Welche Bewegungen sollte ein Kind wann können?

Vorsicht: "Sollte ein Kind wann können" klingt immer ein bisschen nach Gefahr, wenn es eine Abweichung gibt. Aber auch Abweichungen sind meist normal, nur selten ist eine Entwicklungsverzögerung tatsächlich ein medizinisches Problem.

Dennoch ist es natürlich wichtig, auch als Eltern genau hinzuschauen, um im Zweifel reagieren zu können.

Die motorische Entwicklung

Nach dem sogenannten Grenzsteinkonzept lassen sich für die kindliche Entwicklung der Körpermotorik folgende Zeitpunkte (Lebensalter) markieren:

Alter des Kindes Was das Kind im Regelfall kann (Normvarianten immer möglich)

3 Monate
  • Das Kind kann in Bauchlage den Kopf heben. Es stützt sich dabei auf die Unterarme.
6 Monate
  • Das Kind liegt in Rückenlage symmetrisch, ohne bleibende Abweichungen des Rumpfes oder der Arme und Beine.
  • Das Kind schaut einem bewegten Gegenstand, der in sein Gesichtsfeld gerät, nach.
9-12 Monate
  • Das Kind kann sitzen, mit gutem Gleichgewicht, geradem Rücken und Kontrolle über den Kopf.
  • Das Kind kann sich problemlos von der Bauchlage in die Rückenlage drehen und andersherum.
15 Monate
  • Das Kind beginnt zu gehen, hält sich zunächst noch mit den Händen an Erwachsenen oder Möbeln fest.
18 Monate
  • Das Kind geht frei und ohne zeitliche Einschränkung. Manchmal noch etwas breitbeinig, mit abgespreizten Armen, aber sonst mit gutem Gleichgewicht.
2 Jahre
  • Das Kind kann Dinge anheben, ohne aus dem Gleichgewicht zu geraten.
  • Das Kind kann Treppen steigen, in dem es sich am Geländer oder an der Hand Erwachsener festhält.
3 Jahre
  • Das Kind kann beidbeinig von einer kleinen Erhöhung herunterhüpfen, ohne aus dem Gleichgewicht zu geraten.
  • Das Kind läuft mit schwingenden Armen, kann dabei Hindernisse umsteuern und pötzlich bremsen.
4 Jahre
  • Das Kind kann Dreirad oder ähnliche Stützfahrzeuge sicher fahren (auch um Hindernissse herum).
  • Das Kind kann aus dem Stand beidbeinig 30-50 cm weit hüpfen, ohne aus dem Gleichgewicht zu geraten.
5 Jahre
  • Das Kind steigt Treppen sicher auf und ab, ohne sich am Geländer festzuhalten.
  • Das Kind kann Bälle und ähnliches mit einem Durchmesser bis 20 cm sicher fangen, wenn sie aus kurzer Distanz zugeworfen werden.
6 Jahre
  • Das Kind kann sicher auf einem Bein stehen (mindestens 5 Sekunden lang).
  • Das Kind kann auf einem Bein hüpfen.
  • Das Kind kann Fahrrad fahren.

Anmerkung der Redaktion:

Auch Wissenschaftler entwickeln sich glücklicherweise (manchmal) weiter: Das trifft auf jeden Fall auf die Beurteilung der kindlichen Entwicklung zu, die sich aus wissenschaftlicher Sicht in den vergangenen Jahren deutlich verändert und dabei vor allem liberalisiert hat. So haben Kinderärzte, Entwicklungsneurologen und Psychologen erkannt, dass Entwicklungsverläufe sehr individuell sein können und nicht unbedingt einer normierten Abfolge oder Ausprägung gehorchen müssen, um trotzdem noch als gesund betrachtet werden zu können. Damit hat sich das früher sehr dicht gesetzte Meilensteinkonzept aufgelockert und lässt nunmehr auch Normvarianten zu, bei denen die Kinder nicht alle Stationen „wie vorgesehen abhaken“ müssen (Beispiel: Krabbeln).

Was sind Hinweise auf eine gestörte motorische Entwicklung des Kindes?

Eltern beobachten normalerweise interessiert und aufmerksam die Entwicklung ihrer Kinder. Das ist auch wichtig, um die Früherkennung von möglichen Störungen nicht nur dem Kinderarzt zu überlassen. Hinweise auf eine eventuell gestörte Entwicklung der kindlichen Motorik im frühen Lebensalter sind:

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  • Seitenungleichheit (Assymmetrie) der Bewegungen
  • Steifheit, Haltung in Streckstellung, Überstreckung im Hals
  • Schlaffheit, allgemeine oder lokalisierte Muskelschwäche
  • immer gleiche (stereotype), reduzierte, fehlerhafte Bewegungsmuster
  • Zurückziehen der Schulter beim Umdrehen oder in Bauchlage
  • fehlende oder verspätete Kopfkontrolle (normalerweise ab 3 Monaten)
  • fehlerhafter Armstütz
  • fehlendes oder verspätetes Sitzen, Gehen oder Laufen
  • mangelnde Feinmotorik beim Spielen und Zeichnen
  • starke assoziierte Mitreaktionen, z.B.:
    • Armbewegung beim Drehen des Kopfes
    • unnormale Beinstreckung beim Spiel in Rückenlage
    • Greifen der einen Hand ist mit verstärkter Fausthaltung der anderen assoziiert

Im Zweifel zum Kinderarzt

Sprechen Sie den Kinderarzt darauf an, wenn Sie Auffälligkeiten im Bewegungsverhalten Ihres Kindes bemerken. Sollte die Störung bei weiterer Beobachtung und regelmäßigen (z.B. monatlichen) Kontrollen bestehen bleiben, wird möglicherweise eine gezielte neurologische Diagnostik und Behandlung (z.B. Krankengymnastik) erforderlich. Bleiben Sie auch bei einer (vorschnellen) ungünstigen Beurteilung der Prognose durch den Arzt gelassen und optimistisch. Zum einen, um jegliche Stigmatisierungsgefahr für Ihr Kind zu vermeiden, zum anderen wegen der immer wieder zu beobachtenden (Selbst-) Heilungserfolge und Normalisierungsprozesse bei Spätentwicklern.

Autoren: Dr. Hubertus Glaser & Dr. med. Jörg Zorn
Quelle: H.-J. Laewen: Grenzsteine der Entwicklung als Grundlage eines Frühwarnsystems für Risikolagen in Kindertageseinrichtungen (Sonderdruck 2008).

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