Hodenhochstand beim Kind: Warum überhaupt eine Hormontherapie?

Beim Wort Hormontherapie werden nicht wenige Eltern von Unbehagen gepackt. Verständlich, in diesem Fall aber nach unserer Einschätzung nicht ganz berechtigt. Mit der Hormontherapie bei Hodenhochstand werden vor allem zwei Ziele verfolgt:

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  • Sie soll den Abstieg des oben zurückgebliebenen Hodens anregen und damit möglicherweise die Operation ersparen (präoperative Hormontherapie).
  • Sie soll die Reifung und Vermehrung der Keimzellen stimulieren und damit zur Verbesserung der Fruchtbarkeitschancen im späteren Leben beitragen (prä- und postoperative Hormontherapie).

Was genau ist durch die Hormontherapie beeinflussbar?

Da weniger als jeder Dritte der hochstehenden Hoden (20-30%) im Anschluss an eine Hormontherapie den Weg in den Hodensack findet, in den meisten Fällen also ohnehin operiert werden muss, könnte man auf den Gedanken kommen, die Hormontherapie gleich wegzulassen. Der Versuch, die (in der Regel in zwei Terminen stattfindende) Operation samt Risiken zu vermeiden, ist aber nur ein Grund für die Hormongabe.

Der andere, möglicherweise noch wichtigere Aspekt ist die Umwandlung von unreifen Geschlechtszellen (Gonozyten) in Spermatogonien, die normalerweise um den 3.-4. Lebensmonat herum in den Hoden erfolgt und entscheidende Bedeutung für die spätere Fruchtbarkeit Ihres Kindes hat. Dieser Schritt ist bei liegengebliebenen Hoden aufgrund der hormonellen Grunderkrankung oft gestört – zu einem gewissen Grad gilt das sogar für die normal abgestiegenen Hoden auf der anderen Seite.

Und genau an diesem Punkt kann durch die therapeutische Gabe der Hormone LH-RH und HCG das Geschehen – und damit die spätere Fruchtbarkeit – positiv beeinflusst werden. Untersuchungen weisen darauf hin, dass mit der Kombination aus Hormontherapie (LH-RH + HCG) und Operation vor dem 12. Lebensmonat die besten Resultate erzielt werden können, d.h. eine möglichst hohe Zahl an Samenvorläuferzellen (Spermatogonien) und eine möglichst niedrige Rate an Gewebeschwund bei den betroffenen Hoden.

Nicht hormonell beeinflussbar und deshalb kein Fall für die Hormonbehandlung ist ein Hodenhochstand bei sogenannter Hodenektopie, bei begleitendem Leistenbruch oder nach Leistenbruch-Operation.

Warum wird nach dem 1. Lebensjahr keine Hormontherapie mehr empfohlen?

Bei Untersuchungen des Hodengewebes von Kindern, die nach dem 1. Geburtstag mit dem Hormon HCG behandelt wurden, wurden Entzündungsbefunde und vermehrter Zelltod (Apoptose) festgestellt. Möglicherweise liegt dies daran, dass die im Keimdrüsengewebe nach dem 1. Lebensjahr vorwiegend vorhandenen Keimzellen empfindlich gegenüber HCG sind. Aus diesem Grund wird in Deutschland die Hormontherapie nach dem 1. Lebensjahr nicht mehr empfohlen.

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Quelle: AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V.)

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