Skoliose: Was ist eine Schroth-Reha und was passiert dort?

Erlauben Sie mir vorab eine Klarstellung: Mit „Schroth-Reha“ ist nicht das Naturheilverfahren mit Trink- und Trockentagen zur Entgiftung des Körpers gemeint, dass Ihnen vielleicht aus Großmutters Zeiten bekannt ist. Damit wäre Ihrem Kind und seiner Skoliose nicht geholfen.

Wobei genug trinken auch nicht verkehrt ist - die Bandscheiben, die als Puffer zwischen den Wirbeln liegen, speichern Flüssigkeit und tragen damit auch ein wenig zur Aufrichtung der Wirbelsäule bei.

Rehabilitationsklinik

Vielmehr ist ein stationärer Aufenthalt in einer auf Skoliose spezialisierten Rehabilitationsklinik gemeint. Ihr Kind lernt dort nicht nur Vieles über den Aufbau der Wirbelsäule, sondern auch zu den Ursachen und Formen der Skoliose. Auch das Konzept der Schroth-Therapie wird erläutert. Schroth ist eine Form der Physiotherapie (Krankengymnastik), die den Körper mit seiner Skoliose dreidimensional sieht. Dementsprechend gibt es eine bestimmte dreidimensionale Atemtechnik, die bei den Übungen zur Anwendung kommt und im Vorfeld in „Trockenübungen“ erlernt wird. Einfach gesagt sollen die Patienten dabei in einer bestimmten Reihenfolge in die Rumpfanteile hineinatmen, die aufgrund der Skoliose „flacher“ sind. Dadurch soll eine „Aufdehnung“ dieser Bereiche erfolgen, die durch Muskelkraft gehalten werden muss. So werden diejenigen Muskelgruppen gestärkt, die einseitig zu schwach ausgeprägt sind. Diese theoretischen Inhalte werden von den Physiotherapeuten in der ersten Woche des Aufenthaltes altersgerecht in sogenannten „Anfängergruppen“ vermittelt.

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Die verschiedenen Übungen können im Liegen, im Sitzen sowie im Stehen und Gehen durchgeführt werden. Im Liegen gibt es Übungen für Bauch-, Rücken- und Seitenlage. Im Gegensatz zu manchen anderen Arten der Physiotherapie benötigt Schroth diverse Hilfsmittel - vom einfachen Hocker, über Fußbänkchen und Holzstangen bis hin zur Regenrinne findet alles Verwendung. Im Vorfeld werden Sie gebeten, für das Kind vier bis fünf Reissäckchen zu nähen (ein Waschhandschuh wird dafür mit dem ungekochten Inhalt eines Reisbeutels gefüllt und zugenäht). Diese Reissäckchen werden bei den Übungen im Liegen als Druckpolster eingesetzt.

Die ersten Tage

In den ersten Tagen der Reha erfolgen die orthopädische und physiotherapeutische Aufnahmeuntersuchung. Außerdem werden Parameter wie Größe, Gewicht, Blutdruck, Herzfrequenz, Armspannweite, Sitzgröße und die Lungenfunktion überprüft und dokumentiert. Zur Orientierung gibt es in manchen Kliniken am Anreisetag eine Hausführung.

Ab der zweiten Woche kommen die Kinder und Jugendlichen in ihre endgültige Gruppe. Die Zuordnung erfolgt dabei anhand des Krümmungsmusters der Skoliose. Das hat den Hintergrund, dass nicht jede Übung für jede Skoliose geeignet ist, sondern die Patienten erhalten ein auf sie zugeschnittenes Übungsprogramm.

Von Montag bis Samstag Mittag gibt es täglich (bei vollem Reha-Programm) zwei Einheiten Gruppentherapie und zwei Einheiten „freies Üben“, wobei eine Einheit 90 Minuten dauert. In der Gruppentherapie werden neue Übungen erlernt bzw. solche durchgeführt, die einer genaueren Beobachtung durch die Physiotherapeuten bedürfen. Im freien Üben werden die Übungen eigenständig durchgeführt. Die beaufsichtigenden Therapeuten korrigieren, wenn nötig, und sind bei Fragen und Problemen immer ansprechbar. Zusätzlich kommen – je nach Altersgruppe unterschiedliche – weitere Therapie- und Entspannungsangebote dazu: Massage, Fango, Muskelaufbau an Geräten, Trainingseinheiten für Ausdauer und Gleichgewicht (beides kann durch die Skoliose gestört sein), Einzel-Physiotherapie, Atemtherapie, Atemmassage (durch eine verminderte Atemmechanik entstehen über die Jahre Verklebungen von Rippen- und Lungenfell, die mit speziellen Griffen gelöst werden), Therapien im Wasser, usw. Zum Teil werden außerdem psychologisch begleitete Gesprächsgruppen für Patienten mit einem Korsett angeboten. Hier treffen die Kinder und Jugendlichen auf Leidensgenossen, mit denen sie sich in geschütztem Rahmen über ihre Probleme austauschen und sich gegenseitig Tipps geben können. Von Gleichgesinnten werden viele Vorschläge und Hinweise erfahrungsgemäß besser angenommen, als wenn sie von den eigenen Eltern kommen. Auch ergänzende Sportprogramme, wie beispielsweise therapeutisches Klettern oder Reiten werden unter Aufsicht entsprechend ausgebildeter Therapeuten angeboten. Sämtliche Termine inclusive Raumnummern und sonstige Informationen erhält das Kind in einem Wochenplan, der in seinem Postfach deponiert wird. Es sollte also regelmäßig ein Blick hineingeworfen werden.

Bis zu einem Alter von etwa zwölf Jahren oder bei erschwerten Bedingungen, wie bei Vorliegen einer Behinderung, können Sie als Begleitperson mit aufgenommen werden. Sie nehmen dann zusammen mit Ihrem Kind an den Gruppenstunden teil. Dort lernen Sie, wie Sie das Kind bei den Übungen unterstützen und korrigieren können. Im freien Üben setzen Sie das Gelernte zusammen in die Praxis um. Manchmal ist es sinnvoll, dass Eltern bei den ärztlichen Zwischen- und Abschlussuntersuchungen anwesend sind. Die Termine erhält Ihr Kind mit dem Wochenplan.

Da die Kinder und Jugendlichen je nach Termin und Dauer der Reha bis zu sechs Wochen die Schule nicht besuchen können, wird in manchen Kliniken eine Art Stützunterricht angeboten. So kann das Entstehen größerer Lücken vermieden werden. Nach Rücksprache können ggf. auch Klausuren unter Aufsicht geschrieben werden. Nehmen Sie als Eltern am besten Kontakt mit der Schule Ihres Kindes auf um zu klären, welcher Lernstoff in der Zeit des Klinikaufenthaltes behandelt werden soll. Oft werden Lern- und Arbeitsmaterialien im Vorfeld ausgegeben und können dann mit in die Klinik genommen werden.

Keine Angst vor der Reha-Klink

Ihr Kind muss keine Angst vor der Reha-Klinik haben. Es sieht dort nicht aus wie in einem Krankenhaus, sondern eher wie in einem Hotel. Die Mahlzeiten finden in einer Art Kantine statt. Beim Mittagessen kann (ggf. bereits am Vortag) aus mehreren Gerichten gewählt werden, beim Frühstück und Abendbrot gibt es ein Buffet. Die Tische sind oft mit Patienten aus den verschiedenen Therapiegruppen belegt und die Unterbringung erfolgt zumeist in Zweibettzimmern, so dass Ihr Kind von Anfang an Kontakt zu den anderen Patienten hat. Auch für ein abwechslungsreiches Freizeitprogramm ist gesorgt: In den Kliniken gibt es Sport-, Spiel- und Bastelangebote. Immer wieder werden von den Jugendbetreuern auch gemeinsame Ausflüge organisiert. Eventuelle Sorgen und Heimweh sind meistens also bald kein Thema mehr, da sich in den Gruppen, beim Essen oder in der Freizeit viele Freundschaften knüpfen lassen. Vielmehr gibt es an den Abreisetagen oft Tränen, weil man sich schon wieder trennen muss.

Autor: Tanja Lodermeier, Bachelor of Science Health Care Studies

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