Welche Probleme können im Rahmen der Korsett-Behandlung auftreten und wie kann man sie beheben?

Möglicherweise soll Ihr Kind zur Behandlung einer Skoliose ein Korsett bekommen. Bestimmt machen Sie sich Gedanken, was Ihr Kind und auch Sie als Eltern erwartet.

Bereits die Entscheidung für ein Korsett kann eine Herausforderung darstellen, da das Kind oder vornehmlich auch der Jugendliche nicht weiß, worauf er sich einlässt. Wichtige Fragen sind in diesem Zusammenhang oft „Wie gehen meine Kumpels damit um?“ „Sieht man das Korsett durch die Kleidung?“ „Kann ich meinen Sport noch ausüben?“

Erfahrungsgemäß akzeptieren gute Freunde das Korsett sehr schnell als Teil Ihres Kindes. Andere Kinder gehen oft neugierig an die Situation heran, stellen Fragen, möchten das Korsett vielleicht auch mal anprobieren um eine bessere Vorstellung zu bekommen wie sich Ihr Kind damit fühlt. Außerdem verändert ein Korsett schließlich nicht den Charakter, sondern hilft dem Kind, gesund zu werden. In der Schule, wo man nicht zwingend mit allen Klassenkameraden gleich gut auskommt, kann eine „aktuelle Stunde“ angebracht sein – das Kind stellt mit Unterstützung eines netten Lehrers / einer netten Lehrerin das Korsett und die Skoliose mit seinen eigenen Worten vor.

Ist das Korsett ausgeliefert, stellt sich die nächste Frage: Wie damit den Alltag bestreiten? Natürlich hat das Korsett ein Eigengewicht, das Kind muss also plötzlich ein Mehr an Gewicht mit sich herumtragen. Insgesamt können die Bewegungsmuster am Anfang „unrund“ erscheinen, denn auch die Körperform ist durch das manchmal ausladend gebaute Korsett verändert. Je nach Bauweise stören am Anfang auch die Reklinationshörnchen (kleine Stützen die verhindern, dass die Schultern nach vorne fallen) die Bewegungsfreiheit. Aber wie zum Beispiel Essen und Sprechen mit einer festen Zahnspange, ist auch Korsett-Tragen Gewöhnungssache.

Vor allem jüngere Kinder können das Korsett nicht alleine anziehen (Ausziehen geht meist einfacher) und benötigen Hilfe. Umgreifen Sie das Korsett dazu mit beiden Händen von hinten und ziehen Sie es auseinander, so dass sich Ihr Kind seitlich hineindrehen kann. Danach lassen Sie das Kind hinlegen. Ein nicht zu niedriges Bett oder Sofa bieten sich dafür an. Im Liegen rutschen die inneren Organe ein bisschen nach hinten in Richtung Wirbelsäule. Das Korsett kann so leichter geschlossen werden. Kontrollieren Sie den Sitz des Korsetts. Es soll gerade sitzen (vom Orthopädietechniker zeigen lassen, ggf. fotografieren!) und Sie sollten nicht mit den Fingern unter die Pelotten (Druckpolster) greifen können. Häufig zeigen farbige Markierungen an den Verschlüssen an, wie weit diese bestenfalls zugezogen werden sollen. Gegebenenfalls die Verschlüsse direkt nach dem Anziehen noch nicht ganz zuziehen, sondern nach einer Viertelstunde nachjustieren. Aufstehen kann das Kind am einfachsten, indem es sich auf die Seite dreht und sich dann mit den Händen hochdrückt, so dass es an der Bettkante sitzt. Falls das Korsett zum Schulsport oder zum Toilettengang in der Schule ausgezogen werden darf oder muss, gute Freunde (oder bei jüngeren Kindern Lehrkräfte, denen das Kind vertraut) um Hilfe bitten. Ältere Kinder und Jugendliche, die bereits länger Korsett-Träger sind, gehen oft ganz souverän mit solchen Situationen um und benötigen wenig bis gar keine Hilfe. Sie schaffen es auch problemlos, das Korsett alleine im Stehen anzuziehen.

Manchmal erfolgt die Auslieferung auch im Rahmen eines kurzen Aufenthaltes im Krankenhaus. Dabei trifft das Kind gleich auf andere Betroffene und sieht, dass es nicht alleine mit der neuen Situation ist. Auch ein wenig Krankengymnastik steht auf dem Programm, wobei gleich Bewegungsmuster eingeübt und Anleitung für Übungen zum Muskelaufbau gegeben werden.

Die Tragegdauer des Korsetts richtet sich nach der ärztlichen Verordnung. Meistens wird aber eine tägliche Tragezeit von 23 Stunden angestrebt. Das bedeutet, dass das Korsett nur zur Körperpflege / zum Toilettengang abgelegt werden soll. Nur so wird in vielen Fällen ein gutes und vor allem stabiles Korrekturergebnis erzielt. Auch das Schlafen im Korsett muss also trainiert werden. Gegebenenfalls ist eine härtere / weichere Matratze nötig oder ein Lattenrost mit verstellbarem Kopfteil. Manchmal hilft auch ein Stillkissen, eine bequemere Schlafposition zu finden. Dass die geforderte Tragezeit nicht von heute auf morgen zu erreichen ist, wissen auch der Orthopäde und der Orthopädietechniker. Nach etwa einem Vierteljahr sollte die Eingewöhnung jedoch abgeschlossen sein. Bestehen weiterhin Probleme, bietet sich ein Gespräch mit allen Beteiligten an. Kleine Änderungen am Korsett können manchmal schon eine große Wirkung erzeugen.

Auch die Haut des Kindes muss sich an die neue Belastung gewöhnen. Das Korsett sollte nicht direkt auf der Haut getragen werden. Zu empfehlen sind spezielle nahtfreie Hemdchen (gibt es über den Orthopädietechniker) oder Schlauchverband (in verschiedensten Größen in der Apotheke erhältlich, hat jedoch keine Ärmel). Manche Mädchen tragen ab der Pubertät aber auch beschwerdefrei einen BH unter dem Korsett. Sitzt das Korsett nicht richtig, sind Pelotten zu dick oder bestehen bauliche Mängel, kann es trotzdem zu ausgeprägten Druckstellen und schlimmstenfalls zu Wunden oder zu Taubheitsgefühl und Kribbeln in den Armen / Händen kommen. Dann ist zügig der Orthopädietechniker zu informieren, Kind und Korsett müssen begutachtet werden. Sinnvoll ist eine vorbeugende Hautpflege. In der Apotheke gibt es freiverkäufliche Mittel zur Dekubitusprophylaxe und Stumpfpflege, die die Haut widerstandsfähiger machen sollen. Viele erfahrene Korsett-Träger schwören darauf. Im Sommer bei großer Hitze sinkt die Motivation, das Korsett anzuziehen, oft auf den Nullpunkt. Hier kann es helfen, die Korsetthemdchen oder den Schlauchverband vor dem Anziehen im Eisfach zu kühlen. Durchgeschwitzte Hemdchen sind zwecks Hautschutz zu wechseln.

Theoretisch kann über dem Korsett die gewohnte Kleidung getragen werden. Je nach Bauweise müssen die Schnitte etwas angepasst oder die Kleidungsstücke eine Nummer größer gewählt werden. Das Korsett sollte zum Einkaufsbummel am besten mitgenommen werden. Zu beachten ist allerdings, dass die Kleidung über dem Korsett nicht mehr so langlebig ist. Gerade auf dunklen Oberteilen können Scheuerstellen sichtbar werden. Eine schlechte Verarbeitung (selten) oder ein Bügel im Bereich der Schlüsselbeine können bei dünnen Stoffen kleine Löcher verursachen. Hosen können schnell ausgebeult aussehen. Manche Korsett-Träger tragen daher das Korsett über der Hose, im Sommer auch über dem Oberteil. Ausprobieren heißt hier die Devise.

Neben den rein körperlichen, müssen aber auch immer die psychischen Belange der Kinder und Jugendlichen im Blick behalten werden. In seltenen Fällen gestaltet sich die Eingewöhnung an das Korsett außergewöhnlich schwierig. Sie als Eltern sind gefragt, Verständnis für Ihr Kind aufzubringen, sich in seine Situation hineinzuversetzen. Eltern von Jugendlichen können, wenn sich die Statur ähnelt, auch mal selbst das Leben und Arbeiten im Korsett ausprobieren. Arzt und Orthopädietechniker sind frühzeitig hinzuzuziehen. Oft ist es hilfreich, wenn Kinder und Jugendliche Kontakt zu anderen Betroffenen knüpfen können. Sie merken, dass sie nicht alleine mit ihren Problemen sind. Von anderen lässt sich außerdem manches besser annehmen, als von den eigenen Eltern. Im Idealfall besucht jeder Korsett-Neuling eine der beiden auf Skoliose spezialisierten Rehabilitationskliniken in Deutschland. Dort gibt es auch spezielle, von Psychologen geführte Korsett-Gruppen, die über die Dauer des Aufenthaltes regelmäßig besucht werden können. Alltagsprobleme und Lösungsansätze werden besprochen, man gibt sich gegenseitig Tipps und bekommt durch die anderen Gruppenmitglieder mehr Verständnis, als es durch jeden Nicht-Betroffenen jemals möglich wäre.

Autorin: Tanja Lodermeier, Bachelor of Science - Health Care Studies

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