ADHS: Plädoyer für medikamentöse Behandlung

ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Störung mit Hyperaktivität) ist eine umstrittene Erkrankung – insbesondere was die Therapie betrifft. Viele Eltern fragen sich, ob ihr “Zappelphilipp” wirklich behandelt werden muss, oder ob sich das Problem nicht “auswächst”. Auf einem Symposium haben einige der damit befassten Ärzte jetzt aber den Sinn einer Behandlung verteidigt.

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Die Symposiums-Redner forderten eine ganzheitliche Therapie, die eine medikamentöse Behandlung als auch psychotherapeutische Maßnahmen umfasst.

Vorwürfe der "Über-Behandlung" ungerechtfertigt?

Die Kinderpsychiater auf dem Rednerpult wiesen Vorwürfe zurück, wonach Kinder mit ADHS nur behandelt würden, weil unsere Industriegesellschaft keine unruhigen Kinder dulde. Und auch, dass die kleinen Patienten zu oft und zu schnell mit Medikamenten vollgestopft werden, wollen sie nicht gelten lassen.

ADHS ist nach Ansicht der Stiftung Kindergesundheit eine ernste Erkrankung, die behandelt werden müsse. Als Beleg zählt die Stiftung folgende Daten auf: Kinder mit gestörter Konzentrationsfähigkeit und fast agressivem Bewegungsdrang lassen nicht nur Familien verzweifeln, sondern stören die Ordnung in Kindergärten und lassen Lehrer kapitulieren. Damit schade das betroffene Kind auch sich selbst und verhindere die persönliche Entfaltung. So besuchten Kinder mit ADHS zu 60% seltener das Gymnasium. Prof. Manfred Döpfner von der Universität Köln mahnt, dass  Kinder mit ADHS in allen Aspekten des täglichen Lebens “signifikant benachteiligt” sind.

Ganzheitliche Therapie gefordert

Deshalb sei es wichtig, Kinder mit ADHS zu behandeln. Aber wie? Die Behandlungs-Leitlinie der Kinder- und Jugendärzte empfiehlt mittlerweile eine "multimodale" Therapie. Das bedeutet eine Behandlung mit verschiedenen Bausteinen, die Aufklärung und Beratung der Eltern einschließt. Prof. Berthold Koletzko, Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit, betont, dass eine ausschließlich medikamentöse Behandlung von ADHS ungenügend sei. Vielmehr müsste die Therapie neben Medikamenten auch psychotherapeutische Maßnahmen enthalten.

Vorbehalte gegen Medikamente lehnen die Redner ab. Mittlerweile ständen mehrere Arzneimittel zur Verfügung, beispielsweise Methylphenidat (MPH) und der Wirkstoff Atomoxetin (ATX). Diese Medikamente würden bei betroffenen Kindern enorme Entwicklungsfortschritte ermöglichen.

Keine höhere Suchtgefahr nach ADHS-Medikamenten

Vorwürfe, Medikamente zur Behandlung des ADHS-Syndroms würden das Entstehen von Süchten begünstigen, begegnen die Befürworter  mit dem Hinweis auf neuere Studien. Demnach trinken medikamentös behandelte ADHS-Kinder später deutlich seltener Alkohol und rauchen oder konsumieren seltener Rauschgift als diejenigen mit unbehandeltem ADHS.

Kletztko räumt ein, dass die Medikamente nicht ohne Nebenwirkungen sind. Doch die Erfolge dürfte nicht verteufelt werden, denn der Nutzen sei deutlich höher als die Risiken.

Aber selbst wenn Eltern ihre Kinder behandeln lassen wollen, dann dauert es im Durchschnitt zwei Jahre, bis eine endgültige Diagnose vorliegt. 38% müssten dazu drei oder mehr Ärzte aufsuchen.

WANC 13.01.2012
Quelle: Stiftung Kindergesundheit, Deutsche Kinderhilfe e.V, Symposium: „ADHS in unserer Gesellschaft – wie wir damit umgehen können“

Anmerkung der Redaktion

Ist das jetzt von Pharmafirmen gesponserter Lobbyismus oder medzinische Notwendigkeit? Die entscheidende Frage ist wahrscheinlich, ab wann eigentlich ein behandlungsbedürftiges ADHS vorliegt. Es wäre nicht das erste Mal, dass Pharmafirmen ihren Umsatz dadurch zu steigern versuchen, dass sie mit Hilfe von gut bezahlten Experten die Einstiegsgrenzen zur "Krankheit" heruntersetzen. Wir empfehlen Ihnen, bei dieser Frage mit dem Kinderarzt Ihres Vertrauens zu versuchen, gemeinsam zu einer für Sie sinnvollen Entscheidung zu kommen.

Dr. Jörg Zorn