Welche Wirkung und Nebenwirkungen hat Tiotropium (Spiriva) bei COPD?

Spiriva® enthält den Wirkstoff Tiotropiumbromid, das ist ein sogenannter Muscarin-Rezeptor-Antagonist. Das Medikament bzw. Spray führt zu einer Erweiterung der Atemwege.

Verengung der Bronchien wird blockiert

Und nun etwas genauer: Tiotropium besetzt Muscarin-Rezeptoren, die normalerweise auf den körpereigenen Botenstoff Acetylcholin reagieren und nach Bindung von Acetylcholin eine Verengung der Atemwege bewirken. Blockiert Tiotropium die Rezeptoren, können sie auf den Botenstoff nicht mehr reagieren und es kommt zur Weitstellung der Atemwege, einer sogenannten Bronchodilatation. Vor allem die größeren, oberen Atemwege sind von diesem Effekt betroffen. Aufgrund dieser Eigenschaft wird das Medikament bei der Behandlung von Asthma und COPD verordnet.

Wie oft muss man Tiotropium (Spiriva) anwenden?

In der Regel wird Spiriva® nur einmal täglich angewendet, da Sie, wenn Sie das Medikament verschrieben bekommen, wahrscheinlich zusätzlich andere Präparate zu Behandlung Ihres Asthmas oder Ihrer COPD einnehmen. Um eine optimale Wirkung zu erzielen, sollte das Spray genau nach Dosierungsanleitung angewendet werden, da sich die volle Wirksamkeit erst nach einigen Tagen entfaltet und nur durch eine regelmäßige Anwendung aufrecht erhalten werden kann. Die genaue Art der Anwendung sollten Sie im Zweifel immer mit Ihrem behandelnden Arzt absprechen.

Welche Nebenwirkungen können unter Tiotropium (Spiriva) auftreten?

Da Tiotropium als Spray inhaliert wird, kommt der Wirkstoff auch mit der Mundschleimhaut in Berührung. Diese enthält Muscarin-Rezeptoren, die durch die Anwesenheit des körpereigenen Botenstoffes Acetylcholin eine Befeuchtung der Schleimhaut bewirken. Da Tiptropium die Rezeptoren blockiert und Acetylcholin dadurch vorübergehend unwirksam macht, kann es nach der Anwendung des Sprays zu einem trockenen Gefühl im Mund kommen.

In seltenen Fällen kann es auch zu einer Beschleunigung des Herzschlages, zu Problemen beim Wasserlassen und zu Sehstörungen kommen. Allergische Reaktionen wurden bisher nicht berichtet.

Sollten Sie nach der Anwendung von Tiotropium (Spiriva) Beschwerden bei sich feststellen, die Sie vor der Einnahme des Medikaments noch nicht hatten, sollten Sie dies Ihrem Arzt mitteilen. Ein Zusammenhang mit dem Präparat muss nicht gegeben sein, eine gewissenhafte Abklärung Ihrer Beschwerden und deren Ursachen sollten aber dennoch erfolgen.

Kann man Tiotropium (Spiriva) einfach absetzen?

Zwar tritt bei der Anwendung von Tiotropium anders als bei anderen Sprays zur Erweiterung der Bronchien keine Gewöhnung des Körpers statt, die Entzugserscheinungen zur Folge haben könnten. Allerdings können die Symptome Ihrer zugrundeliegenden Erkrankung nach einem plötzlichen Absetzen wieder sehr heftig werden, auch wenn Sie während der Anwendung des Medikaments keinerlei Atembeschwerden hatten. Atemnot bis hin zu Erstickungsanfällen können nach dem Weglassen des Medikaments die Folge sein. Deshalb sollten Sie immer mit dem behandelnden Arzt Rücksprache halten, bevor Sie Tiotropium absetzen, um das Risiko einer Fehlentscheidung zu minimieren.

Hintergrundwissen zu Tiotropium

Tiotropium gilt als eine der wichtigsten Neuerungen auf dem Gebiet der COPD-Therapie und zählt gegenwärtig zum Goldstandard der verfügbaren Optionen. Mittlerweile hat das langwirksame Anticholinergikum auch einen Platz in der Behandlung von Patienten mit schwer kontrollierbarem Asthma gefunden. Da der Inhalator mindestens so wichtig ist wie die Wirksubstanzen, die er verfügbar macht, ist auf eine baldige Erweiterung der Produktauswahl zu hoffen.

Wie wirkt Tiotropium?

Tiotropium blockiert den Effekt von Acetylcholin selektiv am Muscarin-Rezeptor M3 und bewirkt so eine Erweiterung der Bronchien. Neben der Kontraktion der glatten Muskulatur hemmt das Anticholinergikum dort auch die Schleimsekretion. Möglicherweise wirkt es sich zudem positiv auf den Entzündungsprozess und die Struktur der Atemwege aus.

Als erstes lang wirksames Anticholinergikum (LAMA) hat Tiotropium die Therapiemöglichkeiten bei COPD erweitert, wenn nicht revolutioniert. Bis dahin standen als pharmazeutische Optionen vor allem kurz oder lang wirksame Beta-2-Sympathomimetika (LABA) und kurz wirksame Anticholinergika (SAMA) zur Verfügung.

Im Gegensatz zum kurz wirksamen Ipatropium hält der brochodilatatorische Effekt von Tiotropium über 24 Stunden an. Dabei bindet es nicht nur mit einer etwa zehnfach höheren Affinität als Ipatropium an den Muskarin-Rezeptor. Sondern es löst sich auch viel langsamer aus der Rezeptorbindung, so dass eine maximale Bronchienerweiterung über 15 Stunden nachweisbar ist, bevor die Wirkung langsam nachlässt. Ein Vorteil liegt auf der Hand: Das Mittel muss nur einmal täglich inhaliert werden.

Im GOLD-Standard fast immer dabei

Die aktuellen Empfehlungen der Global Initiative for Chronic Obstructive Lung Disease (GOLD) lauten wie folgt:

  • Bei einer mittelschweren COPD (Schweregrad 2) sind erste Wahl der Pharmakotherapie entweder LAMA (Tiotropium) oder LABA (Formoterol oder Salmeterol).
  • Bei einer höhergradigen COPD sind erste Wahl ebenfalls LAMA, alternativ dazu die Kombination aus inhalativen Kortikosteroiden (ICS) und LABA.
  • Können die COPD-Symptome mittels Monotherapie nicht ausreichend kontrolliert werden, wird zur dualen Bronchodilatation mit zwei lang wirksamen Bronchodilatatoren (Beta-2-Agonist plus Anticholinergikum) geraten.
  • Je nach Ansprechen der Therapie und individueller Situation kommen in der zweiten Linie auch diverse andere Kombinationen in Betracht, wobei Tiotropium bzw. LAMA fast immer mit von der Partie sind.

Evidenzbasierte Vorteile

Der Stellenwert von Tiotropium in der COPD-Behandlung ist mit Evidenzgrad A fundiert. Verschiedene, teilweise hochrangig publizierte Studien belegen seine therapeutische Überlegenheit nicht nur gegenüber Plazebo, sondern auch im Vergleich mit anderen Medikamenten wie Ipratropium und dem langwirksamen Beta-2-Sympathomimetikum Salmeterol. Im Einzelnen wurden folgende Vorteile ermittelt:

  • verbesserte Lungenfunktion in der Langzeittherapie ohne Toleranzentwicklung;
  • stärkere Reduktion von Atembeschwerden;
  • Senkung der Anzahl und Dauer von Exazerbationen;
  • reduzierte Lungen-Überblähung;
  • nachhaltig verbesserte Belastbarkeit;
  • geringere zusätzliche Einnahme von kurz wirksamen Beta-2-Sympathomimetika;
  • verbesserte Lebensqualität;
  • gute Verträglichkeit und Sicherheit.

An unerwünschten Wirkungen ist mit Mundtrockenheit zu rechnen, ansonsten ist die Gefahr von Nebenwirkungen gering.

Zwei wichtige Studien

Die Einjahresstudie POET-COPD (Prevention Of Exacerbations with Tiotropium) mit mehr als 7.000 Patienten wurde 2011 im New England Journal of Medicine veröffentlicht. Ergebnis: eine signifikante Abnahme des Exazerbationsrisikos durch Tiotropium gegenüber Salmeterol.

Die länger dauernde UPLIFT-Studie (Understanding Potential Long-term Impacts on Function with Tiotropium) wies ebenfalls einen signifikanten therapeutischen Nutzen für Tiotropium nach. Zwar konnte die Krankheitsprogression als solche nicht substanziell beeinflusst werden. Es kam aber zu einer nachhaltigen Besserung von Lungenfunktion und Lebensqualität sowie zur Abnahme von Exazerbationen und Hospitalisationen. In der Langzeitanwendung wurde eine reduzierte Gesamtmortalität der behandelten COPD-Patienten nach vier Jahren beobachtet.

Positive Nutzenbewertung

Auch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat den nutzenstiftenden Effekt von Tiotropiumbromid für eine bessere Lebensqualität der COPD-Patienten bestätigt. Ferner wurden die Vorteile des Anticholinergikums in Bezug auf seltenere Exazerbationen und Hospitalisierungen behördlich verifiziert. Und zwar nicht nur gegenüber Plazebo, sondern auch im Vergleich mit den Wirkstoffen Salmeterol, Formoterol, Indacaterol und Ipratropium.

Im Plazebo-Vergleich sieht das IQWiG zudem leichte Vorteile bzw. „Hinweise für einen Nutzen“ aufgrund schwächer ausgeprägter Symptome. Als „Anhaltspunkt“ wertet das Institut die positiven Ergebnisse bezüglich der Belastbarkeit im Alltag.

Autoren: Dr. Hubertus Glaser, Celina Hofmann & Dr. med. Jörg Zorn

Quellen:

  • Global Initiative for Chronic Obstructive Lung Disease (GOLD): Global strategy for the diagnosis, management, and prevention of COPD. Revised 2015. www.goldcopd.org
  • Kirsten AM et al. Bronchodilatatorische Therapie der COPD. Dtsch med Wochenschr 2014;139(06):264-7.
  • Hoc S. COPD-Therapie: Tiotropium verbessert die Lungenfunktion. Dtsch Arztebl 2002; 99(37): A-2435.
  • Vogelmeier C et al.Tiotropium versus Salmeterol for the Prevention of Exacerbations of COPD. N Engl J Med 2011; 364:1093-103.
  • Corhay JL, Louis R. Rev Med Liege 2009;64(1):52-7.
  • Bas H. Asthma und COPD: Was muss besser werden? Der Allgemeinarzt 2013;35(2):38-41.
  • Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG): Tiotropium hat Vorteile für Patientinnen und Patienten mit COPD. Pressemitteilung v. 22.08.2012. www.iqwig.de
  • Braunwarth A. Tiotropium gegen Asthma. Medical Tribune 2015. www.medical-tribune.de (Zugriff am 04.03.2016)
  • Proskocil BJ, Fryer AD. Beta2-agonist and anticholinergic drugs in the treatment of lung disease. Proc Am Thorac Soc 2005;2:305–10; discussion 11–2.
  • Kerstjens HA et al. Tiotropium improves lung function in patients with severe uncontrolled asthma: A randomized controlled trial. J Allergy Clin Immunol 2011;128:308–14.
  • Huib AM et al.: Tiotropium in asthma poorly controlled with standard combination therapy. N Engl J Med 2012;367:1198–207.
  • Global Initiative for Asthma (GINA): Global Strategy for Asthma Management and Prevention (2015 update). www.ginasthma.org
  • www.mediakademie.de  (Zugriff am 04.03.2016)
  • Bas H. Tiotropium bei schwer kontrollierbarem Asthma bronchiale. Ars Medici 2013;3:170-1.
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