Epilepsie – Woran erkenne ich, ob mein Kind unter der Krankheit leidet?

Rund 0,25% aller Kinder und Jugendlichen weltweit leiden unter Epilepsie – einer der häufigsten Erkrankungen des Zentralen Nervensystems (ZNS). Vereinfacht ausgedrückt führt ein "Kurzschluss im Gehirn" zu Krampfanfällen. Dabei bemerken Eltern die Anfälle ihrer Kinder häufig gar nicht oder stufen bestimmte Anfalls-Symptome als vollkommen "normal" für das jeweilige Kindesalter ein. Wie ernst die Lage wirklich ist, kann ein Laie aus der Beobachtung kaum schließen.

Epilepsie – eine Volkskrankheit?

Grundsätzlich kann eine Epilepsie jeden treffen – unabhängig von Alter und genetischer Disposition. Doch erfahrungsgemäß setzen die meisten Epilepsien bereits im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter ein. Hier kann es sich sowohl um eine eigenständige Krankheit, als auch um die Folgeerscheinung einer anderen neurologischen, genetisch bedingten oder entzündlichen Erkrankung handeln

Unbehandelt kann Epilepsie zu schweren Entwicklungs- und Persönlichkeitsstörungen führen. Werden die ersten Anzeichen jedoch frühzeitig erkannt, kann eine Therapie in der Regel das Schlimmste verhindern. Aber wie stelle ich nun fest, ob mein Kind unter Epilepsie leidet? Ist jeder Krampfanfall gleich ein Hinweis auf eine mögliche Epilepsieerkrankung?

Krampfanfall nicht immer Epilepsie

Leider ist es unmöglich, aufgrund einzelner Symptome – wie z.B. Zuckungen, Ohnmachten oder Stürze – zwischen Epilepsie und anderen, harmloseren Auslösern zu differenzieren. Denn Krampfanfälle können verschiedene Ursachen mit unterschiedlichen Anzeichen haben – ohne dass es sich um einen epileptischen Anfall handeln muss. Die Bandbreite reicht von Fieber, Schlafentzug und Sauerstoffmangel über exzessiven Alkoholgenuss, Drogen-Entzugserscheinungen, einem Elektrizitätsunfall sowie starkem Flackerlicht bis hin zu Stoffwechselstörungen und Vergiftungen. Selbst plötzlich auftretende Muskelkrämpfe aufgrund Magnesiummangels – beispielsweise nach intensivem Sport – fallen in die Kategorie "Krampfanfall". In allen Fällen können sowohl tonische (langandauernde Muskelanspannung) und/oder klonische (langandauernde rhythmische Muskelanspannung), als auch atonische Krampfanfälle (Verlust der Muskelspannung) auftreten.

Horrorszenario Fieberkrämpfe

So auch bei einem Fieberkrampf. Er versetzt Eltern häufig in Angst und Schrecken, da er sich in plötzlicher Bewusstlosigkeit und rhythmischen Zuckungen der Muskulatur des Kindes äußert. Dieser – zunächst auf Epilepsie hinweisende – zerebrale Anfall dauert meistens nur wenige Minuten und hört von alleine wieder auf.

Gutartige Zuckungen bei Babys

Auch Symptome wie Muskelkontraktionen oder fragmentarische Krampfanfälle (Atempausen, Blinzeln, Augenzittern, Mund- und Schluckbewegungen, Schmatzen oder rudernde Arm- und Beinbewegungen) bei Babys geben einigen Eltern Anlass zur Sorge. Doch handelt es sich hier nicht etwa um einen epileptischen Anfall, sondern um sogenannte Säuglingsmyoklonien. Die Krämpfe können durch Geräusche oder Berührungen hervorgerufen werden und können als "normal" eingestuft werden.

Epilepsie – eine Frage der Definition?

Nach der Definition der Internationalen Liga gegen Epilepsie (ILAE) handelt es sich bei einem Gelegenheits-Anfall nur dann um Epilepsie, wenn der Krampfanfall durch eine Infektion des ZNS verursacht worden ist, ihm bereits sogenannte unprovozierte Anfälle unter immer gleichen Bedingungen vorausgegangen sind und ggf. bereits eine Fehlfunktion im Gehirn vorliegt.

Bei Krampfanfall sofort zum Arzt

Mit der Einordnung aller genannten Symptome in die entsprechenden Schubladen "Gefährlich" oder "Kein Risiko" sind Eltern schlichtweg überfordert. Außerdem können die Folgen eines einmaligen Fieberkrampfes aufgrund einer grippalen Infektion nicht weniger gravierend sein als die eines epileptischen Anfalls. Deswegen gilt: Bei allen Verhaltensauffälligkeiten des Kindes sollten Sie als Eltern unverzüglich Ihren Verdachtsmomenten nachgehen und einen Arzt zu Rate ziehen. Denn jeder Krampfanfall kann ebenso das erste und – möglicherweise über längere Zeit – auch einzige Zeichen einer akuten Schädigung des Gehirns sein.

Verdachtsmoment "Tagträumer"

Wie bereits angedeutet, taugt das Auftreten von Anfällen alleine nicht zur "home made" Diagnose von Epilepsie. Denn nicht jeder epileptische Anfall äußert sich in offensichtlichen Krämpfen und „Schaum vor dem Mund“. Typisch für die unter Kindern weitverbreiteten Absencen ist beispielsweise eine kurze Phase der Abwesenheit mit fehlender Ansprechbarkeit und Erinnerungslücken. Kinder und Jugendliche, die unter Absencen leiden, werden oftmals einfach nur als verträumt eingeschätzt.

Epilepsie oder einfach nur schreckhaft?

Auch myoklonische Anfälle (kurze Muskelzuckungen) können bei Kindern leicht übersehen werden. Die betroffenen Kinder zucken – oftmals nur für einen Bruchteil von Sekunden – mit den Gliedmaßen. So, als ob sie von irgendjemandem oder irgendetwas erschreckt worden wären oder frieren. Handelt es sich hier um einen epileptischen Anfall oder vielleicht "nur" um einen Tic, der sich wieder "auswächst"? Schaudert mein Kind möglicherweise auch nur deswegen, weil es friert?

Epilepsie – Risikogruppe Frühgeborene

Für viele vermeintliche Symptome gibt es oftmals auch ganz einfache Erklärungen, mit denen sich Eltern gerne selbst beruhigen. Besondere Aufmerksamkeit ist grundsätzlich bei frühgeborenen Kindern geboten. Sie gehören eindeutig zu einer Risikogruppe. Während der Geburt treten bei etwa jedem zehnten Kind Komplikationen wie z.B. Sauerstoffmangel auf. Dies wiederum kann zu Funktionsstörungen des Gehirns und damit in der Regel innerhalb von 48 Stunden nach der Geburt zu Krampfanfällen, den sogenannten Neugeborenenanfällen führen. Sie sind Zeichen von Funktionsstörungen des Gehirns wie z.B. Traumata, Hirninfarkten, Infektionen, Fehlbildungen oder Stoffwechselstörungen. Die Anfallssymptome bei Neugeborenenanfällen sind häufig unauffällig und ziehen – frühzeitig therapiert – in der Regel keine weiteren Konsequenzen nach sich.

Frühe myoklonische Enzephalopathie

Anders die frühe myoklonische Enzephalopathie. Diese seltene, wahrscheinlich durch einen Gendefekt verursachte Epilepsieform zeigt sich gewöhnlich in den ersten drei Lebenstagen und endet in etwa der Hälfte aller Fälle tödlich. Überlebende Kinder weisen geistige und körperliche Behinderungen auf. Der Verlauf der frühen myoklonischen Enzephalopathie ist durch die drei nacheinander auftretenden Anfallsformen asymmetrische Myklonien (unregelmäßige Muskelzuckungen), einfache fokale bzw. partielle Anfälle und tonische epileptische Spasmen (langanhaltende Anspannung der rumpfnahen Beugemuskulatur) gekennzeichnet.

Infantile epileptische Enzephalopathie – Ohtahara-Syndrom

Eine hohe Sterberate weist auch die frühe infantile epileptische Enzephalopathie auf. Neugeborene mit dem sogenannten Ohtahara-Syndrom erkranken vornehmlich in den ersten zehn Tagen ihres Lebens. Diese seltene Epilepsieform ist auf Fehlbildungen des Gehirns zurückzuführen. Tonische Spasmen führen bei etwa der Hälfte aller Betroffenen zum Tode. Überlebende Kinder leiden unter schweren geistigen und körperlichen Behinderungen. Darüber hinaus entwickeln rund 60% der betroffenen Kinder im Laufe ihres Lebens weitere Epilepsien wie das West- oder das Lennox-Gastaut-Syndrom (LGS).

West-Syndrom mit BNS

Typisch für das West-Syndrom ist das Auftreten sogenannter Blitz-Nick-Salaam-Krämpfe (BNS). Bei den zwischen dem zweiten und achten Lebensmonat auftretenden Serien-Anfällen handelt sich um nur wenige Sekunden andauernde Krämpfe, die „wie ein Blitz in den Körper fahren (Blitzanfall)“. Dem "Blitzeinschlag" folgen das Beugen von Kopf und Oberkörper (Nickanfall). Gleichzeitig wirft das Baby ohne Absicht die Arme nach oben und vorne, sodass der Eindruck erweckt wird, es würde sich – wie im Islam – betend vor Gott verneigen (Salaam-Anfall). Die Anfälle treten meist kurz vor oder direkt nach dem Einschlafen auf.

Neben einer symptomatischen Epilepsie, die entweder auf eine Erkrankung des ZNS oder einen Gehirnschaden zurückzuführen ist, können BNS-Anfälle auch eine idiopathische Epilepsie, deren Ursache ein Gendefekt ist, begleiten. Kinder mit idiopathischen Formen des West-Syndroms – die also an einer genetischen Epilepsie leiden – haben gute Aussichten auf eine normale Entwicklung. Kinder mit symptomatischem West-Syndrom kämpfen hingegen meist auch mit körperlichen und geistigen Defiziten unterschiedlicher Ausprägung.

Lennox-Gastaut- Syndrom (LGS)

Das Lennox-Gastaut-Syndrom tritt in der Regel zwischen dem ersten und siebten Lebensjahr auf und ist durch häufige Krämpfe und atypische Absencen gekennzeichnet. Typisch sind Rumpfbeugen im Schlaf und plötzliche Stürze. Die betroffenen Kinder sind in der Regel geistig behindert

Schwere myoklonische Epilepsie – Dravet-Syndrom

Treten während des ersten Lebensjahres – in den meisten Fällen während des fünften Lebensmonats – fiebrige, klonische Krämpfe auf, denen in der Regel massive myoklonische Zuckungen, atypische Absencen und komplex-fokale Anfälle folgen, spricht man von einer schweren myoklonischen Epilepsie oder auch dem Dravet-Syndrom. Die Ursache des Dravet- Syndroms – mit der Konsequenz der geistigen Behinderung – ist genetisch bedingt.

Epilepsie bei Kleinkindern

Die Quote der Neuerkrankungen bei Kleinkindern im Alter von einem bis fünf Jahren liegt bei etwa 3%. Bei 2-3% dieser Kinder treten vor der tatsächlichen Erkrankung bereits Fieberkrämpfe auf. Dabei zählen die Fieberanfälle selbst – wie bereits erwähnt – nicht zu den Epilepsien.

Diese einfachen Fieberanfälle äußern sich zumeist in generalisierten tonisch-klonischen Anfällen mit einer Dauer von zwei bis drei Minuten bei rasch steigendem Fieber. Sie können bei neurologisch gesunden Kindern eine Komplikation z.B. der Masernimpfung sein, treten dann häufig innerhalb der ersten 24 bis 72 Stunden nach der Impfung auf und sind wahrscheinlich auf das schnell ansteigende Fieber zurückzuführen.

Komplexe Fieberanfälle hingegen können länger als 15 Minuten andauern und  mehrmals innerhalb von 24 Stunden auftreten. Sie beginnen fokal und werden meistens von anderen neurologischen Auffälligkeiten begleitet. Das Risiko, im späteren Leben eine Epilepsie zu entwickeln, liegt bei Kindern mit einfachen Fieberanfällen bei rund 1%, bei komplexen Fieberanfällen hingegen bei 6-49%. Daher geht die Wissenschaft von einer genetischen Disposition aus.

Doose-Syndrom

Das Doose- Syndrom, auch als idiopathische Epilepsie mit myoklonisch-astatischen Anfällen bezeichnet, beginnt im Alter zwischen sechs Monaten und sieben Jahren. Kennzeichnend für dieses Syndrom sind die atonischen Anfälle: Auf eine zu Beginn des Anfalls symmetrische Muskelzuckung folgt unmittelbar danach ein Verlust der Muskelspannung, der zu einem kurzen In-sich-zusammensacken und damit zu plötzlichen Stürzen führen kann. Ein Teil der Kinder hat zusätzlich einzeln auftretende myoklonische, atonische oder Absence-Anfälle.

CSWS-Syndrom

CSWS ist eine Abkürzung für Continuous Spikes and Waves during Slow-wave sleep. Der Name dieses Syndroms bezieht sich auf die typischen Abweichungen, die im EEG gefunden werden. Während des sogenannten NON-REM-Schlafes entladen sich bestimmte Nerven kontinuierlich im gleichen Rhythmus. Nicht in jedem Fall gehen diese EEG-Anomalien mit einem erkennbaren Anfall einher.

Der Beginn dieser Epilepsie-Variante liegt meist im Alter von 4-5 Jahren. Es kommt zu nächtlichen, halbseitigen Anfällen- Wegen ihrer Dauer oft über eine halbe Stunde kann die Folge leider ein erheblicher geistiger Abbau sein. Die Anfälle verschwinden dann nach einiger Zeit von selbst wieder. Über die Ursache des CSWS-Syndroms ist noch nichts bekannt.

Epilepsie im Kinder- und Jugendalter

Daneben gibt es mehrere (gutartige) Epilepsie-Formen, die im Kindheits- oder Jugendalter das erste Mal auftreten. Dazu zählen die Rolando-Epilepsie, das Landau-Kleffner-Syndrom, das Panayiotopoulos-Syndrom und die Kindliche Absence Epilepsie (CAE). Diese Formen zeichnen sich durch eine Gemeinsamkeit aus: Für die Eltern der betroffenen Kinder und Jugendlichen ist es fast unmöglich, erste Anzeichen zu erkennen und sie dann auch noch richtig zu deuten. Und – in fast allen Fällen enden die Anfälle mit dem Einsetzen der Pubertät.

Rolando-Epilepsie

Die Rolando-Epilepsie beginnt zwischen dem 3.-13. Lebensjahr. Sie kann vererbt werden. Es handelt sich um die die häufigste fokale Epilepsie bei Kindern, mit meist sehr guter Prognose.

Die Anfälle treten ohne Bewusstseinsstörung auf, vor allem während der Nacht. Mitunter kann daraus auch ein generalisierter Anfall werden. Typische Anzeichen sind Verkrampfungen der Gesichtsmuskulatur, starker Speichelfluss und Sprechstörungen. Mit dem Beginn der Pubertät verschwindet die Roalndo-Epilepsie meist.

Landau-Kleffner-Syndrom

Gleiches gilt für das Landau-Kleffner-Syndrom, auch erworbene epileptische Aphasie (Sprachstörung) genannt. Diese Epilepsieform beginnt meist im Alter von 5-7 Jahren und tritt ebenfalls vor allem nachts auf. Die Ursache ist unbekannt. Mitunter zeigen die betroffenen Kinder tagsüber Verhaltensstörungen wie z.B. Hyperaktivität. Eltern gehen vielfach davon aus, dass ihr Kind gehörgeschädigt ist.

Panayiotopoulos-Syndrom

Das Panayiotopoulos-Syndrom wird zu den idiopathischen fokalen Epilepsien gezählt. Hierbei handelt es sich ebenfalls um eine relativ häufige Epilepsie-Form im Kindesalter. Die betroffenen Kinder wirken während des Anfalls oft eher so, als hätten sie einen verdorbenen Magen – sie klagen über Übelkeit, sind blass und erbrechen schließlich. Bewusstlosigkeit kann bei längeren Anfällen auftreten, ist aber eher selten. Häufig drehen sich die Augen der Kinder während eines Anfalls zu einer Seite und die Pupillen weiten sich.

Kindliche Absence-Epilepsie

Die idiopathische kindliche Absence-Epilepsie ist die häufigste generalisierte Epilepsie im Kindesalter. Der Beginn ist meist im Alter von 5-7 Jahren. Es kommt während der Anfälle zu kurzen Bewusstseinsaussetzern. Die Kinder halten plötzlich inne und starren in die Luft. Sie wirken so, als würden sie träumen, was die Verdachtsdaignose Epilepsie erschwert. Es liegt eine genetische Ursache vor.

Autorin: Andrea Kristian

Alle Fragen und Antworten dazu finden Sie hier:
Epilepsie: Ursachen, Symptome, Behandlung

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