen, Lego etc..
4 Jahre
  • Das Kind stellt "W-Fragen": "Warum", "Wieso" und so weiter.
  • Das Kind kann gleiche Gegenstände differenzieren ("kleine Kartoffel", "große Kartoffel").
5 Jahre
  • Das Kind kann alle Grundfarben benennen.
  • Das Kind spielt Rollenspiele, entweder allein oder mit anderen Kindern, wird also bewusst zum Indianer oder zum Lokführer.
6 Jahre
  • Das Kind kann geometrische Figuren benennen (Kreis, Quadrat, Dreieck).
  • Das Kind kann wesentliche Dinge halbwegs gut malen, so dass man es erkennt (Baum, Auto, Blume).
  • Das Kind kann einzelne Buchstaben und Zahlen schreiben.

Meilensteine und Grenzsteine: Wie entwickeln sich Kinder?

Auch wenn die Abfolge einzelner Entwicklungsschritte heute nicht mehr so strikt wie früher beurteilt wird, gibt es natürlich essenzielle biopsychosoziale Entwicklungsstadien, die von 90-95% aller Kinder bis zu einem bestimmten Alter erreicht werden. Das Konzept „Grenzsteine der Entwicklung“, das von dem Tübinger Entwicklungsneurologen Richard Michaelis begründet wurde, dient in erster Linie Kinderärzten und Erziehern als Frühwarnsystem. Mit diesem Instrument können in praxistauglicher Weise Entwicklungsrückstände erkannt, in der Folge untersucht und bei Bedarf behandelt werden.

Auch für Sie als Eltern ist die Kenntnis dieser Grenzsteine in mehrfacher Hinsicht von Interesse: zum einen, um sich bewundernd darüber zu freuen, was Ihr Kind schon alles kann. Zum anderen, um gelassen und beruhigt zur Kenntnis zu nehmen, dass zeitlich noch alles im grünen Bereich ist, auch wenn Ihr Nachwuchs im beliebten (wenn auch oft unsinnigen) Schnelligkeitswettbewerb „Was mein Kind schon alles kann!“ gerade nicht in Führung liegt. Drittens, um Anregungen zu bekommen, wie Sie sich stimulierend und beobachtend mit Ihrem Kind beschäftigen können – schließlich gibt es tatsächlich immer noch (vor allem männliche) Elternteile, die sich keine „vernünftige“ Interaktion mit ihrem Sprössling vor dem 3. Lebensjahr vorstellen können.

Last not least sollten Sie als verantwortliche Eltern über mögliche Defizite Ihres Kindes im Bilde sein. Dann besteht nicht die Gefahr, von entsprechenden Hinweisen der Erzieherin oder Kinderärztin komplett überrascht zu werden. Sondern eine gute Grundlage für die verständnis- und vertrauensvolle Zusammenzuarbeit.

Autoren: /
Quelle: H.-J. Laewen: Grenzsteine der Entwicklung als Grundlage eines Frühwarnsystems für Risikolagen in Kindertageseinrichtungen (Sonderdruck 2008, PDF).

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