Moderne Antidepressiva: Nutzen überschätzt?

Der Nutzen moderner Medikamente gegen Depressionen wird immer wieder in Frage gestellt. Haben Sie wirklich einen Vorteil gegenüber älteren Präparaten und anderen Behandlungsmaßnahmen? Oder wird hier nur Geld mit einer Volkskrankheit verdient? Das "Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen" (IQWiG) hat jetzt drei moderne Antidepressiva unter die Lupe genommen – und kommt zu ernüchternden Ergebnissen.

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Bewertet wurden die vorliegenden Studiendaten für die Wirkstoffe Reboxetin, Mirtazapin und Bupropion.

Reboxetin: "ungünstige" Daten weggelassen?

Apropos "vorliegende Studiendaten": Der Wirkstoff Reboxetin wurde laut IQWiG in mindestens 16 Studien an etwa 4.600 Menschen mit Depression erprobt. Der Hersteller Pfizer gab aber nur die Daten von etwa 1.600 Patienten bekannt. Für das Institut ein Unding, denn wenn so viele Daten fehlen, sei eine sachgemäße Beurteilung praktisch unmöglich. Denn es sei ja durchaus denkbar, dass vom Hersteller vor allem die ungünstigen Studienergebnisse im Schließfach belassen worden seien. Gegen diesen Vorwurf wehrt sich zwar der Pharmakonzern, aber von der Hand zu weisen ist dieser Verdacht nicht.

Das vorläufige IQWiG-Urteil: Datenlage unzuverlässig, kein nachgewiesener Nutzen.

Mirtazapin: fragwürdige Wirkung

Auch bei Mirtazapin fehlten Studiendaten, wenn auch nicht ganz so viele. Den Recherchen zufolge führte der Hersteller Essex 31 Untersuchungen durch, dem Institut wurden aber nur die Ergebnisse von 27 Studien zur Verfügung gestellt.

Gegenüber Plazebo gab es eine nachweisbar überlegene Wirkung, allerdings ohne vermehrte komplette Heilungen und mit mehr Nebenwirkungen. Die Behandlung mit Mirtazapin war in den meisten Studien allerdings nicht erfolgreicher als die mit anderen Antidepressiva.

Das vorläufige IQWiG-Urteil: Nutzen fraglich, weil nicht alle Daten vorliegen.

Bupropion: Nutzen nachgewiesen, aber schlechter als Venlaxafin

Einzig zum Wirkstoff Bupropion lagen dem IQWiG alle Daten aus insgesamt 6 Studien vor (Hersteller: GlaxoSmithKline). Darin zeigte sich eine nachweisbare Wirkung im Vergleich mit Plazebo, bei insgesamt guter Verträglichkeit. Im einzigen Direktvergleich mit einem anderen Antidepressivum erwies sich dieses – Venlaxafin – aber als überlegen.

Das vorläufige IQWiG-Urteil: Nutzen nachgewiesen, gute Verträglichkeit, aber möglicherweise kein Vorteil gegenüber Vergleichspräparaten.

Wer hat recht: Die Pharmafirmen oder das Bewertungsinstitut?

Der Fairness halber wollen wir aber auch die kritischen Stimmen erwähnen: Die Bewertungen des IQWIG geben regelmäßig Anlass zu Beschwerden. Mal sind es Hersteller, mal auch Patientengruppen, die die Berichte kritisieren. Ein häufiger Vorwurf lautet, dass bei den Beurteilungen der Patient selbst und dessen – subjektive – Einschätzung wenn überhaupt nur unzureichend berücksichtigt werde. Ein anderer richtet sich dagegen, welche Studien für die Bewertung des Nutzens eines Arzneimittels herangezogen werden und welche nicht. Das IQWIG wähle, so der Vorwurf, die Studien nach wissenschaftlich umstrittenen Kriterien aus. Deshalb würden viele Ergebnisse zur Wirkung von Medikamenten nicht berücksichtigt.


Autoren: WANC/Dr. med. Jörg Zorn 11.06.09
Quelle: IQWIG

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